Spitalserie: Die Gegenwart als Notaufnahme

Nr. 3 –

Offene Wunden, viel Blut und Tränen; Wiederbelebungen, Punktionen im Akkord und Psychiatrie unter Zeitdruck. Woher rührt die grosse Begeisterung für die Spitalserie «The Pitt»?

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Videostill aus der TV-Serie «The Pitt»: Chefarzt Dr. Robby und sein Team bei einer Operation
Legen die Finger – auch politisch – in die richtigen Wunden: Chefarzt Dr. Robby (mit Bart, Noah Wyle) und sein Team. Foto: Warrick Page, HBO Max

Niemand würde sich freiwillig in eine chaotische, chronisch überfüllte und unterfinanzierte Spitalnotfallstation setzen. Und doch feiert eine US-Serie, die uns fünfzehn Folgen lang in einer solchen Notaufnahme festhält, gerade grosse Erfolge: nicht nur bei der breiten Masse, sondern auch beim medizinischen Fachpersonal. Der «New Yorker» liess gar einen Arzt eine hymnische Rezension auf «The Pitt» schreiben. Seine Pointe: Nach einer langen Spitalschicht schaue er gern noch ein paar Folgen der HBO-Serie, quasi zum Runterkommen. Man darf vermuten: Wenn Laien und Expertinnen so einhellig schwärmen, steht mehr auf dem Spiel.

«24» trifft auf «ER»

Nüchtern betrachtet kombiniert «The Pitt» zwei Erfolgsrezepte aus dem Serienuniversum der neunziger und nuller Jahre: «24» und «ER». Von «24» kopierte man die Logik der simulierten Realzeit, eine Stunde Serie entspricht einer Stunde Realität auf einer hektischen Notfallstation. Pausen gibt es keine, wir absolvieren gemeinsam mit Ärztinnen, Pflegern, Sozialarbeiterinnen und Patient:innen eine beinharte fünfzehnstündige Schicht – allerdings bequem auf dem Sofa.

Von «ER», einer der erfolgreichsten Spitalserien aller Zeiten, übernahm man den exklusiven Fokus auf den «Emergency Room», die Notfallaufnahme, und auf all die medizinischen und zwischenmenschlichen Dramen, die sich dort abspielen. Die Welt ist alles, was der Notfall ist. Es gibt auch personelle Überschneidungen: Doctor Michael «Robby» Rabinovich, Chefarzt und Hauptfigur von «The Pitt» etwa, wird verkörpert von Noah Wyle, der in «ER» über mehrere Staffeln vom blutjungen Assistenzarzt zum routinierten Notfallmediziner heranwuchs. Heute führt er auch Regie und arbeitet am Drehbuch mit.

Dazu kommt: «The Pitt» legt den Finger in die richtigen Wunden. Nicht nur in den Schockräumen der Notfallstation, sondern auch politisch. Bereits in der ersten Folge wird das Feld abgesteckt: Die CEO des Krankenhauses wünscht eine «effizientere Abfertigung» der Patient:innen und eine «höhere gemessene Kund:innenzufriedenheit», droht offen mit Absetzungen und Schliessung. Dr. Robby erklärt ihr, dass es halt mehr betreute Spitalbetten brauche, damit seine Patient:innen schneller verlegt werden könnten. Und dass die Zufriedenheit automatisch steigen würde, wenn die Leute nicht acht bis zwölf Stunden auf eine Behandlung warten müssten. Beides bräuchte Investitionen, die nicht automatisch mehr Einkünfte generieren.

Mehrere Plots der bisher abgedrehten zwei Staffeln behandeln solche Fragen: In Staffel 1 wird etwa die grossartige Chefpflegerin und Aufnahmekoordinatorin Dana (Katherine LaNasa) von einem unzufriedenen «Kunden» mit einem Faustschlag niedergestreckt. In Staffel 2 sollen zweifelhafte KI-Experimente die Effizienz steigern – bis ein Cyberangriff alles auf Analogbetrieb zurückwirft.

Welt im Ausnahmezustand

Ein weiteres herausragendes Merkmal von «The Pitt»: die hohe Kunst des Realismus. Zwecks Authentizitätssteigerung wird auch im Hintergrund stets «echt» gearbeitet: Blutdruck gemessen, Verbände angelegt, Patient:innengespräche geführt. Mehrere Notfallmediziner:innen haben am Drehbuch mitgearbeitet und Schauspieler:innen sowie Regisseure gecoacht. Eine von Noah Wyles Beraterinnen war zudem seine Mutter, die als Pflegerin gearbeitet hat.

Doch auch dieser aufwendige Realismus kann das süchtig machende Potenzial von «The Pitt» nicht ganz erklären. Ist die Serie also vielleicht in einem viel umfassenderen Sinn eine schlüssige Metapher auf die Gegenwart? Auch Petra Volpes Nahaufnahme der Nachtschicht einer Krankenpflegerin im Kinodrama «Die Heldin» schlug schliesslich letztes Jahr überdurchschnittlich viele in ihren Bann. Aber natürlich ist es nicht unproblematisch, wenn hier eine nur allzu konkrete Realität zur Illustration eines mehr oder weniger abstrakten Zeitgeistgefühls herangezogen werden soll.

Trotzdem scheint es nicht allzu verwegen, die vergangenen Jahre als eine Aneinanderreihung von Notfällen zu beschreiben: von unerwarteten Ereignissen, die unsere Aufmerksamkeit immer wieder neu in Beschlag genommen haben. Damit wird die turbulente Schleuse einer Notfallstation, durch die in rascher Folge Herzinfarkte, Überdosen, allergische Reaktionen, Familiendramen und lebensgefährlich verwundete Opfer eines Amoklaufs gespült werden, tatsächlich in mancherlei Hinsicht zum Sinnbild einer unberechenbaren Welt im Ausnahmezustand.

Wie jede gelungene Fiktion bleibt «The Pitt» dabei im Kern unerlöst. Und bietet dennoch Halt, Unterhaltung und Trost: weniger mit abstrakten Weisheiten als im professionellen Zusammenspiel der Protagonist:innen, die einem ans Herz wachsen, manche auch contre cœur. Gemeinsam mit den mal ehrgeizigen, mal überforderten Medizinstudent:innen lernen wir von den erfahrenen älteren Semestern, dass im Ernstfall nicht immer streng nach dem Lehrbuch operiert werden kann. Wie man trotz aller Hektik respektvoll mit Tod und Leid umgeht. Dass nicht immer alles gut herauskommt, manche Erlebnisse gar tiefe seelische Spuren hinterlassen, aber Chaos und Zeitdruck Menschen auch auf bewundernswerte Art über sich hinauswachsen lassen.

«The Pitt». USA 2025. Idee und Showrunner: R. Scott Gemmill. Staffel 1 gibts vollständig auf der neuen Plattform HBO Max. Staffel 2 erscheint seit 13. Januar 2026: jeden Freitag eine Folge.