Nr. 05/2017 vom 02.02.2017

Wenn aus Rassismus Mord wird

Von Daniel Hackbarth

Während die Welt entsetzt verfolgt, wie der US-amerikanische Präsident Donald Trump in seinen ersten Amtstagen in Washington agiert, verübt einer seiner Fans einige Hundert Kilometer weiter nördlich ein Massaker. Sechs Menschen sterben in Québec, neunzehn weitere werden teils schwer verletzt, als der 27-jährige Alexandre Bissonnette am Sonntagabend in eine Moschee stürmt und um sich schiesst. Seitdem steht Kanada unter Schock.

Rund eine halbe Million Menschen leben in Québec-Stadt, das eigentlich zu den sichersten Orten Nordamerikas zählt; im gesamten vergangenen Jahr ist dort nur ein einziger Mord registriert worden. Nun wurde die Metropole zur Stätte eines Blutbads, verübt von einem Islamhasser. Und dies ausgerechnet kurz nachdem der kanadische Premier Justin Trudeau in Reaktion auf die xenophobe Politik des US-Präsidenten erklärt hatte, dass seine Landsleute Flüchtlinge weiterhin willkommen heissen würden. «Diversity», also Vielfalt, sei die Stärke Kanadas.

Das sehen dort nicht alle so. Seit Jahren wird in Kanada hitzig über den Islam debattiert, auch mit rassistischen Untertönen. Private Radiosender beschwören immer wieder die Gefahren des globalen Dschihadismus. Und auch PolitikerInnen nährten Ressentiments: Jean-François Lisée, Chef des separatistischen Parti Québécois, verstieg sich vor einigen Monaten zur Behauptung, Frauen in einer Burka seien ein Sicherheitsrisiko, da man unter dem Kleidungsstück hervorragend Waffen verstecken könne.

Dies alles, obwohl nur rund drei Prozent der Bevölkerung Kanadas MuslimInnen sind. Bemerkenswerterweise führte der Anschlag vom Sonntag nun dazu, dass PolitikerInnen und Medien begonnen haben, ihre Polemiken gegenüber dem Islam infrage zu stellen. «Es war keine gute Idee, die Sache mit der Burka in die Diskussion einzuführen. Wir könnten unsere Rhetorik mässigen, während wir unsere Werte debattieren», sagte etwa Lisée.

Bekannte des Schützen erzählten kanadischen Medien, dass der Täter ein introvertierter Einzelgänger gewesen sei. Bissonnette, der nun auf seinen Prozess wartet, studierte Anthropologie und Politikwissenschaft an der Universität Laval in Québec; in Diskussionen bezog er laut seinen KommilitonInnen immer wieder fremden- und frauenfeindliche Positionen und sprach bewundernd von seinen Idolen, zu denen neben Trump auch Marine Le Pen zählt. Die Chefin des rechtsextremen französischen Front National hatte im März 2016 Québec besucht, was Zeitungsberichten zufolge zur weiteren Radikalisierung Bissonnettes beigetragen haben soll. Welche Früchte die menschenfeindliche Ideologie dieser Leute trägt, hat sich am Wochenende gezeigt.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch