Nr. 06/2017 vom 09.02.2017

Scheintot auf der Couch

Von Stephan Pörtner

In der schlimmsten Phase seines persönlichen Zusammenbruchs verharrte Knesendonk in einer Art vorgezogenen Leichenstarre. Drei Stunden lag er regungslos auf seiner Designercouch und liess sich von Existenzängsten annagen. Da erfasste ihn ein verloren geglaubter Elan, der ihn einer Sprungfeder gleich aufhüpfen und ins Nebenzimmer eilen liess, wo er sein schönstes Hemd anzog. Wenige Augenblicke später trat er voller Zuversicht vor die Wohnungstür. Durch die Fenster des gut gefüllten Vorortsbusses, der in diesem Moment vorbeifuhr, starrten ihn müde und missmutige Gesichter an, und Knesendonk sah ein, dass er sich nicht jedes Mal derart niederschmettern lassen durfte, wenn sein Statusupdate unbemerkt blieb.

Stephan Pörtner ist Krimiautor («Köbi der Held», «Stirb, schöner Engel», «Mordgarten») und lebt in Zürich. Für die WOZ schreibt er Geschichten, die aus exakt 100 Wörtern bestehen. Die WOZ hat eine Auswahl unter dem Titel «100 Mal 100 Wörter» als Buch herausgegeben, das unter www.woz.ch/shop/woz-buecher erhältlich ist. Sein Krimi «Mordgarten» ist unter www.woz.ch/shop/buecher zu haben.

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