Nr. 10/2017 vom 09.03.2017

Boni für Blut und Büsis

Bei Tamedia gibt es jetzt Cash für Klicks. Ist das nun der Untergang des Onlinejournalismus – oder bloss dessen ehrlichste Ausführung?

Von Alice Kohli

Das Browserfenster ist sowieso schon geöffnet, zum nächsten Meeting sind es noch ein paar Minuten – warum nicht kurz nachschauen, was auf der Welt so läuft?

Fast egal welche Nachrichtenseite man aufruft, eine Viertelstunde später ist die Bilanz über den Wissensgewinn häufig recht bescheiden. Denn die Weltlage versteckt sich zwischen Belanglosigkeiten, die sich als Lückenfüller einfach besser eignen. Hier ein paar Stars aus einer Fernsehserie der neunziger Jahre, die heute – wer hätte das gedacht? – zwanzig Jahre älter sind. Dort eine brandneue Studie zu den neusten Ernährungstrends aus den Vereinigten Staaten – Überraschung: Gemüse ist immer noch gesund. Ein Autounfall im Kanton Aargau – und dann war da noch irgendwas in Osteuropa, aber dafür ist keine Zeit mehr, denn die Sitzung beginnt gleich.

Mehr Klicks, mehr Geld

Das Rennen um die LeserInnengunst macht in der Regel nicht die wichtigere Geschichte, sondern der saftigere Lead. Auf dieser virtuellen Aufmerksamkeitsverteilung basiert das Geschäftsmodell von Nachrichtenseiten. Die Werbeeinnahmen bemessen sich nach der Anzahl Seitenaufrufe: Mehr Klicks verheissen mehr Geld. Eigentlich ist es also nichts als konsequent, dass Tamedia nun angefangen hat, Boni für Klickgranaten zu verteilen, bis zu 800 Franken zusätzlich pro Trimester sind möglich.

Peter Wälty, der Leiter Digitale Entwicklung bei Tamedia, hat das neue Bonusmodell für die deutschschweizerischen MitarbeiterInnen des Newsexpress-Teams eingeführt – vorerst als Testlauf. Dem Newsexpress-Team gehören fünfzehn RedaktorInnen an. Ihr Job ist es, Agenturmeldungen umzutexten und Bildstrecken zu erstellen. Die so entstandenen Artikel erscheinen dann auf 20min.ch und auch auf den anderen Nachrichtenseiten der Newsnet-Plattformen tagesanzeiger.ch, derbund.ch, bernerzeitung.ch und baslerzeitung.ch.

In der Stellenausschreibung für das Team stand sinnigerweise: «Wir bieten für ‹News-Junkies› eine spannende Tätigkeit.» Die «Junkies» sollten ein breites Allgemeinwissen mitbringen und sich für das Weltgeschehen interessieren – von der Politik über Wirtschaft bis hin zu Sport und Kultur. Ausserdem mussten sie noch als initiative und flexible Personen mit Einsätzen im Schichtbetrieb überzeugen. Seit Sommer 2015 existiert das Team und hat – wohl der hohen Flexibilität verschuldet – schon zahlreiche Ab- und Neuzugänge verbuchen müssen.

Die «News-Junkies» sitzen nun im Tamedia-Hauptsitz im Grossraumbüro. Über ihnen hängt ein riesiges Display mit Echtzeitanalysen zu den Klickraten der Artikel. Dort können sie ablesen, welche Titel ziehen – und welche weniger. Glücklich der Redaktor, der eines der berühmten drei B – Blut, Busen oder Büsis – betexten darf: Damit hat er im Newsbusiness klassischerweise gute Karten. Schwieriger wird es für die Sitznachbarin, die mit schweissnassen Händen das letzte bisschen Sexyness aus der Ständeratsdebatte herausquetschen muss.

Vier Monate soll der Test mit der Bonibezahlung laufen, vier Wochen sind schon um. «Für eine Ausweitung auf andere Redaktionen bestehen keine Pläne», beschwichtigt Konzernsprecher Christoph Zimmer. Diese konzentrierten sich auf diejenigen Inhalte, die ihren Medien ein eigenes Profil gäben. Das könne bei «20 Minuten» beispielsweise ein Interview plus Onlineumfrage sein, beim «Tages-Anzeiger» eine Analyse und bei der «Berner Zeitung» eine Einordnung aus regionaler Perspektive. Diese Inhalte seien bei allen Medien unterschiedlich und vom jeweiligen publizistischen Profil abhängig.

Aufgemotzt zur Unkenntlichkeit

Da ist es fast schon schade, dass die Redaktionen aus den Stammhäusern nicht ebenfalls nach Klickraten bezahlt werden, damit nicht nur die Nebenschauplätze gewinnen: Agenturmeldungen, die es in der Printausgabe auf ein paar magere Zeilen gebracht hätten, aufgemotzt zur Unkenntlichkeit. Unter dem Oberbegriff «News» verkommen Analysen und Reportagen, Meldungen und Meinungen auf den Nachrichtenseiten zu einem undurchsichtigen Konglomerat. Die Panorama-Kurzmeldung aus dem Aargau, aufbereitet durch einen News-Junkie im Schichtbetrieb, kommt womöglich im schickeren Gewand daher als die eingehende Analyse zum Krieg in der Ostukraine, geschrieben von einer ausgewiesenen Expertin.

Der Kampf um Klicks wird einzig in Titel, Untertitel und Lead ausgetragen. Was in der Welt läuft, muss man anders herausfinden.

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