Nr. 10/2017 vom 09.03.2017

Es wird eng in der Gegenwart

Eine Ausstellung hat die Geschichte von Freiräumen in Zürich zusammengetragen. Beim Blick in die Zukunft zeigt sich: Der Raum für zusätzliche Verbesserungen wird knapp.

Von David Hunziker

Wie frei ist Zürich? Der silbern angesprayte Kunstraum Perla-Mode in der Zürcher Langstrasse kurz vor dem Abriss im Febuar 2016. Foto: Michal Bzdziuch

Da ist es wieder, dieses verheissungsvolle Wort mit der schillernden Bedeutung: Freiraum. Ein Astronaut mit Regenschirm sagt es mit einem bestimmten Tonfall in die Kamera. Er ist einer der BesetzerInnen, die per Video Stellung nehmen zur kürzlichen polizeilichen Räumung der Besetzung an der Effingerstrasse 29 in Bern, der Zerstörung ihres Freiraums. Dann kommt eine Aktivistin mit Kopfhaube ins Bild und zählt Forderungen auf: von der Enteignung der Burgergemeinde bis zur Überwindung des globalen Kapitalismus. Ihr Freiraum ist alles zwischen Bunker und ausstrahlender Globalutopie.

Der allererste Freiraum von Zürich hiess ja tatsächlich Bunker, Autonome Republik Bunker. Jedenfalls, wenn man nach der fünfzigjährigen Geschichte der Zürcher Freiräume geht, die derzeit in der alternativen Zürcher Galerie Dienstgebäude in Form einer kleinen Ausstellung erzählt wird. Wenn man hier danach fragt, was ein Freiraum ist, kommt die Antwort im Vorwort zur begleitenden Publikation der Kuratoren Michele D’Ariano Simionato und Marco Jacomella zuerst einmal vom üblichen Verdächtigen: dem marxistischen Soziologen und Vater des «Rechts auf Stadt», Henri Lefebvre: Ein Freiraum – eine «Heterotopie», wie er das nennt – sei ein Ort der Grenze, wo neue soziale Möglichkeiten geschaffen würden. So weit, so abstrakt.

Eine lebenswerte Stadt

Bei der Behandlung ihres Materials geht die Ausstellung das Thema im Vergleich zu den BesetzerInnen der Berner Effingerstrasse zunächst von der entgegengesetzten Seite an: Sie trägt den Titel «Alles ist gut». Das ist natürlich eine provokative Anspielung auf das grosse Versprechen, das Anfang der neunziger Jahre an einer Fassade auf dem besetzten Wohlgroth-Areal am Zürcher Hauptbahnhof prangte: «Alles wird gut». Die Behauptung, diese Forderung sei in der Zwischenzeit vollständig erfüllt worden, soll wohl ein Trigger sein, um unser kritisches Bewusstsein zum Einspruch zu bewegen.

Aber längst nicht nur. Im Ausstellungsraum hängen zwei grosszügige Grafiken an der Wand: ein Zeitstrahl mit je einem schwarzen Balken für die wichtigsten Freiräume in der Geschichte Zürichs sowie eine Stadtkarte, auf der sämtliche Freiräume – die ohne Vollständigkeitsanspruch zusammengestellte Liste umfasst 573 Stück – grün markiert sind. Der erste Schluss: Das ist eigentlich eine ganze Menge. Und es werden immer mehr. Vor allem dank der Besetzungen der achtziger Jahre und der wohlwollenden Institutionalisierungen der rot-grünen Regierungen ab 1990 ist das alternative Kulturangebot in Zürich explodiert.

Ähnlich sehen das einige der ProtagonistInnen wichtiger Freiraumkämpfe, die für die Ausstellung interviewt wurden. In den zugehörigen Videos sehen wir jedoch nicht diese Menschen, sondern ihre ehemaligen Kampfplätze, wie sie sich heute präsentieren. Obwohl es wehtun muss, als Beteiligte auf die Stelle zu blicken, wo nun ein architektonisches Ungetüm am Platz des ehemaligen Kunstraums Perla-Mode steht, findet die Künstlerin und Perla-Betreiberin Esther Eppstein gelassene Worte zum Zustand der Stadt. Für KünstlerInnen sei Zürich heute eine lebenswerte Stadt mit vielen Möglichkeiten.

Pessimistischere Töne schlägt Mischa Brutschin, einer der InitiantInnen der Wohlgroth-Besetzung, an. Für ihn ist das heutige Zürich «ein Ort von Niederlagen und verpassten Möglichkeiten». Gemessen an den damaligen Ansprüchen sei das Erreichte minim, die Errungenschaften der Achtzigerbewegung heute weitgehend kommerzialisiert. Sind das also die einzigen Alternativen: sich entweder mit den institutionalisierten Errungenschaften zufriedenzugeben oder gleich die totale Niederlage auszurufen?

Von Fundamentalkritik abrücken

Natürlich nicht. Ein konkreter Vorschlag, wie AktivistInnen auf die gegenwärtige Situation in Zürich reagieren könnten, steht am Schluss der Publikation in Form eines lesenswerten Essays des Ethnologen Tobias Bernet. Dieser war einst bei der Labitzke-Besetzung in Zürich Altstetten engagiert, bevor er ein ähnliches Projekt in Leipzig mitbegründete. Bernet plädiert dafür, dass Besetzungen heute den Fokus auf das Hauptproblem des städtischen Lebens richten sollen: den Mangel an bezahlbarem Wohnraum. Das gehe jedoch nur, wenn in der Frage des Eigentums von einer Fundamentalkritik abgerückt werde.

Er spricht damit vor allem die BesetzerInnen des Koch-Areals an. Die Tatsache, dass das Gelände der Stadt gehöre, sei eine grosse Chance. Ein möglichst detaillierter Vorschlag vonseiten der BesetzerInnen, wie das Gelände in genossenschaftliches Eigentum überführt werden könnte, sei erfolgversprechend. Das zeige das Beispiel der ehemaligen Besetzung an der Wasserstrasse in Basel, wo die Mietpreise nach der Gründung einer Genossenschaft sehr tief geblieben seien.

Bernet zeigt durchaus Verständnis für die grundlegende Systemkritik, die der Forderung nach Freiräumen stets innewohnt. Doch angesichts der «Endzeit des postindustriellen Umnutzungsprozesses», in der solche Räume kaum mehr physisch verfügbar seien, kehre sich die Verweigerung in Selbstzerstörung. Wenn er recht hat, wird es zunehmend eng in der Gegenwart.

«Alles ist gut», bis 17. März 2017, Dienstgebäude, Töpferstrasse 26, Zürich. Öffnungszeiten: Freitag 12–18 Uhr, Samstag 14–18 Uhr. Die begleitende Publikation ist in der Ausstellung für zwanzig Franken erhältlich.

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