Nr. 15/2018 vom 12.04.2018

Freiraum allzu pragmatisch besetzt

Eine Ausstellung über Freiräume und Besetzungen in Basel seit 1968 wird selber zum Gentrifizierungsmotor.

Von Franziska Meister

Die Alte Stadtgärtnerei in Basel war von 1986 bis 1988 ein erfolgreiches soziales, künstlerisches und ökologisches Experiment. Foto: Claude Giger

Im Jahr 1968 überschritt die Zahl der Fernsehkonzessionen in der Schweiz die Millionenmarke. «Das nonkonformistische Amalgam der späten 1960er-Jahre brodelte zur gleichen Zeit hoch, wie sich das Fernsehen zum elektronischen Leitmedium aufschwang», so der Historiker Dominique Rudin im Katalog zur Ausstellung «68–88–18». Am Eröffnungsabend in Basel steht das Publikum dicht gedrängt vor Bildschirmen in einem verwinkelten Parcours, der den lokalen Kampf um linksalternative Freiräume seit 1968 mit bewegten Bildern einfangen will. Das ist erst einmal ein spannendes Unterfangen und ruft Bilder aus Zürich wach: Globuskrawall 1968, AJZ und «Züri brännt», der Bewegungsfilm der Achtziger schlechthin, die Wohlgroth-Fabrik in den Neunzigern sowie die aktuellen Auseinandersetzungen um das Koch-Areal.

Allein, wer ähnliches Film- und Videomaterial aus dem Innern der Basler Freiraumbewegung erwartet, wird enttäuscht. Zwar bildeten sich auch hier in den siebziger Jahren Videokollektive – die Videogenossenschaft Basel (VGB) sowie die Quartierfilmgruppe Kleinbasel –, die ihr eigenes soziales Milieu in Szene setzten. Die Anliegen dieser politisch motivierten Freiraum- und BesetzerInnenszene bleiben in der Ausstellung aber weitgehend aussen vor. Man beruft sich mehrheitlich auf Filmmaterial des bürgerlichen Farbfernsehens oder – ausgerechnet! – auf einen Polizeischulungsfilm über eine Demo 1969. Viel Raum erhalten auch zahlreiche KünstlerInnen und Kulturschaffende, in den Augen der Ausstellungsmacher klar die Motoren der Basler Freiraumbewegung.

Lob den legalen Zwischennutzungen

Was also vermitteln die anhand zahlreicher konkreter Schauplätze gezeigten Film- und Videoausschnitte über die Utopie gesellschaftlicher Freiräume und wie sie verhandelt werden?

Das AJZ Claragraben? 1972/73 Rückzugsort einer unpolitischen Subkultur, in deren Zentrum ein makrobiotisches Kafi steht. Und zu den Achtziger-Jugendunruhen fällt irgendwo in einem VGB-Video aus dem Off der Satz, man wolle im Kasernenareal einen «Freistaat» errichten und die Gesetze des Zusammenlebens gemeinsam selber schaffen. Kurzes anarchisches Aufflackern dann in einem Videobeitrag der VGB für das Westschweizer Fernsehen zum Freiraumexperiment AJZ Hochstrasse (1981): Moderiert wird aus einer Toilette im AJZ – der Fake-Reporter ist untenrum frei. Auch zur Alten Stadtgärtnerei ist das gezeigte Videomaterial bestenfalls impressionistisch. Im Dunkeln bleibt deshalb, weshalb der zwischen April 1986 und dem Abriss im Sommer 1988 legal genutzte Freiraum im Nachhinein vielen als gelungenes soziales, künstlerisches und ökologisches Experiment gilt, wie es im Begleittext zur Ausstellung heisst. Zur ab 2004 besetzten Villa Rosenau schweigt sich die Ausstellung dann ganz aus. «Wir haben kein brauchbares Filmmaterial gefunden», heisst es vonseiten der Ausstellungsmacher.

Wenn sich ein zentraler Erzählstrang durch die Ausstellung zieht, dann ist es die Erfolgsgeschichte legaler Zwischennutzungen, initiiert von zahlreichen KünstlerInnen. Bereits in der Frühphase der Freiraumbewegung, so die Erzählung, bewegte man sich bevorzugt im legalen Rahmen und mietete sich in leer stehende Abbruchvillen ein, um alternative Kultur- und Kunsträume zu schaffen. Selbst in der «Ära der Eskalation» von 1978 bis 1987 wählte man zumeist den kooperativen Weg und suchte aktiv die Zusammenarbeit mit der Stadt (Kaserne), später dann auch mit Stiftungen und privaten Unternehmen, um ehemalige Industrieareale kreativ umzunutzen.

Das Beispiel Schlotterbeck (1990–1993) wird in der Ausstellung explizit als Modell für eine erfolgreiche Public-private-Partnership präsentiert: Man ist «pragmatisch» und lässt sich ganz auf die Bedingungen der Schweizerischen Volksbank als Besitzerin des Areals ein, kreiert einen Trägerverein, der als Verantwortlicher auftritt, erstellt Nutzungskonzept und Hausordnung, unterschreibt einen Mietvertrag und verpflichtet sich, das Areal ausschliesslich kulturell und nicht etwa als Wohnraum zu nutzen.

Kritik auf Post-its

Seither, das konstatieren die Ausstellungsmacher etwas naiv, können sich Behörden und Unternehmen in Basel als Kulturförderer verkaufen, sich die Aufwertung dezentraler Quartiere auf die Fahne schreiben und auch noch aus den letzten temporären Brachen eine Wertschöpfung generieren. Die in der Ausstellung präsentierte Auswahl an Film- und Videobeispielen und ihre Einbettung lässt nur eine Lesart zu: Der Kampf um Freiraum ist in Basel von oben gekapert, in die kapitalistische Verwertungslogik eingebunden und zum urbanen Planungsinstrument geworden. Wer sich dem entgegenstellt, wie etwa der Wagenplatz auf dem Klybeckareal, der im Streit mit dem Verein Shift und der Kunstmesse Scope als «legalen Zwischennutzern» den Kürzeren gezogen hat, wird an der Ausstellung der Lächerlichkeit preisgegeben: «Als ich zu den Wagenleuten im Hafen ging, erinnerte mich das an einen Campingplatz in Ascona», so der ehemalige Basler Stadtentwickler Thomas Kessler.

«Wir erzählen hier nur eine der möglichen Geschichten», sagt Dominique Rudin. Wer nicht einverstanden ist, darf seine oder ihre Kritik auf ein Post-it schreiben und an die weissen Wände kleben oder im Kommentarraum eine Videobotschaft hinterlassen. Die ultimative Ironie der Ausstellung aber ist die: Wie die ins Zentrum gerückten Kunstschaffenden sind auch die Ausstellungsmacher selbst aktiv an der Gentrifizierung Basels beteiligt. Sind sie doch Zwischennutzer in Räumlichkeiten mitten in Basels Rotlichtviertel um den Claraplatz – Räumen, die die Kunstmesse Scope gemietet hat, ebenfalls als Zwischennutzerin.

Die Ausstellung «68–88–18» ist noch bis am 27. Mai 2018 an der Webergasse 34 in Basel zu besichtigen. www.68-88-18.ch

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