Informatik : Freie Software ist gut. Aber woher kommt die Hardware?

Nr.  14 –

Die Genfer Computergenossenschaft Itopie möchte die Computerwelt verändern – von den Schrauben bis zu den Programmen.

«Apple-Computer sind fast unmöglich zu reparieren»: Malory Jessaume und Samuel Chenal von der Genossenschaft Itopie.

Es sah nach einer vielversprechenden Karriere aus: Nach dem Wirtschaftsinformatikstudium an der Universität Lausanne fand Samuel Chenal eine Stelle beim Luxusgüterkonzern Richemont. Er blieb fünfzehn Jahre, verdiente gut. Trotzdem war ihm unwohl. «Die Firma wurde immer grösser, ohne Ethik, ohne Seele, nur der Profit zählt. Ich wollte nicht pensioniert werden und mich fragen: Was habe ich im Leben Sinnvolles getan?»

Heute verdient Chenal weniger als halb so viel wie bei Richemont. Dafür hat er einen Job, von dem er hundert Prozent überzeugt ist: bei der Genossenschaft Itopie. Sie will «zum Aufbauen und Stärken einer offenen Informatik beitragen, die auf die Bedürfnisse der Nutzer eingeht, die kollektive Intelligenz bereichert, nicht ausschliessend ist, Menschen und Umwelt respektiert». So steht es in der Charta der 2012 gegründeten Genossenschaft, deren Name sich aus «IT» und «Utopie» zusammensetzt.

Wann ist ein Computer alt?

Ein Lokal mitten im teuren Herzen von Genf, zwischen Bahnhof Cornavin und Rhone. Im vorderen Raum schrauben drei stämmige Männer an Hardware herum. Es sind Lehrlinge und Praktikanten von Itopie. Im hinteren Raum sitzen die drei Festangestellten, zu denen Samuel Chenal gehört, vor ihren Computern.

Der entscheidende Punkt der Genossenschaft: Es geht um beides, die Software und die Hardware. Denn in beiden Bereichen möchte Itopie vieles ändern. «Die Genossenschaft ist die Organisationsform, die am besten zu unseren Ideen passt», sagt Chenal. «Wir wollen die Menschen ins Zentrum der Technologie stellen. Wir sorgen uns um die sozialen und ökologischen Auswirkungen der Informatik.» Die Produktion eines Computers brauche viel mehr Energie, als er während des Betriebs verbrauche. «Darum ist das Reparieren für uns essenziell.»

Bei Itopie können die GenferInnen ihre Computer flicken lassen, sie mit freier Software ausrüsten oder ihre Daten in einer alternativen Cloud speichern, in Kursen mehr über das GNU/Linux-Betriebssystem lernen und Occasionscomputer kaufen: Firmenmodelle, von Itopie aufgemotzt und ausgerüstet.

«Geplante Obsoleszenz» – diesen Begriff braucht Samuel Chenal oft: Viele Alltagsgeräte, vom Föhn bis zum Staubsauger, werden absichtlich schlecht und pannenanfällig konstruiert, damit sie schnell kaputtgehen. Im Computerbereich ist es besonders schlimm. «Die Supermarktgeräte sind wirklich von schlechter Qualität. Viele Teile altern schnell, wenn sie heiss werden. Die Geräte sind so konstruiert, dass man sie fast nicht flicken kann.» «Champion der geplanten Obsoleszenz» sei Apple: «Fast unmöglich zu reparieren, alles ist geklebt und verschweisst. In den USA gibt es eine Bürgerinitiative, die Apple-Produkte flicken will. Die Firma versucht, das zu verhindern: Es sei gefährlich, die Geräte könnten explodieren …» Darum verkauft Itopie nur Occasionen, die grössere Firmen nicht mehr benötigen: Modelle von HP, Lenovo, Dell und Toshiba. Denn diese Konzerne bieten ihren Grosskunden einen umfassenden Service: nicht nur das Gerät, sondern auch die Wartung. «Also ist es in ihrem Interesse, dass die Computer robust sind und sich leicht reparieren lassen. Diese Produkte haben eine ganz andere Qualität.»

Chenal zeigt den Boden seiner Dell-Occasion: Er ist mit normalen Schrauben konstruiert, lässt sich also leicht öffnen, und man sieht gut, wo welches Teil steckt. «Wir versuchen, unseren Kunden ein paar Vorurteile zu nehmen: Ein fünfjähriger Computer ist nicht alt. Viele Leute brauchen Internet, ein Schreibprogramm, vielleicht etwas Bildbearbeitung. Dafür benötigt man nicht die neuste Maschine.» Auch wenn die flickbaren Computer besser sind als andere: Ihre Produktion ist weder sozialverträglich noch ökologisch. Von einer wirklich nachhaltigen Hardware sind wir noch weit entfernt.

«Nicht schlecht für ein Mädchen»

Anfang Jahr hat Malory Jessaume bei Itopie angefangen. Ihr Spezialgebiet ist der zweite Schwerpunkt der Genossenschaft: freie Software. Darauf hat sie sich nach dem Kommunikationsstudium in Lyon spezialisiert. Als Frau ist sie bei Itopie eine Exotin. «Wie andere Technikbranchen ist auch die Welt der freien Software eine rechte Männerwelt, der Zugang für Frauen nicht einfach. Schnell heissts: ‹Nicht schlecht für ein Mädchen.› Es gibt viele Vorurteile gegen Feministinnen.» Doch langsam werde es besser: «In Paris gibt es jetzt einen Hackerspace von und für Frauen.»

Vielen Leuten mache freie Software Angst, sagt Jessaume. «Dabei lässt sie sich heute einfach anwenden. Ich habe meinen Grosseltern Linux installiert – Opa ist ein richtiger Crack geworden!» Die Vorteile der freien Software seien vielen nicht bewusst. «Wenn Microsoft entscheidet, seine alten Datenformate nicht mehr zu unterhalten, drohen riesige Datenverluste. Das offene Format ODT hingegen, mit dem sich auch Texte speichern lassen, wird immer zugänglich bleiben, weil der Code offen ist.» Wer bei Itopie Linux installieren liess, kann die monatlichen Kurse gratis besuchen.

Aber gegen die Marktmacht von «Gafam» (Google, Amazon, Facebook, Apple, Microsoft) anzukommen, ist schwer. «Ihre Produkte sind sehr verführerisch», sagt Malory Jessaume. «Natürlich ist das umfassende Angebot von Google praktisch. Aber wo landen die Daten?» «Was Gafam macht, bedroht Demokratie und Meinungsfreiheit», pflichtet Samuel Chenal bei. «Es gibt Kritik am E-Voting, weil die Hacker die Resultate fälschen könnten. Aber es ist viel einfacher und risikoloser, Leute gezielt zu beeinflussen – sei es mit abgestimmten Infos in der Twitter-Timeline, sei es mit der Reihenfolge der Resultate einer Google-Suche. Itopie versuche, eine lokale Alternative zu diesen Entwicklungen zu sein, sagt Chenal. Die Genossenschaft ist Teil der Chambre de l’économie sociale et solidaire, in der sich die Genfer ökosozialen Firmen und NGOs vernetzen und die vom Kanton unterstützt wird.

«Wir arbeiten auf die Relokalisierung der Wirtschaft hin – wie die solidarische Landwirtschaft», sagt Samuel Chenal. Von Gemüsegenossenschaften inspiriert ist auch ein Projekt, das Itopie plant: der «regionale Technologiekorb». Damit möchte die Genossenschaft ein Abopaket anbieten: einen Occasionsfirmencomputer mit freier Software, professionelle Begleitung und Kurse. «Bisher konnten wir aber vor lauter Arbeit das Projekt noch nicht starten.»

Die menschlichen Beziehungen seien ihnen sehr wichtig, betont Chenal. «Heute hocken die Leute den ganzen Tag zu Hause, starren nur noch auf den Bildschirm. Darum verschicken wir keine Computer. Die Leute müssen hierherkommen, wenn sie etwas von uns wollen.»