Nr. 16/2017 vom 20.04.2017

Hauptsache Revolution?

An den Visions du Réel in Nyon zeigt der Schweizer Lionel Rupp seinen Dokfilm «A Campaign of Their Own». Er beleuchtet den US-Wahlkampf aus der Perspektive jener, die am linken Rand des Spektrums auf einen Umbruch in ihrer Partei drängten.

Von Donat Kaufmann

Mit «A Campaign of Their Own» zeichnet Lionel Rupp das Bild einer sich verselbstständigenden Bewegung, belebt von tiefer Überzeugung: Bernie-Sanders-Puppe vor dem Rathaus in Philadelphia.

Es beginnt mit dem vermeintlichen Ende: der Vereidigung von Donald Trump als Präsident der USA. Die Inaugurationsfeier ist der Ausgangspunkt für den Dokumentarfilm «A Campaign of Their Own», den Lionel Rupp gemeinsam mit Produzent Michael David Mitchell realisiert hat. Der Genfer Rupp gehörte zum Regiekollektiv, das 2015 im Spielfilm «Heimatland» eine apokalyptische Wolke über der Schweiz aufziehen liess, sinnbildlich für den nahenden gesellschaftlichen Umbruch. Ein solcher steht auch in «A Campaign of Their Own» bevor. Der Film porträtiert AktivistInnen, die beseelt sind von der Hoffnung auf eine politische Revolution zugunsten chronisch benachteiligter Bevölkerungsgruppen. Für sie steht ausser Frage: Die Partei, die diese Gruppen vorgeblich vertritt, hat sich längst von ihnen abgewendet.

Betagt, aber hellwach

Jonathan Katz steckt voller Enthusiasmus. Eben hat er in einem finsteren Apartmentkomplex eine potenzielle Wählerin aufgespürt und ihr nach einem kurzen Gespräch an der Wohnungstür das Wahlprogramm seines Kandidaten in die Hand gedrückt. «He’s a good man for Latinos», sagt er und verabschiedet sich mit einem Lächeln. Gemeinsam mit seiner Begleiterin durchstreift Katz das New Yorker Viertel Harlem. Die Mission des betagten, aber hellwachen Duos: Sie wollen Menschen dazu bewegen, am Dienstag für Bernie Sanders zu stimmen.

Es ist Frühling 2016, die USA befinden sich mitten in den Primaries, den Vorwahlen für das Rennen um die Präsidentschaft. In beiden politischen Lagern kämpft die Parteielite mit einem unliebsamen Kandidaten aus den eigenen Reihen. Aufseiten der Republikaner ist dies Donald Trump, bei den Demokraten Bernie Sanders. Beide haben sich als Gegner des Establishments in Stellung gebracht. Trump attackiert dieses mit Salven des Zorns, Sanders mit einer Rhetorik der Hoffnung. Sie ist es, die den freiwilligen Wahlkampfhelfer Jonathan Katz und seine MitstreiterInnen antreibt. Mit einem Sieg in New York soll Sanders der Anschluss an Hillary Clinton gelingen, die weit in Führung liegt.

Nur: Im internen Wahlkampf der DemokratInnen wird keineswegs mit gleich langen Spiessen gefochten. 3,2 Millionen New YorkerInnen würden bei der Registrierung für die Wahlen systematisch benachteiligt, klagen DemonstrantInnen an einer Kundgebung, der wir beiwohnen. Sanders’ Niederlage in New York ist bald Tatsache, Jonathan Katz enttäuscht, aber nicht entmutigt. Noch ist alles möglich.

Mit «A Campaign of Their Own» zeichnen Lionel Rupp und Michael David Mitchell das Bild einer sich verselbstständigenden Bewegung, belebt von tiefer Überzeugung – und der Identifikation mit der Figur Bernie Sanders, von dem alle sprechen, als sei er ein naher Verwandter. Seine Kampagne, das ist ihre Kampagne. Deren Eigendynamik kommt auch deshalb so gut zur Geltung, weil die Filmemacher darauf verzichten, selbst ins Geschehen einzugreifen. Sie orientieren sich am «Direct Cinema», und so bleiben wir als ZuschauerInnen in der Rolle der still Begleitenden. Das passt: Auch die AktivistInnen zählen zu den unauffälligen Gestalten in diesem von ProfilneurotikerInnen beherrschten Wahlkampf.

Hillary ins Gefängnis

Den Pomp, das Spektakel nehmen wir in diesem Film nur als Hintergrundrauschen wahr, als Vermutung auf einem Bildschirm im improvisierten Kampagnenbüro, hinter der dicken Tür eines Auditoriums. Stets herrscht die nötige Ruhe, um den Gesprächen, den Disputen, den Ansprachen jener zu lauschen, die im Hintergrund mit beherztem Engagement zusammenhalten, was von den PolitikerInnen laufend zerredet wird. Mit ihrem detailreichen Porträt schaffen Rupp und Mitchell aber nicht bloss eine Gegenrealität zum medial wirksamen, funkelnden Bild des US-Wahlkampfs – der Film lässt den paradoxen Zusammenhang erkennen zwischen einer linken Bewegung und dem Wahlsieg von Donald Trump.

Denn bald herrscht auch bei den ProtagonistInnen Gewissheit: Zur Wahl steht eine «Revolution», die nicht ihre ist (Trump), und der politische Status quo (Clinton). Während wir über ihre Einstellung zu Trump wenig erfahren, kommt die Ablehnung gegenüber Clinton in diesem Film an zahllosen Stellen zum Ausdruck, am deutlichsten in der Szene, als wir in einem Park den Parteikongress der DemokratInnen mitverfolgen, an dem Clinton zur offiziellen Kandidatin gekürt wird. Wellen der Empörung erfassen das Publikum, als die endgültigen Resultate aus den Vorwahlen verkündet werden. «Bernie or Bust»-Schilder (etwa: Bernie oder Bankrott) tanzen über den Köpfen, ein Mann, der dem riesigen Bildschirm entgegenbrüllt, trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift «Hillary for Prison 2016». Es besteht kein Zweifel: Kaum jemand in diesem Park wird den Namen «Clinton» auf den Wahlzettel schreiben. Auch Jonathan Katz nicht. «This is it», murmelt er.

Diese Resignation mögen die Filmemacher nicht teilen. Ihr Film endet mit der Hoffnung darauf, dass die Bewegung erst am Anfang steht.

«A Campaign of Their Own» in: Nyon, Salle Communale, Sa, 22. April 2017, 14 Uhr; So, 23. April 2017, 10 Uhr.

Die Visions du Réel in Nyon dauern vom 21. bis 29. April 2017. Programm und Informationen: www.visionsdureel.ch.

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