Nr. 17/2017 vom 27.04.2017

Bruder Klaus von der anderen Seite

Am nächsten Sonntag organisiert Obwalden einen Staatsakt zum Jubiläum 600 Jahre Niklaus von Flüe. Vor Jahrzehnten war der Eremit ein Symbol der Friedens- und Asylpolitik. Davon redet heute kaum jemand mehr. Solidarität mit Flüchtlingen gibt es in Obwalden aber immer noch.

Von Robert Müller (Text) und Florian Bachmann (Foto)

Die behördlich gewollte Isolation aufbrechen: Iranisch-afghanische Tischtennispartie am Treffpunkt «Colorbox» in Sarnen.

Angesagt ist grosser Bahnhof: Am Sonntag wandert die offizielle Schweiz vom Dorfplatz Sarnen hoch zum Landenberg, zum Staatsakt für den Mystiker Niklaus von Flüe, der vor 600 Jahren geboren wurde. Reden wird unter anderem Bundespräsidentin Doris Leuthard. Der Leitspruch zum Jubiläum heisst «Mehr Ranft»: Es geht um das Wesentliche des Menschseins, um Stille, mehr Reflexion und weniger Ichbezogenheit. So wird das offiziell formuliert.

Der Obwaldner Künstler, Bühnenbildner und Theaterregisseur Adrian Hossli interpretiert das Leitmotiv kritischer. «‹Mehr Ranft› steht für mehr Bescheidenheit und Sich-selber-Zurücknehmen, für die Frage, wie wir zu den Menschen stehen. Dabei müsste auch der Umgang mit Flüchtlingen zum Thema werden.» Aber die Flüchtlinge und Asylsuchenden in Obwalden seien von den Feierlichkeiten ausgeklammert: «Nicht existent, totgeschwiegen. Das ist katholische Glaubenskultur, die sich traditionsgebunden in Selbstgefälligkeit erschöpft.»

Anknüpfungspunkte gäbe es genug. 1981 gründeten engagierte Menschen am früheren Wohnort von Bruder Klaus in Flüeli-Ranft ein Friedensdorf, das zeitweise gar zum Zentrum der Schweizer Asylbewegung wurde. Hossli hat das hautnah miterlebt, er war damals Zeichnungslehrer und Theaterregisseur am Benediktiner-Kollegium in Sarnen.

Brücke zur Zivilisation

Im Januar 1991 nahm das Friedensdorf sieben kurdische Familien mit Kindern auf, die vom damaligen Bundesamt für Flüchtlinge (BFF) einen negativen Asylentscheid erhalten hatten. Die KurdInnen protestierten mit einem Hungerstreik gegen ihre Ausschaffung und wurden dabei von der Solidaritätsgruppe Flüeli-Ranft unterstützt. Die Emotionen gingen hoch. KurdInnen standen in der Türkei massiv unter Druck, gleichzeitig begann der Zweite Golfkrieg.

Eine Lehrerin aus der Flüeli-Ranft-Gruppe wurde eher zufällig zur Symbolfigur des Widerstands gegen die offizielle Flüchtlingspolitik: Margrit Spichtig, 2014 verstorben, erfuhr zwar landesweit viel Solidarität, doch zu Hause in Sachseln wurde sie angefeindet, wie die WOZ im September 1991 aufzeigte. Sie verlor ihre Stelle als Lehrerin. Als das BFF hart blieb, tauchten die KurdInnen unter. Die radikalen ChristInnen von der Solidaritätsgruppe versteckten sie in Klöstern und christlichen Bildungshäusern. «Es war eine aufwühlende Zeit», erinnert sich Norbert Hochreutener, damals Bildungsleiter im Friedensdorf und heute Seelsorger im Psychiatriezentrum Herisau. «Wir stützten uns auf die Visionen von Niklaus von Flüe, er war Patron der Friedensarbeit. Ich kann mir gut vorstellen, dass sich etliche Obwaldner nicht mehr an diese Zeit erinnern wollen.»

Am Ende blieb nur Ernüchterung. Die KurdInnen wurden vom damaligen Flüchtlingskaplan Cornelius Koch ungeschickt in die Öffentlichkeit gestellt, mit fatalen Folgen. Sie wurden verhaftet und ausgeschafft. Wie es diesen KurdInnen heute geht, weiss niemand.

Aber auch heute leben in Obwalden Flüchtlinge, und es gibt dort weiterhin Menschen, die sich für sie engagieren. Im Kanton besteht seit Ende 2015 ein Bundesasylzentrum in einer Armeeunterkunft auf dem Glaubenberg, 1500 Meter über Meer. Zu Fuss dauert es nach Sarnen gegen vier Stunden.

Die IG Flüchtlinge Glaubenberg, Ende 2015 von der Studentin Anna-Lea Rohrer gegründet, versucht, die Isolation der Asylsuchenden zu mindern. Jeden Samstag fährt die IG mit Privatautos und einem guten Dutzend HelferInnen auf den Glaubenberg, um auf einem Parkplatz die Asylsuchenden zu treffen, gegenwärtig rund fünfzig Frauen, Männer und Kinder unter anderem aus Afghanistan, Sri Lanka, Georgien und Guinea. Die Freiwilligen offerieren Kaffee, Tee, Kuchen und Früchte. Sie stellen sechs Smartphones mit Internetzugang zur Verfügung, damit die Asylsuchenden mit Verwandten Kontakt aufnehmen können – im Bundesasylzentrum sind private Handys nicht erlaubt. Das Staatssekretariat für Migration erklärt gegenüber der WOZ, diese Praxis werde ab dem 1. Mai für sechs Monate ausser Kraft gesetzt und später eventuell ganz gestrichen.

«Wir reden, geben Auskünfte über das Asylverfahren, spielen Fussball, wir begegnen uns auf Augenhöhe», sagt Rohrer. Und: «Wir sind eine Brücke zur Zivilisation.» Für die Obwaldner Behörden ist das weit abgelegene Bundeszentrum ein Glücksfall, denn die Asylsuchenden fallen nicht auf. Und: Als Kompensation für das Bundeslager werden dem Kanton keine neuen Asylsuchenden zugeteilt. «Die Isolation der Flüchtlinge auf dem Glaubenberg ist gewollt, um sie von der Zivilbevölkerung fernzuhalten», sagt Hossli und fragt sich, wo es die Begegnungen geben solle, die im Jubiläumsklamauk um Bruder Klaus vorgesehen seien.

Fernab vom Hype

Zusammen mit andern gründete Hossli im Frühling 2016 die «Colorbox», einen Treffpunkt für Asylsuchende, anerkannte Flüchtlinge und SchweizerInnen. Dienstags und donnerstags fährt ein Kleinbus vom Glaubenberg zur «Colorbox», die vorübergehend in einem leer stehenden Restaurant in Sarnen untergekommen ist. Hier reden, kochen, malen, tanzen, nähen die Asylsuchenden gemeinsam mit den Freiwilligen, oder sie lernen Deutsch. Das Angebot ist begehrt. Rund dreissig ObwaldnerInnen finanzieren es weitgehend privat.

Die Künstlerin Maya Reinhard, eine der InitiantInnen, bleibt gegenüber den Niklaus-von-Flüe-Feierlichkeiten eher distanziert. «Ich lebe in der Nähe des Ranfts», sagt sie. «Als Kind bin ich gern in die Ranftschlucht gegangen. Der Ort hat mich angezogen, es ist ein Kraftort; aber der aktuelle Hype um Bruder Klaus wird mir etwas zu viel.» Es waren andere Motive, die sie zur Freiwilligenarbeit bewegten. «Ich konnte die Ohnmacht angesichts der gegenwärtigen Kriege nicht mehr ertragen.»

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