Nr. 20/2017 vom 18.05.2017

News aus dem Häcksler, töten per Knopfdruck

Der israelische Videokünstler Omer Fast ist ein Wiederholungstäter, der mit seinen Filmen Verunsicherung stiftet. Jetzt kommt er nach Zürich ans Festival Videoex.

Von Florian KellerMail an AutorIn

Mit der Umarmung stimmt etwas nicht: Szene aus Omer Fasts «Continuity». Still: Filmgalerie 451

CNN meldet: «Es gibt keine Neuigkeiten über terroristische Zellen, die in Ihrem Körper operieren.» Wie bitte? Fake News! Woher wollen die Leute vom US-Nachrichtensender so genau Bescheid wissen, wo haben sie dieses invasive Wissen über mich her? Und überhaupt, was hat der Terror mit meinem Körper zu tun?

Es sind tatsächlich die Köpfe von CNN, die diese Meldung durchgeben, frontal in die Kamera. Aber der Satz ist eine Montage aus einzelnen Wörtern, zusammengesetzt aus verschiedenen NachrichtensprecherInnen, die so rasch aufeinandergeschnitten sind, dass pro Kopf jeweils noch genau ein Wort übrig bleibt: «There / are / no / news / of / terrorist / cells …» Der israelische Videokünstler Omer Fast, zu Gast am diesjährigen Videoex in Zürich, hat in seiner Arbeit «CNN Concatenated» (2002) den News buchstäblich das Wort abgeschnitten. Den permanenten Nachrichtenfluss in der Zeit nach 9/11 zerlegte er in seine sprachlichen Einzelteile, um diese zu einem kurzatmigen Sermon über Angst und Sterblichkeit neu zusammenzufügen.

Der Effekt ist hypnotisierend. Auf den ersten Blick wirkt das komisch, aber dahinter lauert das Unheimliche. Denn das schwindelerregende Stakkato der TV-Gesichter verstärkt paradoxerweise den Eindruck, dass sich alle diese Nachrichtensprecher und Reporterinnen wie in einem persönlichen Gespräch direkt an uns wenden – als hätten sie sich zu einer kollektiven Beschwörung verschworen. Sie reden uns Angst ein, damit sie fürsorglich ihr Verständnis zeigen können: «Ich / weiss / was / Ihnen / Angst / macht.» Es fühlt sich an wie eine Therapiesitzung mit menschlichen Textautomaten.

Der Pilot ist genervt

Die plakative Montage aus dem CNN-Newsfeed ist allerdings längst nicht mehr repräsentativ für Omer Fast. Seine neueren Filme sind vielmehr komplexe Versuchsanordnungen, die uns laufend verunsichern: Wo hört das Spiel auf, wo beginnt das dokumentarische Zeugnis? Im Film «5000 Feet Is the Best» (2011) etwa eröffnet Fast auf engstem Raum ein Labyrinth aus Wiederholungsschlaufen und urbanen Legenden. In einem Hotelzimmer trifft ein Regisseur einen ehemaligen Drohnenpiloten der US-Armee, um ein Interview über dessen Arbeit zu filmen: «Was ist der Unterschied zwischen Ihnen und jemandem, der in einem Flugzeug sitzt?» Doch der Expilot wirkt genervt, er weicht immer wieder aus in Anekdoten, die scheinbar nichts zur Sache tun.

Die Distanz im Drohnenkrieg spiegelt Fast in der filmischen Distanzierung. So ist der Mann im Film gar nicht wirklich ein Drohnenpilot, sondern ein Schauspieler, ebenso der Regisseur, der ihn befragt: Was wir sehen, ist eine dokumentarische Situation, nachgestellt als klandestines Gespräch wie aus einem Thriller. Die neuen Methoden der Kriegsführung ähneln ja zusehends der Fiktion eines hyperrealistischen Videospiels; also fiktionalisiert Omer Fast auch die Interviews, die er für den Film geführt hat – um uns im Finale die zerstörerische Wucht des Kriegs per Fernsteuerung umso heftiger spüren zu lassen. Und dazwischen berichtet ein – vermutlich – echter Drohnenpilot, anonymisiert in kompletter Unschärfe, von seiner posttraumatischen Belastungsstörung, an der er leidet, obwohl er gar nie leibhaftig im Kriegsgebiet war: «Es ist nicht wie ein Videospiel. Ich kann es nicht abstellen. Es ist immer da.»

Mit verbundenen Augen

Vom Kollaps der Distanzen handelt auch «Continuity» (2012), in dem Omer Fast einen weit entfernten Krieg als ödipales Trauma in die gute Stube holt. Wir sehen ein deutsches Ehepaar bei einer seltsamen Routine: Auf einem Parkplatz treffen sie einen jungen Soldaten, es sieht aus wie das Wiedersehen mit einem verlorenen Sohn – aber etwas stimmt nicht, die Begegnung samt mütterlicher Umarmung wirkt arrangiert. Und warum verbinden Mutter und Vater ihrem «Daniel» dann die Augen, als sie ihn daheim ins Haus führen?

Diese drei Filme sind nun am Videoex zu sehen, dazu Fasts jüngstes Werk, eine Studie über den Fotografen August Sander. In einem Werkstattgespräch wird er sich zudem mit dem britischen Autor Tom McCarthy («Satin Island») unterhalten. Mit seiner Verfilmung von dessen Roman «Remainder» hat Fast letztes Jahr erstmals versucht, seine verspiegelte Erzählweise aus dem Kunstkontext ins Kino zu übersetzen – funktioniert hat das nur leidlich. Das mochte daran liegen, dass McCarthy und Fast einander fast zu ähnlich sind in ihren künstlerischen Motiven: Beide kreisen fast obsessiv um traumatische Erfahrungen und die prekären Wechselwirkungen zwischen Fiktion und Wirklichkeit. Beide sind sie Wiederholungstäter in dem Sinn, dass sie oft mit Repetition spielen – rituelle Wiederholung als Weg zur Katharsis oder als Schlüssel zur unmittelbaren Empfindung.

Gefragt, was er in der Kunstwelt ändern würde, wenn er könnte, gab der Wahlberliner Fast einmal zur Antwort: «Das ist zwar total heuchlerisch, aber im autokratischen Superstaat meiner Träume würde ich manche Verbindungsstellen kappen und die Kunstwelt weniger global, dafür lokaler machen.» Autokratisch oder nicht: In dem kleinen, temporären Inselstaat namens Videoex wäre jetzt schon mal Gelegenheit, damit anzufangen.

Omer Fast am Videoex: Zürich, Kaserne, Samstag, 20. Mai 2017; 18.30 Uhr: Filmprogramm im Festivalkino Z3; 21.15 Uhr: Werkstattgespräch im Kunstraum Walcheturm, mit Omer Fast und dem Schriftsteller Tom McCarthy.

Das Videoex Experimentalfilm & Video Festival läuft vom 20. bis 28. Mai 2017. Gastland ist Mexiko mit zwölf Filmblöcken – von Sergei Eisenstein über Luis Buñuel und Alejandro Jodorowski bis in die Gegenwart. Genaues Programm und Informationen: www.videoex.ch.

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