Nr. 21/2017 vom 25.05.2017

Unter der Uniform der Lüge

Das schockierende Enthüllungsbuch «Undercover» ist dazu geeignet, den Glauben an Vater Staat zu erschüttern.

Von Ilija Trojanow

Gefühle im Auftrag des Staates: Undercoveragent Mark Kennedy ging Beziehungen zu ­verschiedenen Frauen aus der britischen Ökoszene ein. Foto: Philipp Ebeling

Menschen lassen sich grob gesprochen in zwei Kategorien unterteilen: jene, die den Staat kritisch und skeptisch betrachten, und jene, die seinen Institutionen vertrauen. Vor allem die Polizei geniesst einen umstrittenen Ruf, die Meinungen reichen von «Bullenschwein» bis zu «mein Freund und Helfer». Diskussionen über dieses Thema sind meist unerquicklich, weil sich die Positionen diametral entgegenstehen. Die einen werfen der Gegenseite «Naivität» oder gar «Spinnerei» vor, die anderen «Untertanengeist» und «Feigheit». Da kommt es wie gerufen, wenn ein profund recherchiertes Buch Tatsachen liefert.

Die Fälle, die Rob Evans und Paul Lewis in «Undercover» aufdecken, sind alle ähnlich gelagert. Die britische Polizei, genauer gesagt die Special Demonstration Squad (SDS), schmuggelt Agenten (nur in einem Fall eine Agentin) in eine AktivistInnengruppe. Der Agent richtet sich ein im subversiven Dasein, er hat eine oder mehrere Geliebte, er arbeitet mit beim Formulieren von Pamphleten, beim Organisieren von zivilem Widerstand. Er führt ein Doppelleben. An Wochenenden bei Frau und Kind, an Werktagen im Einsatz, unter Aufwendung aller trügerischen Mittel.

«Er war», berichtet eine Aktivistin, «höflich, aufmerksam, sehr romantisch, fürsorglich (…). Ich habe mir gedacht, er ist der Richtige. Er war sehr charmant, und ich hätte ihn sofort meinen Eltern vorgestellt.» Das ist eine neue Variante: Der «Bulle» als Schwiegermuttertraum. Teilweise hatte der Agent drei Liebschaften gleichzeitig, ein besonders aufopferungsvoller Einsatz im Dienst von «Queen and country».

Flirt mit Extremismus

Es entstehen folglich Abhängigkeiten, Freundschaften, Verbrüderungen, in einem Fall sogar ein Kind. Die Agenten haben freie Hand, dürfen betrügen und täuschen und sogar kleine Verbrechen begehen. Das Motto des Einsatzes lautet «by any means necessary» (mit allen notwendigen Mitteln). Sie verfügen zudem über sehr viel Geld (der Staat scheut bei seinen repressiven Massnahmen keine Mittel, was man ja auch daran erkennen kann, dass die Militärbudgets unhinterfragt steigen, während eifrig an den sozialen Leistungen gespart werden soll).

Immer wieder stacheln die Agenten ihre Mitstreiterinnen zu radikalerem Handeln auf. Sie flirten stets mit den extremsten Positionen. Bei einem von ihnen, Bob Lambert, besteht sogar der Verdacht, er habe nachts einen Brandsatz im Kaufhaus Debenhams im Londoner Aussenbezirk Harrow gelegt, als Teil einer Aktion gegen Pelzhandel. Solche Bockgärtnerei ist keineswegs ein neues Phänomen. Der berühmteste Agent provocateur war wohl Jewno Fischelewitsch Asef in Russland, einerseits Mitbegründer der Sozialrevolutionären Partei, andererseits Agent der zaristischen Geheimpolizei Ochrana. Attentäter und Spitzel in Personalunion, opferte er Menschen auf beiden Seiten auf dem Altar des zynischen und durchtriebenen Doppelspiels.

Im Gegensatz zu unzähligen Hollywoodfilmen, in denen Undercoveragenten heroisiert werden, zeigt dieses Buch die ethischen Untiefen dieses staatlichen Vorgehens auf, die zerstörten Menschenleben, die Hybris der Spitzel, die in manchen Fällen geradezu Allmachtsfantasien ausleben, indem sie den Kitzel der Illegalität auskosten, ohne Repressalien befürchten zu müssen. Zumal liest es sich gerade in den Psychogrammen der schurkischen Helden wie ein spannender Roman.

Licht in der Finsternis

Die langjährige Realität solcher Infiltrierung hinterlässt tiefe Wunden, teilweise unüberwindbare Traumata. Es ist schwer, die Perfidie dieser «Strategie» zu übertreiben, zumal sich die allermeisten Einsätze keineswegs, wie man vermuten würde, gegen islamistische oder nazistische Terroristen richteten, sondern gegen Umwelt- und TierschützerInnen, gegen Menschen, die der Richter, der sie in einem der Prozesse freisprach, als «ehrlich, aufrichtig, gewissenhaft, intelligent, überzeugt, engagiert, fürsorglich» beschrieb. Was man von den beteiligten Polizeibeamten nicht behaupten könnte.

Rob Evans wurde vom «Guardian» zwei Jahre freigestellt, um an diesem Buch zu arbeiten. So konnten viele verdeckte Ermittler identifiziert werden, die Polizei musste sich entschuldigen. Dieses Buch belegt die Bedeutung des investigativen Journalismus. Ohne diese beeindruckende Recherchearbeit wäre vieles nicht ans Tageslicht gekommen. Nur die Taschenlampen guter JournalistInnen können ein wenig Licht in die Finsternis des «deep state» bringen. Leider aber wurde «fast nichts unternommen, um das System zu reformieren oder zukünftige Missbrauchsfälle zu verhindern».

Die Polizei erzielte trotzdem einen Erfolg: Misstrauen, Zwietracht und Verunsicherung sind bleibende Folgen solcher Massnahmen. Die Abschreckungswirkung auf BürgerInnen, die sich widerständig organisieren, ist nicht zu unterschätzen. Letzten Endes ist die Zivilgesellschaft das Opfer, neben der kritischen Presse die letzte Bastion zur Verteidigung demokratischer Freiheiten.

Der 51-jährige Schriftsteller Ilija Trojanow («Macht und Widerstand») liest am 26./27. Mai 2017 an den Solothurner Filmtagen. Beim S.-Fischer-Verlag erscheint dieser Tage sein autobiografischer Essay «Nach der Flucht».

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