Nr. 23/2017 vom 08.06.2017

Der ganz andere Mann aus Amiens

Er kommt aus demselben Städtchen wie Emmanuel Macron und hat 2016 mit der Sozialsatire «Merci Patron!» einen Kassenschlager gelandet. Bei der Parlamentswahl am Sonntag kandidiert Filmemacher François Ruffin als parteiloser Linker.

Von Daniel Hackbarth, Amiens

Mülltonnen brannten, schwarzer Rauch hing über dem Werksgelände, wütende ArbeiterInnen protestierten vor dem Areal. Ihre Arbeitsplätze sollen nach Osteuropa verlegt werden. Ein Konflikt, der kein Einzelfall ist in der Picardie: Die Region im Norden Frankreichs steht schon seit langem unter dem Druck des globalen Wettbewerbs. Und doch wurden die Proteste vor dem Werk der Firma Whirlpool in Amiens symbolisch für die wirtschaftlichen Probleme Frankreichs. Die Fabrik des Herstellers von Haushaltsgeräten steht im Geburtsort von Emmanuel Macron. So rang sich dieser – damals noch Kandidat für die Präsidentschaft – dazu durch, die aufgebrachten ArbeiterInnen zu besuchen. Viele ReporterInnen und Kameraleute begleiteten den früheren Banker auf der schwierigen Visite.

Und noch einer kam am selben Tag: François Ruffin. Auch der 41-jährige Journalist und Filmemacher ist in Amiens aufgewachsen und für viele hier eine Art Volksheld – einer, der es wagt, den Reichen und Mächtigen auf die Füsse zu treten. Am kommenden Sonntag bei der ersten Runde der Parlamentswahl bewirbt er sich als parteiloser linker Kandidat um einen Abgeordnetensitz.

Ruffin bahnte sich seinen Weg durch die Menge, bis er unmittelbar vor Macron stand. «Wissen Sie, hier sind Sie bei den Verlierern der Globalisierung», schleuderte er dem damaligen Präsidentschaftskandidaten entgegen: «Sie haben gesagt, dass es Frankreich nicht gut gehe und dass Sie das Land wieder aufrichten wollen. Es tut mir leid, aber einem Teil Frankreichs geht es sehr gut, dem Frankreich der Aktionäre nämlich, die Rekordgewinne eingefahren haben, dank der Politik, die Sie mitgetragen haben. Jetzt aber stehen Sie hier, vor dem Teil des Landes, der leidet!»

Der unbequeme Schulkamerad

Macron antwortete ausweichend, eine sachliche Diskussion war bei so einem Anlass ohnehin nicht zu erwarten. Doch die Gelegenheit, Macron zur Rede zu stellen, wollte sich Ruffin nicht entgehen lassen. Beide Männer sind im selben Alter und haben sogar dieselbe Schule besucht. Und doch sind sie völlig verschiedene Wege gegangen: Macron machte Karriere in Wirtschaft und Politik, heute ist er Präsident Frankreichs. Ruffin studierte Journalismus, gründete eine alternative Zeitschrift und wurde zu einem «Messias der radikalen Linken». So bezeichnete ihn jedenfalls kürzlich die konservative Tageszeitung «Le Figaro».

«Macron und ich sind uns früher in Amiens nie begegnet», erzählt Ruffin, als er einige Wochen später vor der Stadthalle von Abbeville steht. In dem Örtchen nördlich von Amiens hat er über Gesundheitspolitik gesprochen, jetzt verteilt er sein Programm an die Leute.

Auf dem Parkplatz des Whirlpool-Werks hatte er vor einigen Monaten seine Kampagne eingeläutet. Ruffin war da schon landesweit bekannt, vor allem wegen «Merci Patron!». Mit der Low-Budget-Produktion landete er im vergangenen Jahr einen Überraschungserfolg. Über eine halbe Million FranzösInnen haben den Film gesehen, der mit dem nationalen Filmpreis César prämiert wurde. Normalerweise gilt ein Dokumentarfilm in Frankreich schon als Erfolg, wenn er 50 000 ZuschauerInnen erreicht.

Den Boss der Luxusfirma im Visier

In «Merci Patron!» erzählt Ruffin im Stil des US-Politregisseurs Michael Moore vom Ehepaar Jocelyn und Serge Klur, das im Städtchen Forest-en-Cambrésis lebt, ganz im Nordosten Frankreichs. 2007 hatten die beiden ihre Jobs verloren, als eine Fabrik, die für die Luxusmarke LVMH produzierte, geschlossen und nach Osteuropa verlagert wurde, also genau das geschah, was nun auch den Whirlpool-ArbeiterInnen von Amiens droht. Jocelyn und Serge Klur fanden keine neue Anstellung, häuften Schulden an und standen schliesslich kurz davor, ihr Haus zu verlieren. Dann begegneten sie François Ruffin.

Dieser und sein Team von der Zeitschrift «Fakir» hatten Bernard Arnault, Besitzer von LVMH, ohnehin im Visier, seit der aalglatte Milliardär angekündigt hatte, seinen Wohnsitz ins Ausland verlegen zu wollen, um Steuern zu sparen. Mit viel Witz brachte Ruffin den Konzern schliesslich dazu, die Schulden der Klurs zu übernehmen – allerdings nicht aus Barmherzigkeit, sondern weil Arnault um seinen Ruf als Philanthrop fürchtete, sollte die Sache allzu grossen Wind machen.

Der Film gewann während der Sozialproteste von 2016 rasch an Popularität. Diese richteten sich gegen die von der Regierung forcierte Flexibilisierung des Arbeitsrechts. Auf der von der Bewegung Nuit debout besetzten Place de la République in Paris gab es Freilichtvorführungen, im Chor sang man den Titelsong des Films, eine spöttische Hymne auf das freie Unternehmertum. Noch mehr Publicity erlangte «Merci Patron!», als JournalistInnen einiger Medien, an denen Bernard Arnault finanziell beteiligt ist, darüber klagten, nicht über den Film berichten zu dürfen.

Leute, die Ruffin schon länger kennen, sollen überrascht gewesen sein, als sie hörten, dass er sich nun zur Wahl stellt; schliesslich hatte er nicht nur Grossunternehmer, sondern auch Berufspolitikerinnen immer wieder öffentlich blossgestellt, um sie auf diese Weise «umzuerziehen», wie er einmal in einem Interview sagte.

Er strebe keine klassische Politikerlaufbahn an, entgegnet Ruffin auf derlei Einwände; vielmehr wolle er Sprachrohr derer sein, denen sonst niemand Beachtung schenkt. Ruffin nimmt man das ab. Zur Veranstaltung in Abbeville kommt er im Holzfällerhemd und in Turnschuhen, in der Hand trägt er eine Papiertüte, in der seine Unterlagen und ein Sandwich verstaut sind. Fast jedeR Zweite hier kennt Ruffin persönlich, für den Weg in den Saal braucht er eine halbe Ewigkeit, weil ihn unentwegt Leute ansprechen.

Ruffins Konkurrent: Ein Komiker

Unterstützt wird Ruffins Kandidatur vom Bündnis Picardie debout: Ruffin ist es gelungen, Grüne, Kommunisten und die Anhängerinnen des Linkspolitikers Jean-Luc Mélenchon zu vereinen, was landesweit eine Seltenheit ist. Ziel der Kampagne ist es auch, den Vormarsch des Front National (FN) zu stoppen. Die extreme Rechte ist stark in der Region, in vielen Bezirken lag FN-Chefin Marine Le Pen in der ersten Runde der Präsidentschaftswahl ganz vorne.

Wie in anderen strukturschwachen Regionen konnte der FN auch hier in die Lücke stossen, die die Sozialdemokratie hinterlassen hat, als sie sich von den Nöten der «classes populaires» abwendete und plötzlich wirtschaftsliberal argumentierte. Ruffin dagegen will bei den Leuten wieder für linke Lösungen ihrer Probleme werben. «Mein Gegner ist nicht nur das Kapital, sondern vor allem auch die allgemeine Gleichgültigkeit», sagt er. Für den FN tritt in dem Wahlkreis ein abgehalfterter Fernsehkomiker aus Paris an, den vor Ort bislang kaum jemand gesehen hat. Trotzdem hat der Kandidat der RechtspopulistInnen gute Chancen, ins Parlament einzuziehen.

Ruffin sagt, er sei Protektionist und Gegner der Globalisierung: «Der Freihandel ist eine Waffe gegen die Demokratie. In einer Welt des Freihandels kann es keine soziale oder Steuergerechtigkeit geben und auch keine Umweltstandards.» Man müsse die Leute vor den Profitinteressen der Anleger schützen. Deswegen plädiert er etwa für eine Besteuerung importierter Güter, die umso höher ausfallen soll, je weiter der Weg ist, den die jeweilige Ware zurückgelegt hat.

Ein Abgeordneter auf Mindestlohn

Dass Le Pen ähnlich wie er auf die Globalisierung schimpft, ficht Ruffin nicht an: «Wissen Sie, ich rede seit den Neunzigern so. Nur weil der FN nun seit ein paar Jahren ähnlich argumentiert, werde ich meine Position nicht einfach aufgeben.» Ausserdem müsse man genau hinschauen: Nirgendwo im Programm Le Pens fänden sich die Worte «Dividende» oder «Aktionäre». Das sage doch schon alles.

Ruffin will auf den Grossteil seines Abgeordnetengehalts verzichten und sich auf den Mindestlohn beschränken, sollte er gewählt werden. Wer die einfachen Leute vertreten wolle, müsse auch wissen, wie diese leben, sagt er; der Rest des Geldes soll an soziale Projekte gehen. Zudem hat er angekündigt, einen neuen Film zu drehen, der im Milieu der Pariser ParlamentarierInnen spielen soll. Arbeitstitel: «Merci Macron!» In der Hauptstadt dürfte Ruffin jedenfalls reichlich Gelegenheit haben, seinem ehemaligen Mitschüler über den Weg zu laufen.

Nachtrag vom 22. Juni 2017

Ruffin im Parlament

François Ruffins Chancen vor der entscheidenden Runde der französischen Parlamentswahlen standen schlecht: Im ersten Wahlgang hatte der linke Journalist, der 2016 mit dem sozialkritischen Dokumentarfilm «Merci Patron!» bekannt geworden war, 24,3 Prozent der Stimmen erhalten – 10 Prozent weniger als der Kandidat von La République en Marche, der Partei von Emmanuel Macron. «Auf dem Papier ist die Sache entschieden», hatte Ruffin da noch gesagt. Aufgeben wollte der parteilose Politiker, dessen Kandidatur von Jean-Luc Mélenchons Bewegung La France insoumise unterstützt wurde, trotzdem nicht. Tatsächlich erhielt der 41-Jährige in der zweiten Runde am Sonntag knapp 56 Prozent der Stimmen und zieht nun als Abgeordneter des ersten Wahlkreises des nordfranzösischen Département Somme ins Parlament ein.

Für den Fall seiner Wahl hatte er angekündigt, einen weiteren Film zu drehen, der im Milieu der französischen Abgeordneten spielen soll. Dazu wird er nun Gelegenheit haben. Dennoch betonte Ruffin, der wie Macron in Amiens aufgewachsen ist, dass er im Parlament nicht bloss den Clown spielen wolle, sondern sich ernsthaft seinem neuen Amt widmen werde.

Daniel Hackbarth

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