Nr. 23/2017 vom 08.06.2017

Zu Besuch an der Pariser Opéra

Von Thomas Meyer

Gerade noch haben die Technikerinnen hinter den Kulissen beschwingt mitgesungen; die Aufführung wird ein Erfolg. Ein harter Schnitt – und schon eilen wir mit einer Mitarbeiterin wieder durch die Gänge, der Opernbetrieb ist ruhelos. Nach der Premiere ist vor der Premiere, gerade an der Pariser Oper mit ihren zwei Häusern, mit Musiktheater und Ballett. Kein Wunder, hetzt der Chor ständig ein wenig!

Auf eindrückliche Weise vermittelt der Film «L’Opéra de Paris» etwas von diesem Alltag zwischen Kunst und Betrieb. Mehr als eine Saison lang haben Regisseur Jean-Stéphane Bron («Mais im Bundeshuus») und sein Team daran teilgenommen, genau beobachtend, aber auch mit Humor. So bekommt man viel von den Mühen mit, den Fehlern und Zweifeln und dem Schweiss, der Hektik, wenn ein Sänger kurzfristig absagt, aber auch von Zuwendung und kleinen und grossen Belohnungen, wenn etwa eine Assistentin mit dem Handy den Applaus aufnimmt zur Erinnerung für die Sängerin auf der Bühne. Man folgt einem neuen jungen Sänger aus Russland, einer Tänzerin, den Friseurinnen, den Jugendlichen, die in einem Nachwuchsprojekt zur Musik hingeführt werden, dem Chefdirigenten. Aus vielen Details ergeben sich Bezüge, auch wenn die Musik dazu manchmal etwas zufällig eingesetzt wirkt.

Der Blick jedoch gilt auch dem grossen Zusammenhang, denn über dem Haus weht die französische Flagge. So erlebt man den Direktor Stéphane Lissner kaum als gloriosen Impresario, sondern beschäftigt mit Sorgen. Da kündigt sich der Staatspräsident zum Besuch an, aber Lissner möchte nicht neben ihm in der Loge sitzen, er will für seine MitarbeiterInnen ständig abrufbar bleiben. Als das Kulturministerium Entlassungen fordert, droht ein Streik, den es mit viel Verhandlungsgeschick abzuwenden gilt. Dazu die Fragen und Probleme der KünstlerInnen – und die Öffentlichkeit: Wie sagen wirs den JournalistInnen? Wie senken wir die Eintrittspreise, ohne ins Minus zu geraten? Wie reagieren wir auf die Terroranschläge? Oper ist keine weltferne Kunst, sie versucht, sich auch in die Verantwortung zu nehmen.

Ab 8. Juni 2017 im Kino.

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