Nr. 43/2013 vom 24.10.2013

«Blocher zielte auf das Herz der Demokratie»

Der Regisseur Jean-Stéphane Bron gibt sich pessimistisch: Der Rechtspopulismus wird auch nach der Ära von Christoph Blocher stark sein. An die aufklärerische Wirkung des Dokumentarfilms glaubt Bron weiterhin.

Von Kaspar SurberMail an AutorIn (Interview) und Florian Bachmann (Foto)

«Ich drehe meine Filme nicht, um darin zu gewinnen», sagt Jean-Stéphane Bron. «Hätte ich geglaubt, Christoph Blocher entlarven zu können, wäre ich naiv gewesen.»

WOZ: Jean-Stéphane Bron, wie viel Zeit haben Sie für Ihren Film zusammen mit Christoph Blocher verbracht?
Jean-Stéphane Bron: Fünfzig Tage auf dem Dreh. Und dann nochmals rund 200 Tage im Schnittraum, da war er natürlich auch immer präsent (lacht).

Sind Sie Blocher persönlich nahegekommen?
Es gibt Journalisten, die sagen, Blocher sei als Politiker aggressiv, aber als Person charmant. Ich hatte auf dem Dreh nie den Eindruck, dass es zwei Blochers gibt: Es gibt ihn nur als politische Figur. Bei den Dreharbeiten hat er oft von den Mythen des Landes erzählt, von Wilhelm Tell oder Niklaus von der Flüe: von Helden mit einer Mission. «Ob es geschehen ist, ist nicht entscheidend», sagte er immer wieder, in der Meinung, dass wir alle auf Mythen aufbauen. Er erfindet sich selbst als Fortsetzung dieser Mythen.

Tatsächlich ist etwas geschehen in der Schweiz in den letzten Jahren, die SVP ist zur stärksten Partei mit fast dreissig Prozent Wählerinnen und Wählern gewachsen. Ich habe meinen Film deshalb formal als Mythos angelegt.

Und in der Realität, ist Blocher da Handelnder oder Getriebener?
Beides, würde ich meinen. Die gesellschaftlichen Veränderungen, um es mit dem französischen Philosophen Michel Serres zu sagen, ergeben sich durch tektonische Verschiebungen, tiefere Ursachen wie den ökologischen Raubbau oder den technologischen Wandel. Was wir im Moment als Wirtschaftskrise sehen, ist nur ein Vulkan, der ausbricht.

Auch Blocher hat diesen Ausbruch als Unternehmer mitbefördert, etwa bei der Zerschlagung der Alusuisse. Dass einzelne Industriebetriebe heute Staatsfonds aus Singapur gehören, dürfte allerdings auch ihn erstaunen. Blocher versteht die heutige Welt nicht mehr.

Trotzdem ziehen Sie ein düsteres Fazit. Gegen Ende fährt Blochers Limousine in einen Tunnel, Sie kommentieren aus dem Off: «Selbst wenn Blocher gestorben ist, wird er noch da sein, weil seine Ideen die Gesetze kontaminiert haben.» Wo sehen Sie die Folgen dieser Kontaminierung?
In den Gesetzen, in der Politik, überall in der Gesellschaft: Das Asylgesetz beispielsweise wurde mehrmals extrem verschärft. Die Art und Weise zu politisieren hat sich in der Schweiz verändert, es wird nicht mehr rational argumentiert. Der Rechtspopulismus hat die Politik von der Rationalität auf das Feld der Emotionen und Affekte verschoben. Dadurch hat sich die Sprache der Gesellschaft verändert, nicht nur in den Slogans und Plakaten.

Nehmen Sie die Ansprache des freisinnigen Bundesrats Jean-Pascal Delamuraz vor zwanzig Jahren auf dem Gotthard für einen Beitritt zum EWR. Es ist unglaublich – wer sie heute sieht, hat den Eindruck, hier spreche ein Linker: für eine Öffnung zur Welt, mit einem Glauben, überhaupt einer Vorstellung von der Zukunft. Heute richtet sich der politische Diskurs nach innen: Die Schweiz soll vor Fremden bewahrt werden. Die ganze Gesellschaft ist nach rechts gerückt, wobei das in ganz Europa der Fall ist.

Blocher, der erbitterte EU-Gegner, ist paradoxerweise ein europäisches Phänomen?
Ja, die Behauptung vom Sonderfall hat in der Schweiz dazu geführt, dass die Art des Politisierens sehr europäisch wurde, indem von der SVP eine Differenz geschaffen wird zwischen Opposition und Elite – zur Regierung, den Gerichten, der Wissenschaft. Auch wenn sie unterschiedliche historische Wurzeln haben, sind die rechtspopulistischen Bewegungen in Europa, etwa die SVP und der Front National in Frankreich, stark vergleichbar.

Was ist typisch für den Rechtspopulismus?
Der französische Historiker Pierre Rosanvallon hat darauf hingewiesen, dass der Rechtspopulismus nicht als eine politische Kraft unter anderen zu analysieren ist, sondern dass er auf das Herz der Demokratie zielt: Die Demokratie ist in ihrem Ideal nie fertig, sie muss immer neu den Konsens finden. Aber genau diesen Konsens hat Blocher attackiert. Der Rechtspopulismus hat sich in unser System eingeschrieben, und darum bin ich überzeugt, dass er auch nicht mit Blocher verschwindet.

Ich sehe das nicht ganz so pessimistisch: Die Abwahl aus dem Bundesrat hat ihn an der Achillesferse seiner Eitelkeit getroffen, und in der öffentlichen Debatte gibt es wieder Platz, zum Beispiel, um Fragen der Gerechtigkeit zu diskutieren.
Der Druck auf das System hat nach seiner Abwahl abgenommen, das stimmt. Aber was sind schon ein paar Sitzverluste im Parlament? Die Barrieren sind gefallen, auch in den Medien, die auf das Spektakel angewiesen sind.

Sie haben drei Filme über die Politik gemacht: «Mais im Bundeshuus» zeigt, wie ein Gesetz über die Gentechnologie beschlossen wird, also wie eine Entscheidung fällt. «Cleveland vs. Wallstreet» schildert einen fiktiven Prozess der Bevölkerung gegen die Grossbanken, die Untersuchung einer Schuld. Und jetzt also «L’Expérience Blocher» über den Rechtspopulismus, letztlich über die Angst. Weshalb diese Auswahl?
Der rote Faden, der sich durch die drei Filme zieht, ist die Frage nach der Demokratie. Ich habe jedes Mal versucht, einen Moment der Demokratie einzufangen. «Mais im Bundeshuus» erscheint als heiteres Spiel über ein ernstes Thema: Wer gewinnt in der Frage, ob ein Eingriff in die Natur beschlossen wird oder nicht? Der ökonomische Druck durch das Lobbying ist schon zu spüren. Diesem Einfluss wollte ich im folgenden Film nachgehen. Ich fragte nach der Finanzkrise bei allen Banken an, ob ich bei ihnen filmen dürfe, doch sie verwiesen mich alle freundlich an die nächste Bank. Als ich schon verzweifelt war, fand ich eine Zeitungsnotiz über einen geplanten Prozess in Cleveland.

Die Idee zum Blocher-Film entwickelte ich in einem nächtlichen Gespräch mit dem Theaterregisseur Milo Rau. Uns interessiert die gleiche Frage: Was kann heute ein Theaterstück zur Erkenntnis leisten, was ein Dokumentarfilm?

Sie betreiben einen grossen erzählerischen Aufwand, um überhaupt einen Ausschnitt der Demokratie ins Auge zu fassen. Sie warteten monatelang im Bundeshaus vor einem Kommissionszimmer, inszenierten einen fiktiven Prozess in Cleveland, weil der geplante gegen die Banken selbstverständlich nicht stattfand, begleiteten einen Politiker durch einen Wahlkampf …
Heute wird mit Handykameras fast alles gefilmt, sodass ich als Dokumentarfilmer der Wirklichkeit nicht näherkomme, wenn ich bloss ein weiteres Bild hinzufüge. Es geht darum, einen Standpunkt einzunehmen, einen bestimmten Blickwinkel. Ein Dokumentarfilm ist immer eine Inszenierung: Schon der erste, «Arbeiter verlassen die Fabrik» der Gebrüder Lumière, wurde bewusst inszeniert – die Arbeiter spazieren am Sonntag, in Sonntagskleidern, aus der Fabrik.

Sie fangen in Ihren Filmen Momente der Demokratie ein – und doch läuft es weiter wie gehabt, die Menschen entscheiden sich nicht für die Veränderung: Die Parlamentarier stimmen gegen ein Gentechmoratorium, die Geschworenen verurteilen die Banken nicht, und Blocher bleibt Blocher. Ist das nicht desillusionierend?
Nein, weil ich meine Filme nicht drehe, um darin zu gewinnen. Die Bank gewinnt bekanntlich sowieso immer. Und hätte ich geglaubt, Blocher entlarven zu können, wäre ich naiv gewesen. Es genügt mir, den Banken oder Blocher entgegenzutreten, sie zu hinterfragen und so für einen kurzen Moment Demokratie herzustellen.

Wovon handelt Ihr nächster Film?
Von den Neurowissenschaften und wie sie sich den künftigen Menschen vorstellen.

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