Nr. 23/2017 vom 08.06.2017

Liebesbriefe aus Rio

Von Rahel Locher

Nach fast dreissig Jahren taucht ein Brief auf, der den holzigen, feuchten Geruch der Vergangenheit mitbringt – und den Londoner Arzt André Cabral, Ich-Erzähler in Luiza Saumas Erstlingsroman «Luana», aus den gewohnten Bahnen reisst. So wie damals schon, als die gescheiterte Beziehung zur Titelfigur, der Verfasserin des Briefs, André dazu bewog, seine Heimatstadt Rio de Janeiro zu verlassen.

Es handelte sich um eine verbotene Liebe, die sie oft bloss in schnellen Küssen hinter aufgehängten Laken oder raschen Berührungen im dunklen Fernsehzimmer leben konnten. Denn André ist ein Kind reicher Eltern, Luana hingegen die Tochter der Hausangestellten seiner Familie.

Während Luana wie selbstverständlich am Leben von Andrés Familie teilhat, ist dieser erstaunlich ignorant gegenüber ihrem Leben. So weiss er beispielsweise nichts über ihren Vater oder über die Situation in der Favela, wo Luana ihre freien Tage verbringt. Dass sie dort einen Freund hatte, trifft André wie aus heiterem Himmel. Sowieso zeichnet Luiza Sauma – wie ihr Protagonist in Rio geboren, aber in London aufgewachsen – das Bild eines Mannes, dem das Leben mehr zustösst, als dass er selbst Entscheidungen trifft. So entzieht er sich zwar mit neunzehn der vom Vater vorgespurten Zukunft in dessen Schönheitsklinik, wird dann aber doch Arzt. Und er ist unfähig, das Scheitern seiner Beziehungen zu reflektieren – sowohl zum Vater als auch zu Luana und zu seiner ersten offiziellen, standesgemässen Freundin. In London, wo die gegenwärtige Erzählebene des Romans angesiedelt ist, bleibt ihm offenbar auch nichts anderes übrig, als wegen der Erinnerungen, die Luanas Briefe wachrufen, seine Frau und die beiden Töchter zu verlassen.

Wie der Protagonist so auch das Buch: Tiefsinnige Gedanken sucht man darin vergeblich, und der Plot fördert zwar einige frappierende Verbindungen zutage, doch diese sind als Erzählmotive auch reichlich abgelutscht. Als leicht dahinplätschernde Lektüre, etwa an einem sommerlichen Strand, gibt der Roman aber durchaus etwas her.

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