Nr. 23/2017 vom 08.06.2017

Mit grünen Wörtern Blödsinn verkaufen

Von Bettina Dyttrich

Mit dem Wort «Recycling» ist es wie mit dem Wort «erneuerbar»: Man kann damit jeden Blödsinn verkaufen. Victorinox verkauft jetzt Sackmesser aus rezyklierten Nespresso-Kapseln: «Ökologisches Denken trifft auf Kaffeekultur und Abenteuerlust.» Die erste Auflage ist bereits ausverkauft, und viele werden denken: Gut, dass da etwas Sinnvolles aus Abfall gemacht wird.

Aus Abfall allerdings, der von Anfang an unnötig war. Schliesslich ist die Kapselmaschine eine der dümmsten Erfindungen der letzten Jahrzehnte. Eine ungeheure Materialschlacht, um einen Handgriff zu ersetzen, unter dem niemand gelitten hat. Kaffeepulver in eine Espressokanne oder -maschine füllen ist eine sinnliche Arbeit, die die Vorfreude auf den Kaffee verstärkt. Ohne Kapseln ginge es der Welt besser – es gäbe noch genug andere Abfälle, aus denen Victorinox seine Messer herstellen könnte.

Sogar im Bioladen werden einem Kapseln angedreht: «Wildkaffee, Äthiopien. In der Kapsel. Kompostierbar.» Die Kapseln für «Bonga Red Mountain», die auch in Nespresso-Maschinen passen, sind aus Mais und Zuckerrohr – in zwölf Wochen zu neunzig Prozent verrottet. «Eine Konkurrenz zu Agrarnutzungsflächen besteht nicht, da nur 0,01 Prozent hiervon für die Biokunststoffproduktion genutzt wird», beruhigt die Werbebroschüre. Ein Zirkelschluss, denn der Druck auf Agrarflächen ist im Gesamten enorm, und jedes neue Produkt erhöht ihn. Klar, die Philosophie hinter beiden Produkten ist: Die Kapselmaschinen sind nun einmal da, machen wir das Beste daraus. Aber wenn das Ausgangsprodukt dumm ist, hilft Nachbessern auch nicht. Hier werden Nahrung und Energie verschwendet für ein überflüssiges Gadget der Reichen.

Noch viel dreister als alle Kaffeehändler gebärdet sich die Atomkraftlobby: Sie verkauft die Wiederaufbereitung von alten AKW-Brennstäben als «Recycling». Rein sprachlich hat sie recht, denn dabei wird tatsächlich etwas wiederverwertet: Man gewinnt aus den Brennstäben Plutonium, einen der tödlichsten Stoffe der Welt. Wenigstens dieses «Recycling» hat die Schweiz mit dem Ja zur Energiestrategie 2050 gestoppt.

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