Nr. 31/2017 vom 03.08.2017

Dem Iran kleine Freiheiten abringen

Von Markus Spörndli

«Der neue Iran»: Der Titel des aktuellen Buchs von Charlotte Wiedemann könnte in die Irre führen. Denn es ist keine der üblichen, oft oberflächlich optimistischen Abhandlungen über das grosse Land im Mittleren Osten, das seit dem Abschluss des historischen «Atomdeals» langsam wieder aus der internationalen Isolation tritt und sich einen wirtschaftlichen wie auch (aussen)politischen Aufschwung verspricht. Die deutsche Autorin und Journalistin, die regelmässig für «Le Monde diplomatique» und auch für die WOZ schreibt, befasst sich vielmehr mit verschiedensten Menschen: Wenn sie alt genug sind, leben sie nun schon zum wiederholten Mal in einem «neuen» Iran – und ringen dem repressiven (und doch schwachen) Staat mit Fantasie, Optimismus und Beharrungsvermögen kleine Freiheiten ab.

Entstanden ist eine erhellende Gesellschaftsanalyse, die elegant die grossen historischen Linien nachzeichnet, aber vor allem von den feinen Zwischentönen und den iranischen Alltag prägenden Uneindeutigkeiten lebt. Die Tragik der Geschichte verkörpern Menschen wie Schirin Ebadi, die während des Schahregimes die erste Richterin des Landes war, dabei aber mit aller Kraft für die Revolution von 1978/79 kämpfte. «Die Freude währte nur kurz», schreibt Wiedemann: «Bald entzogen ihr die Mitrevolutionäre das Richteramt, weil sie eine Frau war.»

Einfühlsam und präzis gibt die Autorin Einblick in Lebenswelten, die im Westen nicht unbedingt mit dem «Gottesstaat» Iran verbunden werden. Etwa die lebhafte Theaterszene, die von der Oper bis hin zur schlüpfrigen Boulevardkomödie ein breites Spektrum umfasst. Oder in Wiedemanns eigenen Worten: «Unter den Künsten in Iran ist das Theater den herrschenden Umständen besonders fremd und besonders nah. Handelt es doch von der Inszenierung des Lebens in einem Land, wo das gewöhnliche Leben ständiger Inszenierung bedarf.» Die plausible Interpretation dazu: «So kann sich in einem fensterlosen Raum die Sehnsucht erfüllen, der Enge des eigenen Lebens zu entfliehen – indem diese Enge zum Gegenstand von Kunst wird.»

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