Alejandro Jodorowsky : Die volle Dröhnung des Alchimisten

Nr.  31 –

Die Filme eines David Lynch oder Quentin Tarantino wären undenkbar ohne das Werk von Alejandro Jodorowsky. Jetzt, mit 87 Jahren, bekommt der chilenische Universalkünstler in Locarno den Ehrenleoparden.

Alejandro Jodorowsky

Salvador Dalí spielt den wahnsinnigen Imperator, Orson Welles residiert als böser Baron in einem Palast nach Plänen von H. R. Giger, die Musik stammt von Pink Floyd, und sogar Mick Jagger hat eine Gastrolle. Es ist ein intergalaktisch illustres Personal, das da in «Dune» zusammenkommt, Alejandro Jodorowskys Verfilmung des Science-Fiction-Bestsellers von Frank Herbert. Wenn Sie noch nie von dem Film gehört haben, könnte das daran liegen, dass er nie gedreht wurde.

Vielleicht ist es besser so, von einem Klassiker, den es gar nicht gibt, kann man umso schöner träumen. Im Museum ungedrehter Filme hat Jodorowskys «Dune» längst einen Ehrenplatz, als unerfüllter Geniestreich oder als Desaster im Konjunktiv. Ein Mythos, der genährt wird von einem Begleitchor aus Legenden, die im Dokumentarfilm «Jodorowsky’s Dune» (2013) nochmals angestimmt werden. Etwa die, dass der Regisseur extra für Orson Welles den Küchenchef von dessen Pariser Lieblingsrestaurant für die Dreharbeiten engagiert hätte. Oder dass man Salvador Dalí ein ruinöses Honorar von 100 000 Dollar angeboten habe, weil dieser mit «Dune» unbedingt als teuerster Schauspieler Hollywoods in die Geschichte habe eingehen wollen – 100 000 Dollar pro Filmminute, versteht sich.

Was aber wäre das für ein Film geworden? «Etwas Heiliges! Ein Film, der wie LSD wirkt, ohne dass man dafür Drogen nehmen müsste.» Wenn Jodorowsky «heilig» sagt, dann meint er in erster Linie ein grenzenlos erweitertes Bewusstsein. Und das halluzinogene Medium, von dem er sich solche Transzendenz verspricht, heisst: Kino.

Auf Sinnsuche im Sexkino

Vor dem Film aber war er schon Dichter, Clown, Theatermacher. Aufgewachsen in Chile als ungeliebter Sohn eines autoritären jüdischen Kommunisten, wanderte Jodorowsky mit 24 Jahren aus, als der frühere Diktator Carlos Ibáñez del Campo zum Präsidenten gewählt wurde – nach Paris, später nach Mexiko und zurück nach Paris. Er tourte mit der Truppe des Mimen Marcel Marceau, drehte einen surrealistischen Kurzfilm nach Thomas Manns «Die vertauschten Köpfe», gründete das Mouvement Panique, als anarchistisches Korrektiv zum Surrealismus, der ihm damals zu sehr Mainstream geworden war.

Es war dann sein zweiter Langfilm, der den chilenischen Universalkünstler in den Rang eines visionären Popsurrealisten katapultierte: «El topo» (1970), ein bizarrer Western über einen schwarz gewandeten Reiter. Auf seinem Pfad zur spirituellen Vollendung trifft dieser manch absonderliche Gestalt, darunter einen armlosen Pistolero, der einen Pistolero ohne Beine auf dem Buckel trägt. In der Hauptrolle des namenlosen Reiters: der Regisseur persönlich. Für die Hippiebohème von Dennis Hopper bis zu den Beatles war das damals der ganz heisse Scheiss: 25 Wochen lang lief «El topo» täglich um Mitternacht in einem New Yorker Sexkino – der «Kultfilm», wie wir ihn heute kennen, war geboren.

Finanziell unterstützt von John Lennon, erhöhte Jodorowsky sodann die Dosis. Sein nächster Film, «La montaña sagrada» (1973), ist eine esoterisch-obszöne Groteske in knalligen Farben, die jeder Kategorisierung spottet. Man könnte es surrealistische Pop-Art aus dem Geist eines abtrünnigen Anthroposophen nennen. Oder auch einfach postmodernen Schamanismus.

Postmoderner Schamanismus: Szenen aus Alejandro Jodorowskys Film «La montaña sagrada» (1973).

Da paradiert etwa die Armee mit blutigen, gekreuzigten Tierkadavern, und die Eroberung Mexikos wird mit kostümierten Echsen und Kröten nachgespielt. Solche Anspielungen auf das politische Klima in Lateinamerika sind hier nur die Kulisse für die spirituelle Reise eines Folteropfers in Jesusgestalt. Auf dessen Trip zur Unsterblichkeit entwirft Jodorowsky eine bizarre Kosmologie der Gewalt und der Libido. Besondere Attraktionen: eine tanzende Orgasmusmaschine und eine alchimistische Apparatur, die Scheisse in Gold verwandelt. Am Ende des Trips erwartet uns wieder Jodorowsky als Hohepriester einer Erweckungssekte, der seine Gefolgschaft mit Transzendenz ködert – um ihr (und uns) letztlich den Boden unter den Füssen wegzuziehen.

Und dann kam «Dune». Oder eben nicht. Dabei war Hollywood in den Jahren nach «Easy Rider» so freigeistig drauf wie nie. Aber fünfzehn Millionen Dollar für einen filmischen LSD-Trip (geplante Laufzeit: zwölf Stunden), das war doch zu viel gegenkulturelle Extravaganz. Dafür, dass der Film nie realisiert wurde, wirkte er gewaltig nach: Gleich vier Leute aus Jodorowskys Kernteam wurden bald darauf zu einem anderen Projekt abgezogen, darunter H. R. Giger und der französische Comiczeichner Jean Giraud alias Moebius. Dieser andere Film war «Alien» (1979) von Ridley Scott. (Als «Dune» später von David Lynch verfilmt wurde, war von der einstigen Vision nichts mehr zu sehen. Und anstelle von Salvador Dalí, Orson Welles und Mick Jagger gabs Sting in einer Hauptrolle.)

Jodorowsky selber wandte sich weitgehend vom Kino ab, aber bei der Arbeit an «Dune» hatte er einen kongenialen Partner gefunden: Als Szenarist für Moebius startete er mit «L’Incal» (deutsch: «John Difool») eine neue Laufbahn als Comicautor, die bis heute andauert. Sein kolossaler Traum mit «Dune» war zwar zerschellt, aber Jodorowsky rettete manche Wrackteile, indem er Ideen aus dem Drehbuch später in seine Comics einbaute.

Gottloser Mystiker

Daneben schrieb er Romane, Gedichte und Kurzgeschichten, auf seinen Büchern findet man heute Testimonials aus allen künstlerischen Ecken: von Leuten wie Marina Abramovic, John Zorn oder Kanye West. Aus seiner fast lebenslangen Beschäftigung mit Tarot entwickelte er eine eigene psychotherapeutische Methode, die er Psychomagie nennt. Man sieht es seinen Filmen an: Jodorowsky hasst Religion, aber er ist ein bekennender Mystiker und Liebhaber okkulter Praktiken – was ihn dazu prädestinierte, bei der Hochzeit von Schockrocker Marilyn Manson und Dita Von Teese die Trauung zu vollziehen.

Erst jetzt, mit 87 Jahren, ist er zurück beim Film und wird endlich gefeiert wie der Guru, der er immer schon war. Vor drei Jahren meldete er sich zurück mit «La danza de la realidad», einer surrealistisch überhöhten Autobiografie über seine Kindheit in einer chilenischen Hafenstadt. «Poesía sin fin» heisst nun die Fortsetzung, ein Selbstporträt des Künstlers als junger Mann. Es sind burleske Filme aus dem Geist des Varietés, das Vermächtnis eines Poeten, der sich zeitlebens ein eigenes fantastisches Zeichensystem erschuf, um die bösen Geister seiner Kindheit auszutreiben: den rabiaten Vater daheim, den unverhohlenen Antisemitismus draussen.

Die Befreiung, die der junge Alejandro in der Poesie findet, gipfelt im Film in einem freudigen Ausruf, der gut und gern als Maxime über Jodorowskys Lebenswerk stehen könnte: «Ich habe meinen Teufel an die Seele verkauft!»

Neben «La montaña sagrada» zeigt das Filmfestival in Locarno auch «Santa Sangre» und «La danza de la realidad». Zur Verleihung des Ehrenleoparden am Freitag, 12. August 2016, läuft Jodorowskys neuster Film, «Poesía sin fin», auf der Piazza Grande.