Nr. 33/2017 vom 17.08.2017

Ein Leben in Watte

Der Migrationsforscher Mark Terkessidis über den erfundenen «Schulz-Effekt», die sogenannte Mitte und Friedrich Nietzsche.

Von Mark Terkessidis, Berlin

Gerade aus dem Urlaub zurück, ertappe ich mich bei der Frage, für welche Wahl eigentlich diese Plakate sein sollen, die jetzt überall rumhängen. Sie sehen, wie mich die letzten Jahrzehnte politisch ruiniert und förmlich entleert haben – ich hatte unter der Urlaubssonne schlicht vergessen, dass im September Bundestagswahl ist. Aber warum sollte es mich auch interessieren? Nicht erst seit Angela Merkel Kanzlerin ist, sondern seit der ersten Wahl Helmut Kohls in den achtziger Jahren leben wir nur noch in politischer Watte. Kohl war damals mit dem konservativen Anliegen angetreten, eine «geistig-moralische Wende» durchzusetzen, stellte dann aber fest, dass es besser ist, in der «Mitte» zu leben und jedes genuin politische Anliegen, sei es nun aus dem eigenen Lager oder aus jenem der «Linken», in Watte zu ersticken.

Dann kam die richtige Wende, aber auch die war nur ein Sturm im Watteglas. 1998 roch es mit dem Sieg von Rot-Grün ganz kurz nach Politik, aber das hielt nicht lange. Hatte ich schon erwähnt, dass ich seit 1998 gar nicht mehr gewählt habe? Damals nämlich habe ich meine Stimme für die Grünen abgegeben. Ein Jahr später segnete die angebliche Partei des Pazifismus die Bombardierung von Belgrad ab. So viel politische Unberechenbarkeit war zu viel für mich. Ganz ähnlich ging es all jenen, die damals dachten, die deutschen Sozialdemokraten seien immer noch eine linke Partei, und dann die Agenda 2010 präsentiert bekamen.

Mutti gewinnt sowieso

Kürzlich las ich in einem Artikel, für französische Jugendliche habe der Begriff «links» nicht mehr die geringste Bedeutung: Die «Linken», die sie kennen, das seien nämlich François Hollande und Manuel Valls. Doch die deutsche Sozialdemokratie fühlt sich offenbar vor den sechs Prozent gefeit, die den französischen Sozialisten nach der letzten Wahl geblieben sind. Wegen des «Schulz-Effekts» vermutlich. Den haben die Medien nach zweieinhalb Umfragen erfunden, und danach haben sie bei jeder Landtagswahl gemeldet, der selbsterfundene Effekt wolle einfach nicht eintreten.

Aber Schulz möchte ja gar nicht regieren. Es gibt nicht einmal einen halbherzigen Versuch, mit den Grünen und den Linken eine gemeinsame Linie zu finden. Schulz strebt wie Sigmar Gabriel und andere Sozis einen schönen Ministerposten in der Grossen Koalition an. Mutti gewinnt ja sowieso. Mutti hat den Einsatz von Watte in der sogenannten Mitte in neue Dimensionen geführt. Finanzkrise: Der zeig ich die Raute. Eine Million SyrerInnen aufnehmen: Mach ich im Alleingang. Die AfD: Ach komm, da hab ich echt schon andere Sachen ausgesessen.

Nur noch ein fernes Echo

Durch die Watte sieht man schlecht, also kommt niemand darauf, dass die Regierung weder die EU-Krise noch die «Flüchtlingskrise» rechtzeitig bemerkt hat, dass die Anbetung der «schwarzen Null» zu einem Mangel an Investitionen, zumal im Bereich Bildung, geführt hat (eine Schande für ein reiches Land), die Wohnraumspekulation für ein Land der MieterInnen ausser Kontrolle ist und die einseitige Orientierung auf den Export weder Deutschland noch der EU längerfristig von Nutzen sein kann. Im Grunde wird kein einziges Problem gelöst, aber das gehört ja zum Repertoire neoliberalen Regierens: Die Regierung erzeugt die Unsicherheit, die sie dann in der nächsten «Krise» zu bekämpfen vorgibt. Die Drecksarbeit machen dabei die anderen – etwa Mario Draghi, der Präsident der Europäischen Zentralbank, der die «schwarze Null» mit Geldfluten konterkariert, oder die deutschen Kommunen, in denen eine neue Generation von Bürgermeister-ManagerInnen die jeweils neuen Herausforderungen pragmatisch bewältigt.

Die wattefreien Zonen werden immer kleiner. Seitdem das Bürgertum die Städte neu entdeckt hat und die Wohnungspreise und Mieten ständig steigen, gibt es täglich weniger Raum für Alternativen. Die deutschen Grossstädte werden zunehmend von jenen «letzten Menschen» bevölkert, die Friedrich Nietzsche in seinem «Zarathustra» beschrieb. «Man hat sein Lüstchen für den Tag und sein Lüstchen für die Nacht: aber man ehrt die Gesundheit. ‹Wir haben das Glück erfunden› – sagen die letzten Menschen und blinzeln.» Die Welt ist nur noch ein fernes Echo, das gehört wird von FAZ-Redaktoren, die dann eine Sehnsucht verspüren und an ihren Schreibtischen Romane verfassen mit Titeln wie «Reise ans Ende der Watte».

Mark Terkessidis (50) lebt als Journalist, Autor und Migrationsforscher in Berlin.

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