Nr. 35/2017 vom 31.08.2017

Deutsch durch und durch

Waffenlieferungen, Bankendeals, Diversität und Charme: Angela Merkel steht für das neue Deutschland.

Von Julia Schramm, Berlin

An manchen Tagen ist Angela Merkel so deutsch, dass es mir kalt den Rücken runterläuft. Wenn sie zum Flüchtlingsmädchen sagt, dass halt nicht alle bleiben können, und dann etwas unbeholfen vor dem Mädchen steht, das weint und immer wieder beteuert, dass sie doch eine tolle Schülerin sei und Deutsch könne und so. Eine berühmt gewordene Szene aus dem Herbst 2015. Das war so ein bürokratisches TechnokratInnendeutschtum, das Max Weber als für die Demokratie beruhigend beschrieb.

Dennoch ist Merkel keins von beidem so richtig. Genauso wie sie nicht das olle Pickelhaubendeutschland oder das hyperaggressive Nazideutschland ist. Sie ist auch nicht die BRD oder die DDR; wobei sie die BRD liebte und in der DDR lebte. Merkel ist nichts von dem, was Deutschland klassisch historisch definiert hat oder definiert. Das geht so weit, dass sie als «antideutsch» beschimpft wird oder als «Verräterin» – insbesondere von denen, die Pickelhauben (diese preussischen Helme mit Spitz) gut finden oder eben Nazis. Donald Trump behauptete sogar im Wahlkampf, dass die Menschen aus Deutschland vor Angela Merkels Politik fliehen – als würde sie die Interessen Deutschlands nicht aggressiv genug vertreten.

Dem Wohlstand frönen

Dabei vertritt Merkel deutsche Interessen, wie es sich kein Kanzler seit 1945 getraut hat. Merkel ist eine deutsche Kanzlerin durch und durch. Skrupellos auf Kosten der EU wurde der deutsche Haushalt saniert, der Kapitalabfluss aus den südlichen Ländern zugunsten Deutschlands ist eine Geissel und der Handelsüberschuss ein echtes Problem. Die historische Idee der EU, nämlich Deutschland wirtschaftlich einzubinden und so zu bändigen, wird durch Merkel ad absurdum geführt.

Gerechtfertigt wird diese Politik in den letzten Jahren mit «faulen Südländern» und «fleissigen Deutschen». Die südlichen Länder, allen voran Griechenland, leiden unter der Politik der Bundesregierung und unter der Austeritätspolitik bis heute, die ideologisch das Ganze legitimieren soll. Um es mal drastisch auszudrücken: Deutschland frönt seinem (auch noch ungerecht verteilten!) Wohlstand auf dem Rücken der EU. Das mahnte sogar der unlängst verstorbene Helmut Kohl an – sonst nicht bekannt als grosser Verfechter transnationaler Gerechtigkeit.

Diese Politik Merkels ist auch ein Grund für die fehlende Solidarität der anderen EU-Staaten beim Thema Geflüchtete. Nachvollziehbarerweise hätten die übrigen Staaten gerne, dass Deutschland die meisten Geflüchteten aufnimmt, wenn es sich schon das ganze Geld eingesteckt hat. Auch weil sich die innenpolitische Ablehnung von Geflüchteten durch alle europäischen Staaten wie ein schlecht riechender Faden zieht.

Ganz modern

Merkel ist keine klassische deutsche Herrscherin. Was auch daran liegt, dass es in der Geschichte noch keine deutsche Herrscherin gab. Merkel steht für das neue Deutschland. Das veränderte Deutschland. Das westliche Deutschland. Das Deutschland, das Soft Skills und Power einsetzt, sich mit Waffenlieferungen und Bankendeals bereichert, den Kapitalismus umarmt und Diversität gut findet. Das bequeme Deutschland, das sich für die anderen nicht so richtig interessiert, aber ihnen auch nichts Böses will. Es ist das Deutschland, das freundlich auftritt, mit einem Lächeln, mit Witz und einem seltsamen Charme, der angesichts der Vergangenheit manchmal gruselig wirkt. Aber nicht, wenn Angela Merkel ihn ausstrahlt, dann wirkt er pragmatisch und sachlich.

Julia Schramm sitzt im Landesvorstand der Linken in Berlin und ist Fachreferentin für Hate Speech. Seit 2015 schreibt die 31-Jährige für die «Jungle World» die Kolumne «Die dunkle Raute der Macht», 2016 ist ihr Buch «Fifty Shades of Merkel» (Hoffmann & Campe) erschienen.

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