Nr. 37/2017 vom 14.09.2017

Deutsche Mythen, deutsche Dialektik

Warum empört sich in der Bundesrepublik eigentlich kaum jemand über die Autoindustrie – trotz der schmutzigen Dieselaffäre?

Von Nils Markwardt, Berlin

Zum Wesen nationaler Mythen gehört nicht selten, dass sie über ein dreckiges Detail verfügen, das zwar offen zutage liegt, aber gerade deshalb kommunikativ beschwiegen werden muss. Ein imposantes Beispiel dafür bietet «Wilhelm Tell», zumindest in der schillerschen Version. Welch ein dramatischer Aufwand wird in dem Stück betrieben, um Tells Mord an Burgvogt Gessler einerseits moralisch zu rechtfertigen, diesen dann aber auch als Privatsache zu verkaufen, damit die Bluttat nicht die saubere Revolte der Eidgenossen befleckt.

Doch gerade als man sich moralisch entspannt zurücklehnen will, fällt einem auf, dass der helvetische Aufstand gegen Habsburg nicht funktioniert hätte, wäre nicht kurz vor Schluss der flüchtige Johannes Parricida aufgetaucht, der gerade seinen Onkel, König Albrecht, aus Machtgier gekillt hatte. Das ist das dreckige Detail, das man gerne vergisst: Ohne diesen niederträchtigen Mord gäbe es keine freie Schweiz, weil die Habsburger sonst einfach einen nächsten Burgvogt geschickt hätten.

Systematischer Betrug

Vielleicht hat Schiller die Schweiz hier aber auch nur als Projektionsfläche benutzt. Denn das Beschweigen des dreckigen Details ist etwas Urdeutsches. In Wirtschaftswunderdeutschland waren das die Nazis, in Einheitsdeutschland die Neonazis und im heutigen Leader-of-the-free-world-Deutschland die rechtspopulistischen Halbnazis. Wobei die Bundesrepublik auch in dieser Hinsicht mehr zu bieten hat. Zum Beispiel: Feinstaub.

Ab und an sieht man in den Nachrichten zwar einen Cayenne-Fahrer, der melancholisch ins Mikrofon seufzt, wie enttäuscht er von der deutschen Autoindustrie sei, aber ansonsten ist der grosse Aufschrei in der Dieselaffäre ausgeblieben. Und das ist nicht nur deshalb erstaunlich, weil VW, Audi und Co. systematisch ihre KundInnen betrogen haben, sondern vor allem auch, weil die uneinsichtige Reaktion der Konzernchefs und deren trotziges Beschwören des Verbrennungsmotors die hiesige Autoindustrie, die im nationalen Mythenranking direkt nach Nibelungenlied und Kartoffelsalat kommt, in eine existenzielle Krise stürzen könnte.

Während in Kalifornien und China gerade die Zukunft der Elektromobilität gestaltet wird, könnten die Dieselfans in Wolfsburg und Stuttgart-Zuffenhausen bald dem zum Opfer fallen, was man heute gemeinhin «disruption» nennt, also der Umstand, dass eine Innovation einen gesamten Markt revolutioniert.

Wobei das weitgehende Beschweigen der buchstäblich dreckigen Dieselaffäre durch die Bundesregierung aber auch bald durchbrochen werden könnte. Paradoxerweise fungiert der Feinstaub als eine Art Katalysator zur finalen Verschiebung der Parteiverhältnisse. Es könnte nämlich gerade das Auto sein, das die einstige AntiautofahrerInnenpartei der Grünen mit der AutofahrerInnenpartei CDU, womöglich sogar noch unter Mithilfe der UltraautofahrerInnenpartei FDP, in eine Koalition auf Bundesebene zusammenbringt.

Bloss keine «Hysterie»!

Nicht nur, dass sich die Annäherung zwischen Grünen und ChristdemokratInnen intensiviert hat, seitdem Baden-Württemberg, Heimat von Mercedes und Porsche, mit Winfried Kretschmann einen grünen Ministerpräsidenten hat, eine schwarz-grüne oder gar Jamaika-Koalition würde auch einer Logik folgen, die man aus dem Kalten Krieg kennt. Konnten damals nur Hardliner wie Richard Nixon oder Franz-Josef Strauss mit Mao oder Honecker verhandeln, weil sie die nötige antikommunistische Street Credibility mitbrachten, könnten es in ähnlicher Logik nun gerade die Grünen sein, die das deutsche Auto vor der deutschen Autoindustrie retten – und damit die Drecksarbeit für die Union machen.

Ob das gelingt, ist offen, besonders auch, weil die Grünen für diese Rolle vielleicht gar nicht mehr taugen. Haben diese zuletzt immer stärker den als realpolitisch apostrophierten Kurs Kretschmanns eingeschlagen, der einst bekannte, dass er für Angela Merkel bete und jüngst vor «Hysterie» in der Dieseldebatte warnte, fehlt ihnen mittlerweile womöglich die ökologische Glaubwürdigkeit, um die Autoindustrie hart genug anzugehen. Es wäre eine besonders deutsche Dialektik, wenn eine schwarz-grüne Koalition auf Bundesebene daran scheitert, dass sich beide zu ähnlich sind.

Nils Markwardt ist leitender Redaktor des «Philosophie Magazins». Dies ist die letzte Folge der Kolumne «Finis Germaniae».

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