Nr. 40/2017 vom 05.10.2017

Wie liesse sich der Konflikt zwischen den USA und Nordkorea lösen?

Der Friedensaktivist Peter Weishaupt beobachtet seit fünfzig Jahren globale Kriege und Konflikte. Die aktuellen Atomkriegsdrohungen seien gefährlich, sagt er. Aber er glaubt nicht, dass es tatsächlich zum Atomkrieg kommt – ausser es laufe wirklich alles schief.

Von Merièm Strupler (Interview)

Peter Weishaupt: «Die Uno müsste eine zentrale Rolle spielen, um den Konflikt zu entschärfen – ähnlich wie beim Abkommen im Iran, das ja auch nur sehr mühsam zustande kam.» Foto: Florian Bachmann

WOZ: Peter Weishaupt, wenn Sie die aktuelle Situation zwischen den USA und Nordkorea betrachten, wie bang wird Ihnen da?
Peter Weishaupt: Ich halte nicht viel von apokalyptischen Befürchtungen. Aber die Eskalation um die nordkoreanische Atomaufrüstung ist brandgefährlich genug, sie kann in einem konventionellen Krieg ohne Atomwaffen enden.

Auch wenn die Welt morgen nicht untergeht: US-Präsident Donald Trump drohte, Nordkorea «total zu zerstören». Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un wiederum meinte, er werde den «geisteskranken, senilen Amerikaner sicher und endgültig mit Feuer bändigen». Sind das plumpe Provokationen, oder droht der Konflikt zu eskalieren?
Es ist eine sehr gefährliche Situation. Ich finde es aber schwierig einzuschätzen, ob ein Land wirklich Atomwaffen einsetzen würde. Natürlich, es gab immer wieder unglaublich heikle Situationen, wie die Kubakrise 1963. Und auch die aktuelle Lage ist bedrohlich. Doch das heisst nicht, dass es zu einer atomaren Konfrontation kommt. Ausser es läuft wirklich alles schief. Davon gehe ich aber nicht aus.

Alleine die Tatsache, dass man wieder offen mit Atomwaffen droht, ist doch beängstigend.
Die Drohungen sind schlimm genug. Und am Schluss bezahlt dafür die nordkoreanische Bevölkerung. In dem von Sanktionen betroffenen Land herrschen immer wieder grosse Hungersnöte. Zudem bewirken die Drohungen des nordkoreanischen Regimes, dass man in Südkorea wieder ernsthaft darüber diskutiert, eine eigene Atomwaffenindustrie aufzubauen. Spitzt sich die Lage extrem zu, ist es auch durchaus realistisch, dass Nord- und Südkorea sich wieder bekämpfen.

Sie haben das ungebändigte Wettrüsten der Supermächte im Kalten Krieg miterlebt. Kann man die Situation von damals mit heute vergleichen?
Das würde ich nicht tun. Im Kalten Krieg hatte die gegenseitige atomare Abschreckung wegen des ausgeglichenen Kräfteverhältnisses eine lähmende Wirkung, Atombomben waren eher eine politische Waffe. Mit dem Zusammenbruch des Ostblocks wurde der Rüstungswettlauf gebremst. Wir erhofften uns davon jedoch viel mehr, als dann tatsächlich passiert ist.

Was zum Beispiel?
Wir vom Friedensrat hatten grosse Hoffnungen auf eine kollektive Sicherheits- und eine wirkliche Entspannungspolitik. Und eine Vision einer Friedensdividende, die bei militärischer Abrüstung woanders hätte eingesetzt werden können. Doch es ist wenig bis gar nicht gelungen, die Atomwaffen wirklich zum Verschwinden zu bringen. Die Grossmächte haben trotz der Vorgaben des Atomsperrvertrags kaum abgerüstet. Das ist auch einer der Gründe für die heutigen Konflikte.

Die Protestbewegung gegen den Vietnamkrieg hat Sie als junger Mann politisiert. Seitdem engagieren Sie sich beim Friedensrat. Warum sind Sie so lange dabeigeblieben?
Was mich interessiert und immer wieder fasziniert, ist die Breite der Themen innerhalb der Friedensarbeit. Und dass man diese zusammendenken muss. Wie zum Beispiel beim Kampf gegen Atomwaffen in den siebziger Jahren, der mit der Anti-AKW-Bewegung einherging. Diese Breite, kombiniert mit konkreter, nachhaltiger Arbeit, gefällt mir. Das ist ein Zugang, der mir bis heute näher liegt als die Arbeit in Institutionen wie etwa politischen Parteien. Das soll nicht heissen, dass nicht auch in Parteien Friedensarbeit geleistet wird. Aber neue Ansätze kommen meist aus gesellschaftlichen Bewegungen heraus.

Der Friedensrat versteht sich also mehr als Teil der Bewegung denn als Teil der Institutionen?
Wir haben immer versucht, die Strukturen offen zu halten und neuen Entwicklungen Raum zu geben. Ende der sechziger Jahre wandelte sich der Friedensrat von einer Dachorganisation pazifistischer und aussenpolitischer Gruppen zu einem Verein mit eigenen Vorstössen und Arbeitsgruppen. Aber der Friedensrat ist noch immer unabhängig und finanziert sich über die Mitgliederbeiträge und über die Abonnements unserer Publikation, der «Friedenszeitung».

Wie liesse sich der aktuelle Konflikt zwischen Nordkorea und den USA Ihrer Meinung nach lösen?
Es ist ungeheuer schwierig. Sanktionen, die die Bevölkerung treffen, ergeben keinen Sinn. Es bräuchte eine Verhandlungslösung, aber dafür müssten sich eben auch China und Russland viel stärker einsetzen.

Wie könnte das gelingen?
Wenn international sämtliche möglichen Anstrengungen unternommen würden. Die Uno müsste eine zentrale Rolle spielen, um den Konflikt zu entschärfen, ähnlich wie beim Abkommen im Iran, das ja auch nur sehr mühsam zustande kam. Das iranische Atomprogramm ist nicht völlig eingestellt, aber wenigstens gibt es stärkere Kontrollen und gewisse Beschränkungen. Das ist unglaublich wichtig. Wenn nun die USA das Iranabkommen wieder infrage stellen, ist das der Sache überhaupt nicht dienlich. Im Gegenteil.

Peter Weishaupt (65) hat als junger Mann eine KV-Lehre absolviert. Weil er als Pazifist den Militärdienst verweigerte, musste er eine Gefängnisstrafe absitzen. Das sei eine Lebensschule gewesen, sagt er.

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