Nr. 33/2017 vom 17.08.2017

«Hauptsache, man kommt mit dem Auto hin …»

Auf der Suche nach der Zukunft der Alpen: Die Gruppe Whatsalp wandert in 119 Tagen von Wien nach Nizza. Am Tag 69 ging es im Grimselgebiet um Wasserkraft – und um Streit in der Umweltbewegung.

Von Bettina Dyttrich

Seit 1986 gibt es im August «Feuer in den Alpen» für den Schutz alpiner Ökosysteme. In Rosswald oberhalb von Brig war Whatsalp heuer dabei. Foto: Andrea Soltermann, Alpen-Initiative

Genau 25 Jahre ist es her. Am 10. August 1992 traf in Guttannen im Oberhasli der engagierte junge Grimselverein auf eine enthusiastische Wandergruppe. Der Verein versuchte, die Landschaft am Grimselpass vor gigantischen neuen Kraftwerksprojekten zu retten. Die Wandergruppe nannte sich Transalpedes und war unterwegs von einem Ende der Alpen zum anderen – zu Fuss. Man hängte ein Transalpedes-Transparent ans Hotel Bären und feierte bis in die Nacht. Am nächsten Morgen hatte jemand das Transparent geklaut.

Heute, am 10. August 2017, trifft sich ein Teil der AktivistInnen von damals wieder: 25 Jahre nach Transalpedes wandern die beiden Geografen Dominik Siegrist und Harry Spiess unter dem Motto «Whatsalp» mit wechselnden BegleiterInnen zum zweiten Mal von Wien nach Nizza (siehe WOZ Nr. 21/2017). An diesem Morgen sind die Whatsalp-Leute zu zwölft und empfangen sechs VertreterInnen des Grimselvereins. Wieder im Oberhasli, aber etwas weiter oben: im Berghaus Oberaar, 2338 Meter über Meer, am obersten der Grimselstauseen. Ironischerweise gehört das Haus der Firma, mit der der Grimselverein seit seiner Gründung im Clinch steht: den Kraftwerken Oberhasli (KWO). Die Landschaft da draussen ist ein einziges grosses Kraftwerk: Mauern, Seen, Verbindungsseilbahnen, trutzige Hotelbauten, unter dem Boden ein Labyrinth aus Stollen, und manchmal trifft man mitten in der Steinwüste auf Metallschildchen, auf denen «Kabelschacht» steht.

Gespalten bei der Energiefrage

Umweltgruppen aus dem ganzen Alpenraum zu vernetzen, das war ein grosses Ziel von Transalpedes – Gruppen, die sich gegen geplante Autobahnen, Stauseen oder Skipisten wehrten und eine umweltverträgliche Entwicklung fördern wollten. «Ihr seid eine Ausnahme», sagt Dominik Siegrist heute zu den Grimsel-AktivistInnen. «Euch gibt es noch.»

Fast hätte sich auch der Grimselverein aufgelöst. Noch vor gut einem Jahr sah es aus, als brauche es ihn nicht mehr: «Grimsel West», das umkämpfte Projekt einer riesigen neuen Staumauer im alten Grimselsee, war vom Tisch, und auch mit dem Widerstand gegen die Erhöhung der bestehenden Staumauer schien der Verein Erfolg zu haben. Doch dann kam Doris Leuthards Energiestrategie 2050, die Anlagen zur Erzeugung erneuerbarer Energie zum nationalen Interesse erklärt, gleichrangig mit dem Landschaftsschutz. Und im Frühling 2017, kurz vor der Energiestrategie-Abstimmung, verlor der Grimselverein vor Bundesgericht: Eine Erhöhung der Staumauer sei rechtens, beschied es, obwohl damit eine Moorlandschaft teilweise überflutet würde. Katharina von Steiger vom Grimselverein glaubt zwar nicht, dass die Erhöhung bald kommt – die Strompreise sind so tief, dass sich der Bau nicht lohnt. Trotzdem: Der Landschaftsschutz ist so umkämpft wie schon lange nicht mehr.

Und dann ist da noch die Trift, das neuste Projekt der KWO. Daran zeigt sich, wie gespalten die Umweltbewegung heute ist, wenn es um Energiefragen geht. Der Triftgletscher liegt nicht im Grimselgebiet, sondern ein Dutzend Kilometer nördlich, in einem Seitental des Gadmentals. Wie die anderen Gletscher ringsum schmilzt er erschreckend schnell. Bei der ehemaligen Gletscherzunge hat sich ein See gebildet, den TouristInnen von einer spektakulären Hängebrücke aus bestaunen können. Die KWO wollen hier eine Staumauer bauen.

Im Gegensatz zu den Grimselseen liegt der Triftgletscher weder in einem Landschaftsschutz- noch in einem Moorschutzgebiet. Trotzdem will der Grimselverein das Projekt bekämpfen. «Schon über neunzig Prozent der geeigneten Gewässer werden in der Schweiz für Wasserkraft genutzt», sagt Katharina von Steiger. Sie plädiert für Solaranlagen auf Dächern, an Fassaden – und vor allem: «Es ist irrwitzig, weiterhin so viel Energie zu verbrauchen wie heute. Darum kann es nicht unsere Aufgabe sein, die angekündigten ‹Lücken› zu füllen. Vielmehr sollten wir bremsen, wo immer neue Anlagen geplant sind.»

Doch mit der Einsprache gegen das Trift-Projekt wird der Grimselverein fast allein dastehen – wohl nur unterstützt von Aqua Viva, dem ehemaligen Rheinaubund. «Die grossen Umweltorganisationen kooperieren mit der Energiewirtschaft», sagt von Steiger. «Die Landschaft wird der Energiewende geopfert.»

Von Steiger schmunzelt, als sie sieht, dass sich vor 25 Jahren sogar Gemeindepräsident und -schreiber von Guttannen ins Transalpedes-Gästebuch eingetragen haben. «Wir schätzen es sehr, dass ihr von Whatsalp gekommen seid. Heute haben wir nicht einmal mehr Gegenwind – man ignoriert uns. Die Regionalzeitungen berichten nicht mehr über unsere Aktivitäten, wir müssen uns auf Leserbriefe beschränken.»

Garantiert keine Kritik

«Vor 25 Jahren war es anders», analysiert Harry Spiess. «Damals kämpfte die Umweltbewegung vereint gegen Kraftwerksprojekte, etwa in den Bündner Tälern Madris und Curciusa.» Kein Wunder: In die damals geplanten Werke wollte man mit billigem Atomstrom Wasser pumpen, um es zu teurem Spitzenstrom zu turbinieren. In Zukunft geht es dagegen darum, Atomstrom zu ersetzen oder Solarstrom zu speichern, und die Spaltung bei der Energiefrage geht quer durch Whatsalp: Spiess könnte sich Windanlagen auf der Grimselkrete vorstellen – «bei veränderter Marktsituation wären sie ohne grossen Aufwand wieder rückbaubar». Dominik Siegrist ist kritischer.

Am 3. Juni sind die Whatsalp-Leute in Wien gestartet, am 29. September soll die Gruppe in Nizza ankommen. Heute ist Tag 69. Schon am frühen Morgen donnert es; die Schneefallgrenze ist unter 3000 Meter gesunken. Durch dichte Wolken zieht die Gruppe über die Triebtenseelücke (2639 Meter), eine kalte Landschaft aus hellen Granitblöcken, und beginnt den langen Abstieg ins Goms. Am Abend geht es an einer Führung der «Energieregion Goms» in Münster noch einmal um Energie: um Solardächer, Holzschnitzel-Fernwärmeheizungen und die energetische Sanierung alter, zum Teil denkmalgeschützter Häuser.

Im Sommer 1992 war das Internet noch das Geheimnis einiger Computerfreaks. Die Schweiz steckte in einer Immobilienkrise, und die meisten gingen davon aus, dass sie sich bald dem Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) anschliessen würde. Europa war dezentraler, weniger auf die Städte fokussiert als heute, und die linke Umweltbewegung, die in den Jahren nach 1968 entstanden war, mobilisierte stark. Aus ihr stammten auch die Transalpedes-AktivistInnen. Die Alpen, so hofften sie, könnten «Vorreiter für einen ökologischen Umbau in Europa sein». Was ist aus den Hoffnungen geworden? Wie haben sich die Alpen verändert?

«Die Grossprojekte von damals sind entweder gebaut oder kein Thema mehr», sagt Dominik Siegrist. «Lokale Opposition ist selten geworden.» Und neue Grossprojekte sind geplant: Pumpspeicherwerke, Hochspannungsleitungen, die Alemagna-Autobahn von München nach Venedig – «dagegen wehren sich zum Glück Gemeinden und Umweltverbände» – und gigantische Zusammenschlüsse von Skigebieten. So versucht man, trotz Klimaerwärmung zu überleben, etwa zwischen Schladming und Bad Gastein in Österreich. «Die Pisten liegen unter 2000 Meter, sie haben keine Zukunft», sagt Siegrist. «Aber man denkt nur an die nächsten 25 Jahre, einen Investitionszyklus.» Künstliche Beschneiung, 1992 noch eine Ausnahme, ist heute Standard. «Und ich glaube, dass unsere These von damals falsch ist», sinniert Harry Spiess. «Wir sagten immer, der Tourismus zerstöre seine eigenen Grundlagen, wenn er die Landschaft verschandle. Aber die Leute kommen trotzdem.» Das hätten sie etwa südlich der Bernina in Italien gesehen: eine beliebte Ausflugsbeiz inmitten von Pistenanlagen. «Hauptsache, man kommt mit dem Auto hin und der Kuchen ist gut.» Trostlos auch die Erfahrung in Andermatt, wo Whatsalp eine Diskussion über den Grossinvestor Samih Sawiris organisieren wollte: «Das Tourismusbüro fragte, ob wir garantieren könnten, dass keine Kritik an Herrn Sawiris geübt werde … », erzählt Siegrist.

Die meisten lokalen Umweltgruppen, die Transalpedes 1992 besuchte, gibt es nicht mehr. Überhaupt mangelt es vielerorts an kritischen Geistern. «Heute studieren viel mehr junge Leute als vor 25 Jahren», sagt Siegrist. «Die meisten kehren nicht in ihre Täler zurück.»

«Bioniere» bezwingen Volkspartei

Trotzdem ist nicht alles schwarz in den Alpen. Überrascht und beeindruckt sind Siegrist und Spiess von den vielen engagierten Biobäuerinnen und -bauern, die sie unterwegs getroffen haben. Von der Ziegenbäuerin im Österreicher Ennstal, die die Wandergruppe spontan zum Essen einlud, und vom «Kräuterschlössl» im Südtiroler Vinschgau, einem Biohof, der mitten in einem konventionellen Obstbaugebiet liegt. «Dort müssen sie die Kräuter unter Plastikdächern anbauen, damit die keine Pestizide abbekommen. Darunter wird es 45 Grad heiss!», erzählt Harry Spiess. In der steirischen Ramsau engagieren sich die «Bioniere» auch politisch und haben es geschafft, der rechten Österreichischen Volkspartei die Mehrheit im Gemeindeparlament abzujagen. Und im Puschlav wirtschaften inzwischen praktisch alle LandwirtInnen biologisch, ein Dutzend Restaurants verarbeitet die lokalen Esswaren. Dort haben die Wandernden wie schon 1992 den Kräuterbauern Reto Raselli getroffen, inzwischen ein erfolgreicher Unternehmer. «Das Puschlav ist auch ein Beispiel, wie sich die Abwanderung eindämmen lässt», sagt Dominik Siegrist. «Das Bildungszentrum Polo Poschiavo sorgt dafür, dass die Menschen für ihre Aus- und Weiterbildung im Tal bleiben können. Dazu gehört ein leistungsfähiges Glasfaserinternet.»

Die Alpen sind global geworden. Im Bergell haben die Whatsalp-Leute einen Flüchtling aus Gambia getroffen, in Südtirol KellnerInnen aus Moldawien und Rumänien – die SüdtirolerInnen selbst gehen lieber in der Schweiz arbeiten. Mit den schmelzenden Gletschern werden die Alpen auch gefährlicher – aber anders als in vielen anderen von der Klimakatastrophe betroffenen Weltregionen gehören jene, die sich darauf einstellen müssen, hier zu den HauptverursacherInnen der Erwärmung. «Wir müssen den Leuten klarmachen, dass sie globale Verantwortung haben» – das sei ein Fazit der Jugendgruppe Whatsalp Youth gewesen, die in Südtirol ein Stück mitwanderte, erzählt Dominik Siegrist. Ein guter Ansatz, findet er. Er weist weit über die Alpen hinaus.

Website mit Blog und viel Material von 1992 und 2017: www.whatsalp.org.

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