Nr. 21/2017 vom 25.05.2017

Von der Donau bis an die Côte d’Azur

Unter dem Namen «whatsalp» macht sich Anfang Juni eine Gruppe zu einer alpenpolitischen Weitwanderung auf. 25 Jahre nach der ersten Wanderung «TransALPedes» will sie den Wandel im europäischen Alpenraum erkunden.

Von Andreas Simmen

Hartnäckiger Widerstand: Demonstration gegen die Hochgeschwindigkeitsbahnstrecke Lyon–Turin im piemontesischen Susatal im November 2013. Foto: Mauro Ujetto, Getty

Am 70. Tag der «TransALPedes»-Wanderung 1992 war Ortstermin in Grimentz, einem Ort im Val d’Anniviers, der sich vom Bauerndorf in eine Skistation verwandelt hatte: Diskussionsabend in der Turnhalle. Einer schimpft über die «écolos», die stets die Leute in den Bergen bevormunden wollten. Und der Gemeindepräsident dankt der «TransALPedes»-Gruppe – dafür, dass sie nicht 25 Jahre früher hier vorbeigekommen sei, so habe sich Grimentz ungestört zur Winterstation entwickeln können.

Das war ausnahmsweise ein unfreundlicher Empfang, aber immerhin traute man dem Projekt «TransALPedes» einen beträchtlichen Einfluss zu.

«TransALPedes» war eine «alpenpolitische Weitwanderung». Eine international zusammengesetzte «Kerngruppe» von acht Leuten durchwanderte, begleitet von wechselnden Gästegruppen, in vier Monaten den Alpenbogen von Wien bis nach Nizza. An den Etappenorten fanden Veranstaltungen statt, man machte sich kundig über umweltzerstörende Grossprojekte, vor allem in den Bereichen Transitverkehr, Stromproduktion und Tourismus, gegen die sich Menschen vor Ort zur Wehr setzten, aber auch über Projekte, die im Kleineren neue Wege gingen und eine nachhaltige Entwicklung anstrebten. Man verstand die Alpen als europäische Region, deren Identität nicht zuletzt durch ähnliche Probleme in allen Ländern definiert war – und man verstand sie als «ökologisches Frühwarnsystem», weil Eingriffe im ökologisch besonders sensiblen Alpenraum rasch sichtbare Auswirkungen haben. «Widerstand gegen die Zerstörung der Alpen als Lebensraum» lautete die Devise.

Schönheit und Zerstörung der Alpen

Und jetzt, 25 Jahre danach, gibt es am 3. Juni auf dem Stephansplatz in Wien eine Startveranstaltung, und dann wird erneut gewandert, durch die österreichischen, schweizerischen, italienischen und französischen Alpen bis ans Mittelmeer. Der neue Name des Unternehmens lautet «whatsalp», die Kerngruppe ist auf drei Leute geschrumpft. Der Geograf und Landschaftsplaner Dominik Siegrist, bereits Hauptinitiant von «TransALPedes», ist wieder dabei, ebenso der Geograf und Umweltwissenschaftler Harry Spiess. Neu dazu kommt der Wiener Landschaftsplaner Christian Baumgartner. Die Route ist weitgehend dieselbe wie vor 25 Jahren, allerdings sind damalige Wanderkilometer (2000) und Höhenmeter (120 000) etwas reduziert worden, indem einige Etappen im flacheren Gelände mit dem Velo zurückgelegt werden. Dadurch gibt es mehr Ruhetage. Die Fussreise dauert auch diesmal wieder 120 Tage.

Da die meisten Etappenorte von damals auch in diesem Sommer wieder angesteuert werden, sind Vergleiche zur Situation vor 25 Jahren möglich. Auf ihrer Fussreise will «whatsalp» «den aktuellen Zustand und den Wandel der Alpenregionen dokumentieren. Dabei geht es um die Schönheit und die Zerstörung der Alpen, um die Übernutzung und Unternutzung der alpinen Kulturlandschaften und um die Lebensbedingungen der Bevölkerung».

Dazu gibt es auch diesmal wieder zahlreiche Ortstermine mit Vorträgen und Podiumsdiskussionen, sogar ein dreitägiges «alpenpolitisches Kulturseminar» wird in Salecina/Maloja/Chiavenna stattfinden. Bekannte und weniger bekannte Persönlichkeiten aus der Forschung zu und der Praxis in den Alpen werden an den verschiedenen Etappen Erkenntnisse aus ihren jeweiligen Fachgebieten beisteuern. Und wiederum können Interessierte auf kürzeren oder längeren Abschnitten mitwandern.

Euphorie, das war einmal

Dabei machen sich die «whatsalp»-Leute auf grosse Veränderungen gefasst, angefangen bei der «TransALPedes»-Leitthese: «Die Alpen könnten Vorreiter für einen ökologischen Umbau in Europa sein.» Das könne man heute vergessen, meint Siegrist. Damals gab es eine Aufbruchstimmung in den Alpen, überall entstanden Bürgerinitiativen, die sich gegen Autobahnen und Kraftwerke, Funparks und Skiarenen zur Wehr setzten, und diese begannen, sich eben erst gegenseitig zu vernetzen, teils auch über die Landesgrenzen hinweg. «TransALPedes» selbst verstand sich als Projekt, das gerade diese Vernetzung vorantreiben sollte. Die Alpeninitiative in der Schweiz war kurz zuvor erfolgreich zustande gekommen (zwei Jahre nach «TransALPedes» wurde sie dann angenommen). Es gab also durchaus Gründe für eine gewisse Euphorie.

Bei Siegrist ist diese Euphorie inzwischen verflogen. Zum einen sind sehr viele der damaligen Initiativen verschwunden oder eingeschlafen. Zum andern habe der «urbane Hype» das Interesse an den Belangen der Alpenregionen erlahmen lassen: «Für viele Junge ist alles, was zählt, heute auf den urbanen Raum zentriert.» Die Alpen werden bestenfalls noch als grosse Sport- und Freizeitarena gesehen.

Heisst das, dass sich «whatsalp» nur an ältere Semester wendet? Nicht unbedingt, und jedenfalls nicht ganz. Dazu gibt es das Projekt «whatsalp youth» von Cipra International. «Junge Erwachsene», so die internationale Alpenschutzkommission Cipra, «verbringen während der Arbeit oder im Studium einen Grossteil ihrer Zeit drinnen. Das Projekt ‹whatsalp youth› verlegt das Arbeitszimmer in die Berge und das Lernen unter freien Himmel.» So werden sich junge Menschen aus allen Alpenländern in Österreich und Frankreich der Wandergruppe «whatsalp» anschliessen, einige Etappen gemeinsam mit ihr wandern und sich über Themen wie Umwelt, Alpenkultur und transalpine Vernetzung austauschen.

Der «Mobilitätswahn», gegen die Leute von «TransALPedes» und auch viele Bürgerinitiativen vor Ort ankämpften, hat seither nicht ab-, sondern massiv zugenommen. So wundert es nicht, dass die meisten der damaligen Transitverkehrsprojekte, ob Strasse oder Bahn, heute realisiert oder im Bau sind. Bei den Autobahnen (wie beispielsweise der Pyhrnautobahn in Oberösterreich) richtete sich der Widerstand zudem oft nur noch gegen ein Teilstück, was die Sache ohnehin fast aussichtslos machte. Einzig im piemontesischen Susatal hält sich der Widerstand gegen die Hochgeschwindigkeitsbahn Lyon–Turin immer noch hartnäckig.

Anders sieht es beim Ausbau der Wasserkraft in den Alpen aus. Vor 25 Jahren boomte die Idee der «Stromveredelung» durch sogenannte Pumpspeicherwerke, grosse Staubecken in hoch gelegenen Alpentälern, in die man mit billiger Bandenergie (meist aus Atomkraftwerken) Wasser hinaufpumpte, um so teureren Spitzenstrom zu erzeugen. «AKW-Filialen in den Alpen», nannte sie «TransALPedes»-Mitinitiant Jürg Frischknecht. Im Val Madris (Avers) gab es ein solches Projekt, im Val Curciusa (Misox) oder auch auf der Grimsel (Berner Oberland). Einige dieser Projekte haben die Stromkonzerne aufgegeben – in den letzten Jahren vor allem, weil sich die Investitionen nicht mehr lohnten.

Franz Hohlers Rap

Die Verhinderung eines Pumpspeichers im Val Madris jedoch ist dem starken Widerstand zu verdanken – Rothenthurm-Initiative sei Dank: Das Flachmoor hinten im Tal blieb im nationalen Inventar zwingend geschützter Moorlandschaften, aus dem es die Bündner Regierung mit allen Mitteln hatte herausnehmen wollen. Der Widerstand war bunt und fantasievoll, im Sommer fanden «Alpfeste des Widerstands» statt. Franz Hohler rappte: «Ihr guete Geister uf allnen Alpe / Lönd ech vo den Ingenieure nid lo vertschalpe! / Ihr guete Geister vom Val Madris / Gänd eue Bode nid eifach priis»

Einmal liess sich sogar Bundesrätin Ruth Dreifuss im schwarzen Regierungs-Mercedes ins Tal hinein chauffieren. Im Val Madris entstand auch die alpenweite Aktion «Feuer in den Alpen», die heute noch jährlich am zweiten Augustsamstag die «Flammen des Widerstands» lodern lässt (dieses Jahr am 12. August in Rosswald ob Brig). In ihrem Buch «Alpenglühn» (Rotpunktverlag, 1993) schrieben die «TransALPedisten» über ihren Abend im Val Madris: «Es ist ein intensiver und bewegender Moment, mit guten Freunden und Freundinnen unter dem Sternenhimmel zu sitzen, hundert Meter unter dem geplanten Wasserspiegel, am Ursprungsort einer Aktion, die wie ‹TransALPedes› den alpenweiten Widerstand weitertragen will.»

Am 48. Wandertag von «TransALPedes» referierte in Le Prese im Puschlav der damalige SP-Nationalrat und Biobauer Andrea Hämmerle über seine Vision «Bioland Graubünden 2000». Er prophezeite: «Im Jahr 2000 gibt es in Graubünden fast nur noch anerkannte Biobetriebe. Die ‹konventionelle Landwirtschaft› existiert nicht mehr.» Das schien damals selbst den notorisch optimistischen «TransALPedisten» etwas hochfliegend. Und dennoch: Diese Vision ging weitgehend in Erfüllung. In Graubünden, aber auch in den anderen Kantonen und in den anderen Ländern werden heute zunehmend hochwertige Biolandprodukte hergestellt.

Wo sind die Querköpfe von heute?

Viel getan hat sich in den vergangenen 25 Jahren im Ausbau der alpinen Parklandschaft. Über den ganzen Alpenbogen sind zahlreiche neue National- und Naturparks entstanden. Vor allem in Österreich, wo «whatsalp» auch durch die beiden Nationalparks Kalkalpen und Gesäuse wandert, die ein paar Jahre nach «TransALPedes» eingerichtet wurden. In der Schweiz liegen insgesamt fünf Parks am Weg, der Nationalpark sowie vier Naturparks, die es 1992 allesamt noch nicht gab. Auch in den italienischen und französischen Alpen sind neue Parks entstanden oder ältere erweitert worden, wie etwa der Argentera-Park, der nun Parco naturale delle Alpi Marittime heisst. Dieses Gebiet, das 2016 nochmals erweitert wurde, grenzt direkt an den Mercantour-Nationalpark auf der französischen Seite, und beide zusammen bilden eines der grossen Schutzgebiete im Alpenbogen.

Es bewegt sich also doch einiges in den Alpen. Das «TransALPedes»-Buch endet mit einem Interview mit Werner Bätzing. Keinen anderen Namen, schreiben die Autoren, hätten sie so oft gehört zwischen Wien und Nizza wie den dieses Alpenforschers. Das wird bei «whatsalp» kaum anders sein. Bätzing wird die Wandergruppe am 19. September in der Umgebung von Sambuco durch die okzitanische Kulturlandschaft führen. 2016 veröffentlichte er im Rotpunktverlag seine «Streitschrift zur Zukunft der Alpen» und widmete diese «allen Menschen in den Alpen, die auf oft querköpfige Weise sich den scheinbar vernünftigen Sachzwängen unserer Gegenwart verweigern, die ihre eigenen, konkreten Erfahrungen über die allgemeine Vernunft stellen und die damit Widerstand gegen den Zeitgeist leisten».

Was Dominik Siegrist, Harry Spiess, Christian Baumgartner und ihre zeitweiligen BegleiterInnen dieses Jahr wohl über querköpfige und originelle Entwicklungsideen zu berichten haben, nachdem sie am 3. Oktober in Nizza angekommen sind?

Hauptpartner des Projekts «whatsalp» sind der Verein Alpen-Initiative und die Alpenschutzkommission Ciara; es wird von zahlreichen anderen Organisationen mitgetragen.

Interessierte, die auf einem kürzeren oder längeren Abschnitt mitwandern und dabei auch Begleitveranstaltungen besuchen wollen, können sich anmelden unter www.whatsalp.org/de/mitwandern.

Weitere Informationen zum diesjährigen «Feuer in den Alpen» finden sich auch unter www.feuerindenalpen.com.

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