Nr. 33/2017 vom 17.08.2017

Präsident Punkt

Ruedi Widmer führt uns übers Engadin in flache Welten

Von Ruedi Widmer

Es gibt diese Worte, die man im Lesefluss falsch betont. Der neue Trend «Brathering» zum Beispiel. Jetzt muss man Brathering machen, das ist gesund. Die Norddeutschen wissen das schon lange. Ich selber strauchelte kürzlich über den mir eigentlich bekannten Verschwörungstheoriebegriff «Chemtrail», den ich, in Anbetracht bevorstehender Engadinferien, beim Lesen rätoromanisch statt englisch betonte: Chemtrail GR, ein schmuckes Dorf mit sgraffitogeschmückten Häusern, zwischen La Punt Chamues-ch, S-chanf und Cinuos-chel-Brail gelegen.

Die Chemtrails, angeblich von US-Flugzeugen in der Stratosphäre ausgestossene chemiegetränkte Kondensstreifen, stossen nicht nur bei rechtsesoterischen Geistern, sondern, seit die USA wieder böser geworden sind, auch bei manchen Linken auf Echo.

Mich fasziniert diese Idee schon lange, besonders deshalb, weil kaum einer der Theorie nachhängenden Menschen mal einen Flughafen besucht, um zu beobachten, was um ein amerikanisches Flugzeug herum genau passiert, während es betankt wird. Oder PilotInnen der American Airlines oder Delta Airlines zur Rede stellt. Viel lieber steigt man doch gleich selber ins Flugzeug ein und fliegt mit. Auf 10 000 Metern sind Chemtrails nämlich für niemanden mehr ein Thema. Und in den USA gibt es tolle Brathering-Workshops, bei denen der eigene Astralkörper entschlackt und nochmals neu geboren wird.

In 10 000 Metern Höhe kann man die Rundung der Erde erkennen. Deshalb ist es verwunderlich, dass mancher Chemtrail-Geleitete auch die Scheibenerde-Theorie in sein Gedankengebäude hineinwuchtet. Die «Flat Earther» glauben, die Erde sei eine Scheibe und keine Kugel. Online wächst diese Bewegung enorm schnell. Ihre Beweise sind stichhaltig: Die Sonne könne nicht Millionen von Kilometern von der Erde entfernt sein, denn dann wäre es unmöglich, dass Wolken hinter der Sonne durchfahren. (Ich selber habe noch nie Wolken hinter der Sonne durchfahren sehen, aber mich blendet es auch, wenn ich in die Sonne schaue.) Die Sonne der Flachwelt ist in der Höhe von 5000 Kilometern montiert und beleuchtet als beweglicher Spot den Tagesablauf der ScheibenweltlerInnen. Rund um die Scheibe ist eine Eiswand, die Antarktis, was mich an den Witz erinnert, in dem sich ein Betrunkener um eine Litfasssäule tastet und ruft: «Hilfe, ich bin eingemauert.»

Die Scheibentheorie benötigt eine ganze Armada von Lügnern und Betrügerinnen, die in der Astronautik arbeiten, oder eben die ohnehin verdächtigen PilotInnen. Wenigstens gibt es bei den ScheibenerdlerInnen keine Globalisierung.

Ich selber hänge meiner eigenen Theorie an, nach der der Ball bei Fussballspielen eine Scheibe ist, die mir – und wirklich nur mir – eine Kugel vorgaukelt. Die Ballscheibe dreht sich nämlich immer genau in meine Richtung. Der Beweis: Schon die Menschen, die im Stadion links und rechts von mir stehen, sehen leicht den Seitenrand der Scheibe. Sie sagen es mir natürlich nicht, so wie sie mir auch sonst alles verschweigen.

Das Traurige an den «Flat Earthers» ist die fantasielose Ernsthaftigkeit, mit der sie dieser eigentlich reizvollen Idee begegnen. Denn eine flache Welt kann uns den Blickwinkel öffnen. Im Roman «Flächenland» von Edwin A. Abbott von 1884 erfährt man anhand einer zweidimensionalen Welt, wie ihren ebenfalls zweidimensionalen BewohnerInnen die dritte Dimension geisterhaft begegnet. So können wir ein wenig nachvollziehen, wie sich uns eine vierte Dimension zeigen könnte. Der Roman ist darüber hinaus eine Satire über die viktorianische Gesellschaft. Im zweiten Teil gibt es ein «nulldimensionales Punktland», das einzig aus einem Punkt besteht, der nur sich selbst kennt und sich in Selbstgesprächen in den höchsten Tönen lobt. Dieser Punkt ist heute wieder brandaktuell.

Ruedi Widmer ist zweidimensionaler Cartoonist in Winterthur.

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