Nr. 34/2017 vom 24.08.2017

Wie man Tote weckt

Der Schweizer Film lebt auch im Netz, wo die Musikvideos wuchern. Wahnsinnig schön: die neuen Wunderwerke von Big Zis und None Of Them.

Von Florian KellerMail an AutorIn

Still aus dem Musikvideo «Hyphe Myzel Hype» von Big Zis

Die Schwelle zum Surrealen liegt dort, wo die Sprache implodiert, weil sämtliche Wörter, die wir kennen, ihren Dienst versagen. Zum Beispiel folgende Szene: Ein kleiner Bub verstaut fein säuberlich einen Tintenfisch im offenen Bauch seiner Mutter und heftet die Wunde dann mit dem Bostitch zu. Wie zum Teufel sollen wir das nennen, was wir da sehen? Ist das die Umkehrung einer Geburt per Kaiserschnitt, mit einem Weichtier anstelle eines menschlichen Fötus?

Mit dieser schaurig-fürsorglichen Szene endet «Hyenas on the Beach», das neue Musikvideo zum gleichnamigen Song des Zürcher Elektroduos None Of Them. Es ist ein wahnwitzig verwickelter kleiner Kosmos, der sich hier in etwas über vier Minuten auffaltet. Da wird erst mal ein hochgradig bizarres Leitsystem zur rituellen Erweckung einer Toten eingerichtet: Über einen Schlauch zapft der Bub eine milchweisse Flüssigkeit aus dem Ohr seiner aufgebahrten Mutter ab, die dann in einer darunterliegenden Parallelwelt wie durch ein Wunder aufersteht, trotz Kartonmesser im blutigen Bauch. Und als Verbindung zwischen den beiden Wirklichkeiten dient ein gewöhnliches Kanalrohr.

Knoten im Hirn

Das alles ist mindestens so abgefahren, wie es klingt – ist aber auch nicht weiter erstaunlich, denn der Regisseur des Clips heisst Tobias Nölle. Der hat uns in seinem ersten Spielfilm «Aloys» auch schon Knoten ins Hirn gedreht mit seinem Flair für surreale Parallelwelten und einer obskuren alternativen Kommunikationstechnik, die er «Telefonwandern» nannte. Nölles Video für None Of Them ist so augenscheinlich aus demselben Geist wie «Aloys» gewoben, dass man es fast schon als Spin-off mit neuem Personal bezeichnen könnte.

Der Clip ist aber auch ein besonders schönes neues Beispiel für eine Verschiebung in der medialen Kanalisierung von Pop, wie sie eben auch in der Schweiz zu beobachten ist: Das herkömmliche Musikfernsehen hat zwar längst abgedankt, aber die immer wieder totgesagte Gattung Musikvideo blüht umso freier auf, seit sie ins Internet abgewandert ist – wenn auch ohne das bisschen Geld von der Musikindustrie. Und manchmal zeigt sie sich dabei sogar befreit von dem einstigen Zweck, dass ein Video immer auch ein zugehöriges Produkt wie eine Single oder ein Album bewerben sollte.

Kobold auf den Dächern

So zu sehen bei der Zürcherin Big Zis, die im Frühling ein neunminütiges kleines Videokunstwerk namens «Hyphe Myzel Hype» ins Netz stellte. Zu Beginn liegt sie da wie unter einer Lichterkarte von Zürich bei Nacht – die Stadt als Pilzgeflecht aus leuchtenden Knoten –, und als Big Zis sich erhebt, legen sich diese Lichter um ihren Körper wie ein Kleid. Was folgt, ist ein flackernder Trip durch die nächtliche Stadt, und wir sehen die Rapperin wie einen irren urbanen Kobold mit Mönchstonsur auf den Dächern und durch verwaiste Strassen tanzen.

Der Clip ist ein Glücksfall in Entstehung und Ergebnis. Big Zis hatte eine Carte blanche, und zu verdanken hatte sie diese einer Bank: Der Clip steht ganz für sich, dabei ist er gewissermassen als filmischer Bonustrack für «Zürich bei Nacht» entstanden, den jüngsten Band einer Buchreihe der Zürcher Kantonalbank. Zu ihrem Album «Und jetz …» (2009) hatte die Rapperin einst noch mit einem Minimalbudget von 8000 Franken ein ganzes Dutzend Musikvideos realisiert; jetzt gabs von der Bank ein anständiges Budget von 12 000 Franken für den einen Clip – auch wenn am Ende, so Big Zis, dann trotzdem niemand etwas daran verdient habe.

Es ist die alte Rechnung: grosse künstlerische Freiheit, erkauft mit maximaler Selbstausbeutung. Ausser beim Migros-Kulturprozent gibts ja kaum Fördergeld für Musikvideos, weil diese eben immer noch als Werbeformat gelten, nicht als tragendes Element im Gesamtkunstwerk namens Pop. Und so sieht der Normalfall bei Schweizer Musikvideos eher aus wie bei dem Clip, den Tobias Nölle für None Of Them gedreht hat. Budget für dieses kleine Wunderwerk: 3000 Franken Fördergeld von der Migros und viel, viel Gratisarbeit. Musikvideos macht Nölle deshalb «eigentlich nur für Freunde», wie er sagt, «weil man dabei immer alle um einen Gefallen bitten muss. Und ab einem gewissen Alter macht man das nicht mehr so gern.»

Die beiden Musikvideos «Hyphe Myzel Hype» von Big Zis und «Hyenas on the Beach» von None Of Them gibts auf Youtube.

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