Nr. 34/2017 vom 24.08.2017

Wieso kandidiert ein Rapper für die PdA?

Wie eine bessere Gesellschaft aussehen soll, ist für Tommy Vercetti das kleinste Problem. Die Linke sei sich nur über den Weg dahin nicht einig. Die Gemässigten wollten nicht wahrhaben, dass es dazu Enteignungen brauche.

Von David HunzikerMail an AutorIn (Interview) und Ursula Häne (Foto)

Tommy Vercetti: «Ich merke, dass ich junge Leute politisch inspirieren kann. Die Popkultur ist diesbezüglich wichtiger geworden.»

WOZ: Tommy Vercetti, sind Sie Kommunist?
Tommy Vercetti: Ich würde mich als solchen bezeichnen, aber tatsächlich erst seit kurzem.

Was ist geschehen?
Mit meinem ehemaligen Dozenten Beat Schneider – er war Professor für Kunstgeschichte und Mitbegründer der Poch – habe ich eine politisch-philosophische Diskussionsrunde ins Leben gerufen. Unter anderem hatten wir da sehr gute Diskussionen über den Kommunismus als Idee. Zwar hat das wenig an meiner politischen Einstellung geändert, doch hielt ich den Begriff zuvor für nicht mehr verwendbar.

Wie kam es zu dieser Diskussionsrunde?
Diejenige mit Beat ist eigentlich eine Neuauflage. Vor fast zehn Jahren schrieb mir ein Siebzehnjähriger eine Nachricht. Ihm gefielen meine philosophischen Texte, ob ich nicht mit ihm einen Diskussionsklub gründen wolle. Ich war sofort dabei. Also trafen wir uns, sieben bis acht junge Leute, etwa einmal im Monat und diskutierten über Gott und die Welt. Von dort kenne ich übrigens auch die Rapper Lo & Leduc, nicht etwa durchs Musikmachen.

Wo kommt der Kommunismus ins Spiel?
Wir waren immer schon politisch links. Doch als wir den Klub neu beleben wollten, haben wir uns an einer konkreten Frage orientiert: Was kann die Linke heute tun? Gelesen haben wir auch die Bände «Die Idee des Kommunismus», an denen unter anderen der Philosoph Slavoj Zizek beteiligt war. Daraus entstanden unsere eigenen achtzehn Thesen zur Idee des Kommunismus. Der Gedanke dabei: eine Bestandesaufnahme von Grundsätzen, auf die sich eine heutige Linke links der Sozialdemokratie einigen könnte.

Letztes Jahr gab es dazu eine öffentliche Veranstaltung im Berner Breitsch-Träff.
Das war unglaublich! In dem kleinen Raum befanden sich etwa 120 Leute. Weil wir viel zu besprechen hatten, haben wir einen Monat später gleich noch einen Abend angehängt.

Gab Ihnen das Grund zur Hoffnung?
Es hat mich schon euphorisch gestimmt. Vor allem, dass der Kreis viel grösser war und nicht nur aus den üblichen Verdächtigen bestand. Vielleicht hatte das auch damit zu tun, dass mich viele Junge als Musiker kennen. Thema des nächsten Abends wird die Zukunft sein.

Der Philosoph Ernst Bloch hat vom Kältestrom, der wissenschaftlichen Analyse, und vom Wärmestrom, der Hoffnung, gesprochen …
Genau, es geht um mögliche Utopien. Witzig, dass Sie Bloch erwähnen, Beat Schneider hatte bei ihm studiert.

Ist die Utopie die schwerere Disziplin als die Analyse?
Dem muss ich widersprechen. Ich bin der Meinung, dass die Frage nach einer besseren Alternative tatsächlich das kleinste Problem ist. Bei Bloch, aber auch beim Ethnologen David Graeber findet sich folgender Gedanke: Ein egalitäres oder zumindest auf Kooperation basiertes Zusammenleben ist die Normalität. In der Familie, im Freundeskreis, in Vereinen und auch in kleinen Firmen sind wir so organisiert.

Wenn alle dasselbe Ziel haben, bilden wir uns die Spaltung in der radikalen Linken nur ein?
Wenn es darum geht, wie die Gesellschaft einmal aussehen soll, bin ich wohl eher Anarchist als Kommunist. Ich glaube aber sowieso, diese Positionen unterscheiden sich vielmehr durch den Weg als das Ziel.

Trotz Anarchie: Sie haben letztes Jahr in Bern für die PDA kandidiert …
Das war ein Akt der Solidarität. Ich merke, dass ich junge Leute politisch inspirieren kann. Die Popkultur ist diesbezüglich wichtiger geworden. Ich selber habe mich unter anderem mit dem US-Rap-Duo Dead Prez politisiert. Lustig an der Geschichte war: Weil ich Zweiter wurde und der Erste zurücktrat, hätte ich in den Stadtrat einziehen können. Doch das interessierte mich nicht.

Ist Ihnen die Zugehörigkeit zu einer Gruppe nicht wichtig?
Es gibt in der Schweiz viele gute Ansätze: Die Juso hat das Herz am richtigen Fleck, auch das Denknetz finde ich interessant. Doch wenn man deren Texte liest, stellt man fest: Die machen sich teilweise grosse Illusionen.

Bezogen worauf?
Bezogen auf die Machtfrage. Auch das Denknetz hat achtzehn Thesen veröffentlicht, wohlgemerkt nach uns, jedoch zur Demokratie. Als ich diese las, hatte ich ein ambivalentes Gefühl dabei; ich war zwar mit allem einverstanden, aber etwas stimmte nicht.

Wo wird es illusorisch?
Es werden darin die Begriffe «Demokratisierung der Wirtschaft» und «Überwindung des Kapitalismus» verwendet, ohne explizit zu machen, dass diese letzten Endes dasselbe bedeuten. Es wird dort ständig das eine mit dem anderen erklärt. In einer Firma eine Partizipation aller zu erreichen, bedeutet, die Besitzer zu enteignen. Die brutale Reaktion, die diese Bedrohung der Herrschenden hervorrufen muss, wird unterschlagen. Es ist vor allem diese Frage, entlang derer sich die Linke spaltet.

Im Onlinemagazin «Journal B» hat Tommy Vercetti (37) das Papier «Die Idee des Kommunismus heute – 18 Thesen» zusammengefasst. Er mag das Lokalkolorit in Bümpliz.

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