Nr. 02/2021 vom 14.01.2021

«Ich plädiere für gröbsten Opportunismus: Ich fühle es, also tanze ich dazu!»

In den berechtigten Diskussionen über rassistische Bücher und sexistische Musik gerät die Linke allzu leicht in ein kunstfeindliches Fahrwasser. Wenn linke Zukunftsvisionen entworfen werden, fehlt die Kultur oft ganz. Hat die Linke ein Kunstproblem?

Von Tommy Vercetti

«Das Werk allein gibt Auskunft, was davon zu halten ist – die Person dahinter toll zu finden, ist ein adoleszentes Bedürfnis»: Michael Jackson 1997 anlässlich seiner «HIStory»-Tour in New York. Foto: Dave Hogan, Getty

Statt mit Begriffsklärung und Beweisführung zu langweilen, möchte ich ein paar Thesen formulieren und ertrage dann gerne den Unmut darüber. Die Frage lautet: Was will die Linke von der Kunst? Ich hoffe doch, dasselbe wie alle anderen: Genuss, Unterhaltung, Zuflucht, Horizontöffnung, vielleicht Utopie. Stellen wir uns vor: Ein Film, göttlich unterhaltsam, als Lebensanleitung jedoch fragwürdig, Reichtum und Luxus besingend. Und ein Film, etwas zähflüssig, aber wichtig, in Fülle Beispiel und Orientierung bietend. Ich empfehle Ersteren.

Wenn Kunst auch Wahrheitssuche beinhaltet, dann definieren sich Linke mit Recht dadurch, einen Teil dieser Wahrheit bereits gefunden zu haben. Dennoch kann man nicht wollen, dass Kunst Politik sei – oder der Politik zudiene. Darin scheint ein Mittel-zum-Zweck-Gedanke durch, der Kunst verfehlt und den Linke dem «Kommerz» ja gerade vorwerfen. Die Diskussion eines Werks setzt ein Bewusstsein für die Differenz zwischen Kunst und politischem Denken, Sprechen und Handeln voraus. Das Abhandenkommen eines Kunstbegriffs, der sich von Politik abgrenzt, ist politisch problematisch.

Zu einem solchen gehören zwingend ästhetische und kunsteigene Kategorien: Wie ist es gemacht? Wodurch berührt oder fasziniert es mich? Welche ästhetischen Mittel sind dafür entscheidend? Die Frage der politischen Gesinnung droht diese jedoch abzuwerten oder schlicht zu ignorieren. Derart des Kunstzugangs (und -genusses) beraubt, wäre man schliesslich unfähig, die heutige Herrschaftsform zu begreifen: den ästhetischen Kapitalismus. Ästhetik ist hochpolitisch, aber als Ästhetik, nicht als zu vernachlässigende Verpackung einer politischen Aussage.

Das heisst keineswegs, dass Kunst nicht dezidiert links oder engagiert sein kann – aber sie muss dies selbst wollen, auf ihre Weise tun und schlicht: als Kunst gut sein. Auch eine politische Perspektive müsste von ästhetischen Kriterien ausgehen, quasi «kunstinhärent» links sein. Wenn wir «links» etwas salopp definieren als «das gute Leben für alle befördernd», dann ist ein Werk vielleicht fruchtbarer, das zur Auseinandersetzung zwingt oder uns einfach ein grossartiges Gefühl gibt, als eines, das unsere Meinung bekräftigt (wer mit meiner Musik vertraut ist, merkt: Ich übe hier auch Selbstkritik).

Mit weisser Weste und Rückgrat

Stellen wir uns vor: Ein historisches Bauwerk, atemberaubend, reich an vollendeter Skulptur und Malerei, errichtet jedoch mittels wie zwecks Herrschaft und Unterdrückung. Und ein Bauwerk, durchaus adrett und sehenswürdig, aber rein und fern von Macht und Missbrauch. Ich empfehle Ersteres. Letzteres grenzte an unbefleckte Empfängnis. In frommem Glauben daran verkündeten (teils intelligente) Leute, die Pariser Kathedrale Notre-Dame sei doch «nur eine Kirche», und was sei ihr Brand schon, verglichen mit dem eines Regenwalds oder Flüchtlingslagers. Solchen Unfug auch bei Linken zu lesen, war doch starker Tobak.

Tommy Vercetti

Zuerst und grundsätzlich: Diese Dinge lassen sich nicht vergleichen. Es dennoch zu tun, ist nicht Symptom von Scharfsinn, sondern Teil des Problems. Weiter zu denken (oder implizit vorauszusetzen), es gäbe unbefleckte Kunst, zeugt von einer unzulässigen historischen Blindheit. Der Missbrauch ist aber meist ein Gebrauch der Kunst: Wer setzt diese wofür ein? Notre-Dame wurde im Auftrag der Herrschenden gebaut, tatsächlich aber von hingebungsvollen Kunstschaffenden, deren Werk sich auch befreit und zum Genuss aller denken lässt (oder touristisch-teilbefreit wie heute). Diese Präzisierung schärft auch den Blick für die aktuelle Instrumentalisierung scheinbar unverdächtiger Kunst.

Die instrumentalisierte Kunst jedoch als «kontaminiert», durch ihre Verwertung als entwertet zu verwerfen, ist nur unser Verlust. Ein allfälliger Unwert lässt sich nur aus der Kunst selbst begründen, also ästhetisch. Andernfalls fänden wir uns unweit der maoistischen Kulturrevolution, die (ungeachtet ihrer Gewalttat) sämtliche Kultur negierte, die feudal oder bourgeois «befleckt» war – also sämtliche. Auch da stimmte der Vorwurf, doch die Kunst erschöpft sich eben nicht darin: Sie ist für die Menschen mehr. Erst im Zauber dieses Mehrs ist die historische Einordnung eine sinnvolle Aufgabe. Bestünde ihr Ziel darin, die Kunst zu erledigen, wer würde dem ein Lebenswerk widmen?

Stellen wir uns vor: Ein Musikalbum, idiotisch tanzbar, perfektionistisch, die Seele betörend, der Künstler jedoch vergreift sich (mutmasslich) an Kindern. Und ein Musikalbum, wohlig im Ohr und ideal für den Hotellift, der Künstler ein Schwiegersohntraum für Achtundsechziger, mit weisser Weste und Rückgrat. Ich empfehle Ersteres. Ich will ja schliesslich Musik hören.

Bin ich nicht selber rassistisch?

In moralisch-politischen Verdikten über Kunst raunt vielfach Verachtung für die unteren Klassen mit – von herrschaftsbewusst direkt zu herrschaftsblind. Man ist sich zwar der Umstände bewusst, unter denen ein Werk entsteht, und ist vielleicht gar für diese mitverantwortlich oder zumindest privilegiert darin, ekelt sich aber geradezu vor den Widersprüchen, die diese zeitigen. Aus dem Bewusstsein für historische Missstände fordert man ahistorische Praxis – sogar wenn der Widerspruch im Werk gar nicht aufscheint.

Die Fähigkeiten Michael Jacksons gründen in der eigenen Kinderarbeit und Misshandlung durch den Vater, in Rassismus und Armut, im Leistungsterror der Kulturindustrie – in allem, was an Erklärung (nicht Entschuldigung) für sein gestörtes Beziehungsverhalten und seinen tragischen Tod naheliegt. Sein Album «Thriller» ist vielleicht ohne den Kindsmissbrauch gar nicht zu haben – daran bemisst sich die Tragik der Widersprüche, vor denen man mit einem Boykott höchstens flüchtet. Die Qualität von «Thriller» gründet im Songwriting Jacksons, in seiner ingeniösen Performance, in der musikalischen Produktion von Quincy Jones – in nichts, was durch seine Pädophilie verändert würde. Ganz unabhängig davon, wie wir Jacksons Verhalten erklären, ist der Verlust seiner Musik auch hier nur unser eigener. Das Werk allein gibt Auskunft, was davon zu halten ist – die Person dahinter toll zu finden, ist ein adoleszentes Bedürfnis.

Stellen wir uns vor: Ein Gemälde von mirakulösem Pinsel, ästhetische Horizonte und psychologische Tiefen eröffnend, allerdings sexistisch interpretierbar. Und ein Gemälde, schön anzusehen und zweifellos dem Kampf sozialer Missstände verpflichtet. Ich empfehle Ersteres – auch wenn das Problematische hier im Werk selbst anklingt.

In dieser Hinsicht sind selten noch Zweifel spürbar: ob man das Werk vielleicht missversteht oder unterschätzt, ob es vielleicht mehrschichtiger ist als zugetraut. Man glaubt tatsächlich, man sei zu hundert Prozent im Recht – für Linke wie für Kunstgeniessende eine Untugend. Die nach wie vor gültige Maxime der Kunstfreiheit wird arglos als faule Ausrede negiert, obwohl sie ja gerade bei heiklen Fragen greifen soll und gerade wenn das Werk der eigenen Meinung zuwiderläuft. Linke tun sich schwer mit dem Gedanken, dass Kunst auch gegen sie verteidigt werden muss (obwohl es an historischen Beispielen nicht mangelt).

Die Freiheit der Kunst soll ihr nicht «alles erlauben», sondern vor Ignoranz schützen, zur Vorsicht raten angesichts ihrer Vielschichtigkeit, ihrer eigen-artigen und stets changierenden Erkenntnisweisen. Pablo Picassos grenzwertige Minotaurfantasien lohnen die Auseinandersetzung mehr als Käthe Kollwitz’ einfühlsame Anklagen. Die Kunst lehrt gerade, dem Plakativen zu misstrauen – diese Schule prahlerisch zu schwänzen, muss pubertär-peinlich anmuten.

Aber stellen wir uns schliesslich vor: Ein Roman, grandios geschrieben, der aber offen rassistisch argumentiert. Und ein Roman, solide geschrieben, der aber energisch die Sache des Antirassismus vertritt. Ich empfehle dennoch Ersteren.

Weshalb? Weil Kunst nicht dazu da ist, mich in meiner Haltung zu bestätigen. Im Gegenteil: Gerade wenn ich Wahrheit oder Horizontöffnung suche, ist doch das vielversprechendste ein Werk, das blitzgescheit, betörend, schlüssig ist, mich aber befremdet oder sogar abstösst – eben «herausfordert», um eine Feuilletonfloskel zu bemühen. Der emotionale Einbezug von Joseph Conrads «Herz der Finsternis» zwingt ja unvergleichlich zur Selbstbefragung. Parallel zur Erfahrung des Schwarzseins muss Kunst radikal die Frage ermöglichen, ob man nicht selbst rassistisch sei: Toni Morrison und Joseph Conrad ergänzen sich.

Gerade das oberflächlich selbstverständliche Verurteilen von Rassismus hat sein liberales Überwintern ermöglicht, aus dem er nun krisengesättigt zurückstampft. Nur eine tatsächliche argumentative und emotionale Auseinandersetzung führt zur vertieften Überzeugung, dass alle Menschen gleich sind. Kunst war den Linken stets subversive Souffleurin, vielfach konträr zur Haltung der KünstlerIn (man denke an Marquis de Sade). Elias Canetti arbeitete sich an einer «Feindbibliothek» ab, hat «besonders nach denen gesucht, die meinen Widerspruch wach erhielten».

Aufruf zur Ermächtigung

Das Abraten von einem Werk aus moralischen Gründen ist per se bevormundend und daher problematisch. Diesem Urteil muss eine Auseinandersetzung vorausgegangen sein, die man dem Gegenüber nicht zutraut, für die man selbst stark (oder differenziert) genug, das Gegenüber aber zu schwach ist – ganz wie die katholische Kirche oder noch üblere Instanzen, die die Massen als die oberflächenfressenden Dummbeutel voraussetzten, zu denen sie sie erst erzogen.

Was haben Linke sich nicht selbst beraubt mit Schönheitsmisstrauen und Selbstkasteiung, jahrelang hässliche Musik mit guter Message, hässliche Kleidung mit gutem Abdruck ertragen, während der Kapitalismus seine Verführung perfektionierte und die Bürgerlichen sich der geschenkten Angriffsfläche erfreuten (Aha, antikapitalistisch und Versace tragen?). Man schadet nur sich selbst, wenn man J. K. Rowling nicht liest, Kevin Spacey nicht schaut, R. Kelly nicht hört. Die Frage ist nicht: Was wollte die KünstlerIn damit? Sondern: Welches Potenzial steckt im Werk? Was tun wir damit? Ich plädiere für gröbsten Opportunismus: Ich fühle es, also tanze ich dazu! Als Roland Barthes den «Tod des Autors» verkündete, war das zuerst ein Aufruf zu Aneignung und Ermächtigung.

Aufgabe linker Kritik wäre es daher nicht, Teamzugehörigkeiten aufzudecken, sondern diese Aneignung zu nähren, das ästhetische Instrument zu reichen für den Kunstumgang, profunde Interpretationsarbeit zu leisten. Jedes grosse Werk ist auch für uns da, egal ob der Künstler ein Arschloch ist – wir nehmen es ihm ja gerade weg, eignen uns seine Kunst zu unserem Genuss und unserer Erkenntnis an!

Niemals kann dabei als links gelten, die barbarische Verachtung für die unteren Klassen mit Feminismus zu nobilitieren, ebenso wenig Kunstfeindlichkeit mit Antirassismus. Wer zu faul ist, sich mit Rap oder Otto oder Jim Knopf auseinanderzusetzen, soll sich auch den Aufwand eines Urteils sparen. Kunst ist oft das letzte Korrektiv zur herrschaftsanfälligen Politik, weshalb es schlicht der gute linke Anstand gebieten würde, sich von ihr hinterfragen zu lassen statt umgekehrt.

Die Antwort ist nicht Askese

Zum Kampf für ein gutes Leben gehört zudem eine Ahnung, was denn das überhaupt sei – Urteilskraft dazu, Gefühl dafür, Praxis darin. Diese sind zwingend ästhetisch. Das ist die Wahrheit in: Die sind zwar arm, aber tanzen jeden Tag. Das Falsche am kapitalistischen Genusswahn ist nicht der Genuss, sondern der kapitalistische Wahn. Die Antwort darauf ist nicht aufopfernde Askese: Zu oft hat diese zu kalten, pragmatischen und rechnenden Funktionären geführt, deren Abstraktionswahn zuerst die Kunst und gleich darauf das gute Leben zum Opfer fielen – egal in welchem ökonomischen System. Konträr zum linken Genussmisstrauen würde ich formulieren: Wer nicht geniesst, dem ist nicht zu trauen.

Die Frage heisst also nicht, was die Linke von der Kunst will, sondern: Was will die Kunst von der Linken? Die Politik ist das Mittel, die Linke daher die Zudienerin, von der die Kunst einen «Impact» erwarten darf. Im Tun und Geniessen offenbart sich die Kunst als Selbstzweck – mit anderen Worten: Von ihr ist grundsätzlich nichts anderes zu wollen als sie selbst. Ihre Befreiung ist unsere Befreiung – und wie wir alle bedarf sie zuerst der Befreiung von kapitalistischer Ausbeutung. So einfach.

Ein Szenario blieb bisher ausgeklammert. Stellen wir uns vor: Ein grossartiges Werk, aber politisch fragwürdig. Und ein grossartiges Werk, dezidiert links. Ich empfehle Letzteres.

In der nächsten WOZ reagiert die Schriftstellerin Simone Meier auf Tommy Vercettis Thesen.

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