Nr. 34/2017 vom 24.08.2017

Tödlich charismatisch

Von Daniela JanserMail an AutorIn

Wenn die modernen Menschen plötzlich ohne göttliches Dach und Jenseits dastehen, werden ihnen Sex und Tod zu den umkämpften letzten Grenzen des Daseins. An diesen Abgründen von Werden und Verderben siedelt auch «Die Lady Macbeth von Mzensk» des russischen Schriftstellers Nikolai Leskow. In William Oldroyds neuer filmischer Adaption der Novelle von 1865 tigert die Hauptfigur Katherine (Florence Pugh) wie eine Gefangene durch die spartanischen Kulissen eines herrschaftlichen Hauses: immer wieder eingerahmt von der Kamera wie ein Gemälde der Ungeduld.

Sie sehnt sich nach frischer Luft, der schlaffe Gatte und ihr autoritärer Schwiegervater wollen, dass sie drinnen bleibt. Doch kaum sind die Herren selbst ausser Haus, bricht sich Katherines innere Unruhe Bahn, und sie landet mit dem heissen Stallburschen im kalten Ehebett. Ab diesem Moment der Initialzündung ist diese willensstarke Katherine, die in ihrem Lustrausch auch vor Bluttaten nicht zurückschreckt, kaum noch zu halten. Die im Titel herbeizitierte mächtige Schirmherrin Lady Macbeth verblasst im Vergleich. In Shakespeares Drama war sie ja die ehrgeizige Einflüsterin eines folgenreichen Mords – und ging dann an ihren Schuldgefühlen zugrunde. Katherines Sturm der Emanzipation kennt dagegen keine Schuld, keine Trauer und keinen Blick zurück – zu verlieren hat sie nichts. Den Pfarrer lässt sie abblitzen.

Oldroyd verlässt sich in seiner schlichten, aber schlüssigen Verfilmung ganz auf die herausragenden SchauspielerInnen: allen voran die blutjunge Florence Pugh, die jede Szene und Gefühlsregung scheinbar spielend und absolut instinktsicher trägt – mal als wilde Killerin, mal als gelangweilte Madame Bovary. Lustmord und Freiheitskampf wüten in «Lady Macbeth» als Kammerspiel zwischen Korsettfischbein und dicken Mauern. Wuchtig kontrastiert wird diese Innenschau mit spärlichen Aussenaufnahmen. Da sieht man dann schwere Nebelbänke auf das schottische Hochland drücken und Katherine über einen graublauen See in eine unbekannte Zukunft blicken.

Bereits im Kino.

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