Nr. 35/2017 vom 31.08.2017

Die Welt ist kein Camp

Von Daniela JanserMail an AutorIn

Ödön von Horváths Roman «Jugend ohne Gott» (1937) ist als Schlüsseltext zur Jugend im Nationalsozialismus zu lesen. Es geht darin um Mitläufertum und Gleichgültigkeit und um den Zusammensturz von alten Ordnungen unter dem Ansturm einer neuen. Die aktuelle Verfilmung von Alain Gsponer («Heidi») beginnt dagegen wie eine Mobilfunkwerbung: Normiert schöne, junge, athletische Menschen lächeln in die Welt und spiegeln sich in den glänzenden Hochhausfassaden einer anonymen Grossstadt. Die nur leicht in die Zukunft verlegte Umschrift von Horváths Roman verfrachtet diese Strahlejugend bald in ein Trainingscamp in den Bergen, wo sie um einen begehrten Platz an einer Eliteuni kämpfen soll: mit Sport, Punktesammeln und anderen penetranten Ehrgeizbekundungen. Ihre elektronischen Geräte müssen sie abgeben, dafür wird ihnen ein Sender direkt unter die Haut gepflanzt, der sie nicht nur ständig ortet, sondern auch alle ihre biometrischen Daten direkt auf den Computer der Lagerleiterin schickt.

Aus dieser Ausgangslage hätte schon was werden können. Aber bereits die eingangs unheilschwanger auf die Leinwand gemalte Gegenwelt zu den aufgebrezelten Hochleistungskindern lässt nichts Gutes ahnen: Solche verregneten Mischungen aus Favela, Neuköllner Problemviertel und düsterem Hinterhof in Bangkok haben wir im Kino («Hunger Games») und im Fernsehen (etwa in der Arte-Serie «Trepalium») schon viel zu oft gesehen. Wenn sie sich anschicken, die Lebenswelt der Armen und Ausgestossenen zu bebildern, überkommt zeitgenössische Filmschaffende eine eigenartige Ideenlosigkeit.

Für Gsponers Film heisst das leider auch: Eine streng in Sektoren eingeteilte, dystopische Märchenwelt, in der ein pessimistisches Retortenmenschenbild regiert, ist ein zu weit am Leben vorbeigeschriebenes moralisches Fiktionslabor. Wer mit Camps und Klischees experimentiert, dem fliegen nachher auch nur vorgestanzte Einsichten um die Ohren.

Ab 31. August 2017 im Kino.

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