Nr. 32/2018 vom 09.08.2018

Romanze als weibliche Hölle

Warum einen Hollywoodstar ehren, der vor allem dank romantischer Komödien aus den Neunzigern bekannt ist? Weil der Blick hinter die banale Starfassade Erstaunliches zutage fördert.

Von Daniela Janser

Wer Archetypen umdeuten will, muss offenbar erst um Erlaubnis bitten: Meg Ryan (rechts) mit Mark Ruffalo in «In the Cut» (2003).

Selbsternannte Cinephile rümpften die Nase: Der scheidende Festivaldirektor Carlo Chatrian hatte den vor allem aus romantischen Komödien wie «When Harry Met Sally» bekannten Superstar Meg Ryan nach Locarno eingeladen und mit einer Auszeichnung bedacht. Dabei übersehen die Empörten, dass Ryan im Jahr nach dem #MeToo-Aufschrei der Filmwelt ein hochinteressanter Gast ist. Erweitert doch der Blick auf ihre Karriere die Diskussion über Belästigung und Vergewaltigung in der Filmindustrie um eine Facette der Diskriminierung, die nichts mit Sex, aber viel mit Geschlecht und Castingpolitik zu tun hat.

Es geht um die hartnäckige Reduktion einer talentierten Schauspielerin auf eine einzige und eindimensionale Rolle, der sie allem Anschein nach nicht mal entfliehen kann, wenn sie ihren Beruf ganz an den Nagel hängt. Bei ihrem Auftritt in Locarno betonte sie, dass es für Schauspielerinnen in Hollywood nach wie vor schwierig sei: «Meistens bist du die einzige Frau auf dem Set.» Und es fiel auf, dass sie sich und ihr Können kleinredete: «Ich bin ja gar keine ausgebildete Schauspielerin.» Undenkbar, dass ein Leonardo DiCaprio so etwas sagen würde.

Ganz ohne Unterleib

Die bekanntesten Filme von Meg Ryan sind romantische Komödien: schematische Blockbuster also, in denen sich zwei Auserwählte eine Filmlänge lang erfolglos umgarnen oder erfolgreich verpassen. Kommen sie endlich zusammen, ist der Film auch schon zu Ende. Romantische Komödien dieses Zuschnitts sind nicht zuletzt sehr brave Liebesgeschichten, die ganz ohne Unterleib auskommen. Die neueren Auflagen dieser Sorte, mit denen Meg Ryan zu Beginn der neunziger Jahre berühmt wurde, sind zudem Remakes oder Hommagen: Sie zehren von älteren Vorbildfilmen auf der Suche nach etwas Raffinesse und grossen Gefühlen. Liebe ist in diesem postmodernen Universum nur als Zitat zu haben. Ein solches Werk war auch in Locarno zu sehen: Nora Ephrons «Sleepless in Seattle» von 1993 mit seinen ehrfürchtigen Referenzen an die Romanze «An Affair to Remember» aus dem Jahr 1957 von Leo McCarey, dem am Filmfestival Locarno eine grosse Retrospektive gewidmet war.

Misst man die Hommage am Original, merkt man, wie sich die Dialoge über die Jahrzehnte beschleunigt, aber auch banalisiert haben. Die Hauptfiguren von «Sleepless in Seattle» wirken im Vergleich niedlich und abgeschliffen. Und sicher wäre es niemandem je in den Sinn gekommen, Deborah Kerr, die in «An Affair to Remember» die Hauptrolle spielt, als «Amerikas Schätzchen» oder «Mädchen von nebenan» zu bezeichnen, despektierliche Label, die an der mittlerweile 56-jährigen Meg Ryan kleben wie zähflüssiger Sirup. Bis heute.

Mut ohne Lohn

Dabei hatte sie 2003 eigentlich mit der Hauptrolle im kontroversen «In the Cut» den Befreiungsschlag gewagt. In diesem klugen Thriller werden die Klischees der romantischen Komödie als gefährliche, ja tödliche Fallen für Frauen kenntlich gemacht. Ein Serienmörder geht um, der Frauen den Kopf abschneidet, bezeichnenderweise aber auch den sexistischen Satz von sich gibt, der so über jeder Romanze stehen könnte: Alle Frauen wollen Liebe. Ryan spielt eine Slangforscherin. Sie verguckt sich in einen Polizisten, und es geht ihr dabei primär um den Sex, während er den romantischen Part übernimmt.

Nach mehr als einem Jahrzehnt Schubladisierung versuchte Ryan also kühn, das ihr anhaftende Image zu sprengen. Eine schwierige Ausgangslage, mit der sich ihre männlichen Gegenüber schon gar nie herumschlagen mussten: Weder Billy Crystal noch Tom Hanks, die sich in «When Harry Met Sally» und «Sleepless in Seattle» in Ryan verliebten, hatten nachher je Probleme, spannende Rollen zu finden.

Doch weder Hollywood noch die Filmkritik haben Ryans Mut belohnt. Der radikal feministische Film, konsequent aus der Perspektive seiner Hauptfigur gedreht, wurde mit Unverständnis gestraft. Vermarktet hat man ihn als pikante Sexorgie, auf der DVD-Hülle prangt der Satz: «Vorsicht – Meg Ryan zeigt alles!» Oder wie sie in Locarno selbst bilanziert: «In the Cut» habe gezeigt, dass es gefährlich sei, Archetypen umzudeuten. Dafür hätte man anscheinend vorher um Erlaubnis fragen müssen. Trotz des eindrücklichen Auftritts in «In the Cut» blieben die guten Rollen aus. Heute steht Ryan nur noch selten vor der Kamera und richtet stattdessen Luxuswohnungen ein.

Es ist Festivaldirektor Chatrian anzurechnen, dass er nicht etwa «Sleepless in Seattle», sondern den sperrigeren «In the Cut» auf der – leider verregneten – Piazza zeigte. Das ausschliesslich von Frauen produzierte, von Susanna Moore geschriebene und von Jane Campion verfilmte Werk hält auch dem Filmfestival von Locarno einen Spiegel vor, zumindest implizit. Denn die Statistiken zeigen: Es gibt im diesjährigen Programm erneut zu wenig Frauen in den entscheidenden Jobs hinter der Kamera (vgl. «Worte und Taten»). Und wie der Fall Ryan illustriert, liegt auch vor der Kamera noch einiges im Argen: dort, wo die Bilder für das Kinogedächtnis hergestellt werden und vielversprechende Frauenkarrieren in Rollenklischees verkümmern.

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