CIA-Coup im Iran : Der Ölmanager, der zum Agenten einer neuen Weltordnung wurde

Nr.  36 –

1953 stürzte die CIA den parlamentarisch legitimierten Regierungschef des Iran. Kürzlich veröffentlichte Dokumente des US-Aussenministeriums werfen ein neues Licht auf das Komplott.

Er solle seine Überlegungen zur Zukunft des Iran verschriftlichen, bittet Allen Dulles, damals Vizedirektor der CIA, den Ölmanager Max Thornburg. Dieser rät irritiert dazu, weitere Experten beizuziehen. Dulles aber insistiert: «Bring jetzt einfach mal etwas zu Papier.» Beschrieben ist die Szene im Bericht eines CIA-Kaders, der beim Gespräch dabei war.

Das vierseitige Memorandum, das in der Folge entsteht, kursiert Tage später als «Thornburg Program» durch die Flure des CIA. Sein Kerngedanke: Der iranische König, Mohammad Resa Schah Pahlawi, solle gegen die demokratisch legitimierte Regierung seines Landes putschen. Das Erstelldatum: der 22. August 1952, ein Jahr vor dem Sturz des iranischen Regierungschefs Mohammad Mossadegh. Im Juni dieses Jahres hat die CIA über tausend Seiten Aktenmaterial zu ihrer verdeckten Operation im Iran 1953 freigegeben. Die Telegramme, Memoranden und Gesprächsnotizen offenbaren viele neue Details des Komplotts – und mit Max Thornburg einen neuen Hauptprotagonisten.

Apostel des freien Marktes

Thornburg war in den dreissiger Jahren Manager des US-amerikanischen Ölkonzerns Standard Oil. In dieser Funktion kam er wohl erstmals mit dem späteren CIA-Chef Dulles in Kontakt. Dieser sass zu jener Zeit der Wirtschaftskanzlei Sullivan & Cromwell vor, die Standard Oil im Ausland vertrat.

In den Iran kommt Thornburg 1948 als privater Industrieberater – und als Emissär einer neuen Weltordnung. Denn die Briten, die 1921 der Pahlawi-Dynastie zur Macht verholfen hatten und den Iran noch immer mit kolonialem Gestus ausbeuten, geraten zunehmend unter Druck. Sie weigern sich beharrlich, die Ölkonzessionen von 1933 neu zu verhandeln, die den Iran lediglich mit sechzehn Prozent am Gewinn beteiligen. In der Ölindustrie herrschen miserable Arbeitsbedingungen, und das urbare Land gehört einer kleinen, anglophilen Elite. Aufstände und Streiks bringen die Ölförderung immer wieder zum Erliegen, und die vom Schah eingesetzten Regierungen halten sich meist nur Monate im Amt.

Als eine Art Apostel des freien Marktes verspricht Thornburg Erlösung. Er wird zum Privatberater des Königs und damit, so die Historikerin Linda Qaimmaqami in einem Essay über Thornburg, zum «Stellvertreter des US-Privatsektors». Das Reformprogramm, das er dem Iran verschreibt, kommt jedoch nicht in Fahrt: Zum einen fehlt das Geld aus dem blockierten Ölgeschäft. Zum anderen kommt aus dem Parlament und von der Strasse zu viel Widerstand.

Als Thornburg den König im Juni 1950 zur Verhaftung der Gegner seines Entwicklungsprogramms bewegen will, schreibt er einem Freund: «Die Zeichen stehen gut für eine der saubersten politischen Flurbereinigungen, die der Mittlere Osten in letzter Zeit gesehen hat.» Thornburgs Hoffnung soll sich jedoch erst drei Jahre später erfüllen, als die nach einem Reinigungsmittel benannte CIA-Operation «Ajax» die demokratisch legitimierte Regierung Mossadeghs wegfegt.

Das Parlament lehnt Thornburgs Reformprogramm ab und fordert stattdessen die Verstaatlichung des Erdölsektors. Auf Drängen der US-Botschaft verlässt Thornburg den Iran. Hier endet vermeintlich seine Iranexpedition. Die anhaltenden Arbeitskämpfe verschaffen derweil der kommunistischen Tudeh-Partei Zulauf. Auch um deren Aufstieg zu bremsen, überlässt der Schah die Wahl eines neuen Ministerpräsidenten 1951 erstmals dem Parlament: Mohammad Mossadegh verspricht, den Erdölsektor zu verstaatlichen, und gewinnt die Wahl klar.

Öl statt Kommunismus

Während er die Briten aus dem Land wirft, pflegt Mossadegh ein relativ gutes Verhältnis zu den USA. Deren Regierung sieht in ihm zunächst ein alternativloses Bollwerk gegen die Sowjetunion. Allerdings schafft es Mossadegh nicht, das Land zu stabilisieren. Mitunter setzt dem Iran ein britischer Ölboykott zu. Die Nervosität der USA, der Iran könnte doch den Sowjets zufallen, wächst.

Thornburg hat sich inzwischen auf eine Insel zurückgezogen, die ihm der Emir von Bahrain geschenkt hatte. Mit der Bitte um eine Expertise zum Iran lädt ihn die CIA im August 1952 nach Washington ein, wie die neu zugänglichen Akten zeigen. Eine demokratische Regierungsform sei im Iran fehl am Platz, meint Thornburg. Die USA könnten zuschauen, wie das Land scheitere und hinter den Eisernen Vorhang falle, oder Schritte hin zu einer «vernünftigeren Regierung» unterstützen.

Der Schah, so der Grundgedanke des Thornburg-Programms, solle den Notstand ausrufen, politische Anführer festnehmen, das Parlament auflösen, kritische Zeitungen schliessen. Kurz: eine Diktatur errichten. Nur eine eiserne Hand könne das Land reformieren. In der CIA herrscht gemäss Akten die Einschätzung vor, der König sei «flatterhaft», «unentschlossen», «ein hoffnungsloser Fall», «für solch ein Vorhaben unbrauchbar». Thornburg aber glaubt, der König sei bloss «jung und etwas melancholisch», seine fehlende Entschlusskraft «ein Defizit, das wir ausgleichen können».

Ungeachtet der verbreiteten Skepsis kursiert am 22. September 1952 ein Memorandum mit dem Titel «Programm zur Unterstützung des Schahs» in der CIA, das sich explizit auf Thornburg bezieht. Das darin formulierte Ziel: Der König solle eine neue Regierung einsetzen, die entschlossen die Kommunisten bekämpft und in eine «vernünftige Beilegung des Ölstreits» einwilligt. Als erste Massnahme ist vorgesehen, «die Bevölkerung mit massiver Propaganda dahingehend zu konditionieren, dass sie im Fall einer Krise den Schah gegenüber Mossadegh vorzieht». Für den Fall, dass der König im entscheidenden Moment kuscht, sieht der Plan vor, dass eingeweihte Militärs den Putsch auch ohne dessen Autorisierung durchziehen.

Operation «Ajax»

Nachdem Allen Dulles im Januar 1953 das CIA-Direktorat übernommen hat, lädt er Thornburg im Februar erneut zu Irangesprächen ein. Im April beschliessen die USA gemeinsam mit Britannien Mossadeghs Sturz definitiv. Dass Thornburg, der Einflüsterer des Coups, von nun an nicht mehr in Erscheinung tritt, liegt wohl daran, dass die Briten ihn verachten.

General Faslollah Sahedi soll gemäss Planung Mossadeghs Nachfolger unter einem per Dekret regierenden König werden. Unter anderem wird Sahedis Zusammenarbeit mit den Nazis während des Zweiten Weltkriegs in einem Memorandum positiv hervorgehoben: «Der General wird bestimmt nicht plötzlich zum Kommunisten werden», so die Logik des Geheimdiensts. Gemäss veröffentlichten Projektskizzen der Operation «Ajax» würde ein Propagandaprogramm Mossadegh in die Nähe der Tudeh-Partei rücken und als Feind der Monarchie darstellen. Angriffe auf Symbole der Monarchie würden der Tudeh und indirekt Mossadegh angelastet. Idealerweise würde der König vorab seine Unterschrift unter Mossadeghs Ab- und Sahedis Einsetzung als Ministerpräsident setzen – die CIA hofft, dass seine Schwester den König zu diesem Schritt würde überreden können. Sobald das politische Klima genügend aufgeheizt wäre, würde General Sahedi Mossadegh festnehmen lassen und über die gleichzeitig besetzten Radiostationen den Ausnahmezustand und den königlich signierten Machtwechsel verkünden.

Der Schah lehne einen Putsch klar ab, wendet der US-Botschafter im Iran noch im Juni gegen den Plan ein: «Wir müssten ihm schon mit seiner eigenen Absetzung drohen», damit er jene Mossadeghs unterzeichne. Drohungen scheinen dann auch nötig gewesen zu sein. Am 14. August, erst zwei Tage vor dem Putsch, erreicht die CIA-Zentrale ein Telegramm mit dem Titel «Al Hamdulillah» aus Teheran, Gott sei Dank. In der Nachricht steht: «Letzte Nacht wurden die Papiere zu Sahedi gebracht. Der Druck zeigt offenbar endlich Wirkung.»

Wer hat geputscht?

Der Hauptakt in der Nacht auf den 16. August scheitert trotzdem: Mossadegh wird von einem loyalen Armeeoffizier gewarnt und lässt seinerseits die Soldaten festnehmen, die ihn hätten verhaften sollen. Als der Schah von der Panne erfährt, setzt er sich in seinem Privatflugzeug nach Bagdad ab. Für die Zentrale in Washington ist die Aktion damit gelaufen. Sie weist die Dienststelle in Teheran an, die verdeckte Operation abzubrechen und die Rolle der USA zu vertuschen.

Einige Agenten vor Ort widersetzen sich jedoch und verbreiten Kopien des vom Schah erpressten Absetzungsschreibens über Medien und per Flugblatt – eingebettet in ein Narrativ, wonach Mossadegh den Schah aus dem Land gejagt habe, um die Monarchie abzuschaffen und so seiner eigenen Absetzung zuvorzukommen. Am zweiten Tag nach dem vereitelten Machtwechsel marodieren Mobs durch die Hauptstadt. Sie schwenken rote Fahnen, grölen kommunistische Lieder, huldigen Mossadegh und reissen die Statuen des Schahs nieder. Das Ziel ihrer US-Sponsoren, den roten Teufel an die Wand zu malen, verfehlen sie nicht: Am Folgetag bilden sich Massendemonstrationen gegen die Kommunisten, gegen Mossadegh und für den Erhalt der Monarchie. In der Folge wird Mossadegh doch noch von Einheiten der Armee festgenommen und Sahedi neuer Ministerpräsident.

Der zunächst verhinderte Putsch gegen Mossadegh geht so als vereitelter Putsch Mossadeghs gegen den Schah durch die Weltpresse. Wie Thornburg es skizziert hatte, wird der Schah nach seiner Rückkehr zum Autokraten, der zur Beilegung des Ölstreits Hand bietet. Standard Oil und vier weitere US-Unternehmen erhalten ein Stück vom Kuchen, und der Iran wird zum grössten Abnehmer US-amerikanischer Rüstungsgüter. Erst im Zuge der iranischen Revolution 1979 verlässt der Schah das Land endgültig – mit den Worten: «Ich bin müde und brauche eine Pause.»