Nr. 36/2017 vom 07.09.2017

Ein Schwein geht um

«Die Hauptstadt» von Robert Menasse ist ein höchst vergnüglicher Roman über die EU – mit dem erstaunlichen Nebeneffekt, dass man beim Lesen Sympathie für die oft als Technokraten verunglimpften BeamtInnen entwickelt.

Von Silvia Süess

Wunderschön anschaulich demonstriert Robert Menasse die Intrigen und Machtkämpfe im EU-Apparat von Brüssel. Foto: Olivier Hoslet, Keystone

«Unter allen Monstern, vom Basilisken über Graf Dracula bis zu King Kong, nimmt der Beamte eine herausragende Stellung ein», schreibt der österreichische Autor Robert Menasse in seinem 2012 veröffentlichten Essayband «Der europäische Landbote. Die Wut der Bürger und der Friede Europas». Die Figur des Beamten hat den Verfechter der europäischen Idee so umgetrieben, dass er für neun Monate nach Brüssel gezogen ist, um möglichst viele dieser EurokratInnen kennenzulernen, mit ihnen zu reden und ihnen bei der Arbeit zuzuschauen. Denn Menasse ist überzeugt, dass eine Reflexion über die EU mit einer Untersuchung der Brüsseler Beamten beginnen müsse, da die EU in der öffentlichen Wahrnehmung als eine monströs aufgeblähte Bürokratie erscheine. Die Figur des Beamten als «phantasiertes Wesen», so schrieb er 2012, «ist nicht bloss das Produkt der Angstlust-Träume des Spiessers, der immer wieder Bedrohung und Untergang phantasieren muss, um seine letztlich glückliche Errettung träumen zu können, sondern ist eine wahrlich gesamtgesellschaftliche Phantasie.» Aus seinen Recherchen ist nun ein 450-seitiger Roman entstanden.

Überwindung des Nationalgefühls

Ein Roman über EU-Beamte, kann das gut gehen? Ja, das kann, wie Menasse in «Die Hauptstadt» zeigt. Das Buch ist ein höchst vergnügliches Lehrstück über die EU – ganz ohne pädagogischen Beigeschmack. Menasse verflicht die (Lebens-)Geschichten zahlreicher ProtagonistInnen in Brüssel lose miteinander und erzählt durch sie von der Vergangenheit, der Gegenwart sowie der möglichen Zukunft Europas. Gleichzeitig gibt er Einblick in die Mechanismen des Europäischen Machtapparats.

Hier arbeitet die zypriotische Griechin Fenia Xenopoulou für die Europäische Kommission, die Exekutive der EU. Die ehrgeizige junge Beamtin ist Leiterin der Generaldirektion Kultur, dem bedeutungslosesten Ressort – auch «Arche» genannt –, aus dem sie möglichst rasch wegwill. Den Auftrag, mit einem «Big Jubilee Project» das furchtbar schlechte Image der Europäischen Kommission in Europa zu verbessern, übergibt sie an ihren Untergebenen Martin Susman. Währenddessen zieht der pensionierte Lehrer David de Vriend in ein Altersheim, Matek Oswiecki erschiesst einen Mann (den falschen), Émile Brunfaut untersucht diesen Mordfall, und der emeritierte Professor Alois Erhart wird vom Thinktank «New Pact for Europe» eingeladen, um über die Zukunft Europas zu diskutieren.

Dreh- und Angelpunkt des Romans ist zwar Brüssel, doch über allem schwebt das grösste je begangene Menschheitsverbrechen: der Holocaust. David de Vriend hat das Vernichtungslager Auschwitz überlebt. Alois Erhart schlägt in einer provokativen Rede der Reflection Group «New Pact for Europe» vor, in Auschwitz die neue europäische Hauptstadt entstehen zu lassen, «geplant und errichtet als Stadt der Zukunft, zugleich die Stadt, die nie vergessen kann». Und Martin Susman schliesslich hat nach einem verstörenden Besuch im Vernichtungslager – «Die Getränkeautomaten, wo die Touristen im Lager für zehn Zloty warme Getränke oder Schokoriegel kaufen konnten, hatten ihn mehr schockiert als die schon so oft auf Fotos oder in Dokus gesehenen Haufen von Haaren, Schuhen oder Brillen» – die zündende Idee für das «Big Jubilee Project»: Da die Erfahrung dieses Verbrechens und die Einigkeit darüber, dass sich das nie wiederholen dürfe, erst die Einigung Europas ermöglicht haben, soll das Projekt unter dem Motto «Nie wieder Auschwitz» stattfinden. «Die Überwindung des Nationalgefühls. Wir sind die Hüter dieser Idee!», erklärt er seiner skeptischen Chefin Fenia: «Und unsere Zeugen sind die Überlebenden von Auschwitz. Die Überlebenden sind nicht nur Zeugen von den Verbrechen, die in den Lagern begangen wurden, sie sind auch Zeugen der Idee, die daraus entstanden ist, der Idee, dass es erwiesenermassen etwas Gemeinsames gibt.»

Intrigen und Machtkämpfe

Mit rasantem Strich zeichnet Menasse über die Lebensgeschichten seiner ProtagonistInnen ein Bild Europas im 20. Jahrhundert – von Brüssel nach Zypern, Deutschland, Österreich, Warschau und wieder zurück nach Brüssel. Alle Biografien zeigen sich dabei als vom Krieg gezeichnet. Um weitere Kriege zu verhindern, so ist der EU-Verfechter Menasse überzeugt, muss die Macht und der Einfluss der Nationalstaaten in der EU zurückgedrängt werden. Das Projekt Europäische Union könne nur gelingen, wenn die nationale Demokratie bekämpft würde, um die postnationale Demokratie zu ermöglichen. Alle Defizite der EU, so wiederholt Menasse in seinen Interviews, Reden und Essays, seien Folge des Widerstands der Nationalstaaten. Denn die EU sei zwar ein Projekt zur Überwindung des Nationalismus, doch es seien die nationalen Staats- und Regierungschefs sowie die nationalen FachministerInnen, die Entscheidungen treffen und so die EU blockierten.

Wunderschön anschaulich demonstriert er das in «Die Hauptstadt» anhand des «Big Jubilee Project»: Während dieses von BeamtInnen der Europäischen Kommission auf den Weg gebracht wird, demontieren es die Mitglieder des Europäischen Rats, also die RegierungschefInnen der EU-Länder, hinterhältig. Denn als VertreterInnen der Nationalstaaten haben sie kein Interesse an der «Überwindung des Nationalgefühls». Menasse beschreibt diese Intrigen und Machtkämpfe in den Hinterzimmern von ganz nah und zeichnet die Figuren facettenreich und vielschichtig – man merkt, dass er durch seine Recherche viel Respekt und Sympathie für die Brüsseler BeamtInnen und ihre Arbeit gewonnen hat.

Elegant webt Menasse nebenbei weitere aktuelle Themen Europas in seinen Roman ein, wie die Flüchtlingsbewegung oder das Ende der seriösen Medienberichterstattung. Dieses manifestiert sich in «Die Hauptstadt» in einer Medienhysterie um ein Schwein, das in Brüssel umgeht. Im Wettbewerb um Auflagensteigerung und Clicks überbieten sich die Zeitungen an Originalität in ihrer Berichterstattung. Allerdings geht die Onlinekampagne «Brüssel sucht einen Namen für sein Schwein» der Tageszeitung «Metro» nach hinten los: Der meistgenannte Name ist nicht etwa, wie erhofft, Miss Piggy oder Madame Cochon – sondern «Mohamed».

Der Autor ist am Sonntag, 15. Oktober 2017, im Zentrum Paul Klee in Bern zu einem Gespräch und am Mittwoch, 1. November 2017, im Literaturhaus Zürich für eine Lesung zu Gast.

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