Nr. 37/2017 vom 14.09.2017

Schreiben, um zu überleben

Die norwegischen Schriftsteller Karl Ove Knausgard und Tomas Espedal sind Freunde. Beide arbeiten sich am eigenen Leben ab. Der eine braucht Tausende Seiten, der andere für wenige Zeilen Jahre.

Von Timo Posselt

Knausgards bester Freund Geir bringt es auf Seite 389 auf den Punkt: «Du musst nicht alles aussprechen, was du denkst. So etwas machen Kinder. Erwachsene haben die Möglichkeit der Qualitätssicherung ihrer Aussagen.»

Hätte sich Karl Ove Knausgard den sarkastischen Rat seines Freunds zu Herzen genommen, wäre uns und vor allem seinen Liebsten vieles erspart geblieben. Mit dem 1200-Seiten-Briefbeschwerer «Kämpfen» schliesst der norwegische Autor und Genauigkeitsfanatiker nun seinen autobiografischen Romanzyklus «Mein Kampf» ab. Wiederum lädt er zum Spiessrutenlauf durch sein gepeinigtes männliches Ich: Hunderte Seiten Problematisierung männlicher Kinderbetreuung aus der Innenperspektive, der alles bestimmende Vaterkomplex, puritanische Verklemmtheit, narzisstische Unsicherheit, sentimentale Kunstbetrachtungen und ein überhöhtes Frauenbild. Es ist ein Themenreservoir von einem, der sein selbstbehauptetes literarisches Unvermögen zum Konzept erhob.

Während Knausgard sein zu Romanen verarbeitetes Leben millionenfach verkauft, gilt sein Freund Tomas Espedal immer noch als Geheimtipp. Anders als Knausgard, der sich in seinen Büchern episch ausbreitet, schreibt Espedal knapp und präzise – die Buchseiten sind oft nur mit wenigen Sätzen bedruckt. Wo Knausgard die Wirklichkeit mit ihrer Profanität durchdringen will, sucht Espedal im Alltäglichen die Poesie. «Karl Ove sagte einmal auf einem Fest: Du schreibst gut. Es klang wie ein Vorwurf. So war es auch gemeint, und es ist wahrscheinlich die einzige Kritik, die ich mir je zu Herzen genommen habe. Ich würde gerne schlecht schreiben, das heisst, schneller schreiben, roher, wilder, nicht durchdacht, dafür direkter», schreibt Espedal im soeben erschienenen Band «Biografie, Tagebuch, Briefe».

Jedes Buch ein Versuch

Dieser neue Band versammelt drei Werke, die in der Erstausgabe einzeln erschienen. In jedem experimentiert Espedal damit, die jeweilige literarische Gattung – Biografie, Tagebuch, Briefe – ins Romanhafte auszuweiten. «Jedes Buch ist ein Versuch. Ich versuche, das, was ich kenne und kann, zu verlassen. Versuche, die Sprache, die ich bereits beherrsche, zu verlassen. Ich möchte mir das Schreiben schwerer machen. Schreiben heisst, die Sprache komplizierter machen, die Welt schwieriger machen.» Inhaltlich wechseln sich im Text bestechende Alltagsbetrachtungen und Textlektüren anderer AutorInnen mit emotionalen Passagen wie die über den Tod seiner Frau ab.

Auf kurze nüchterne Momentbetrachtungen folgen lange lyrische wie prosaische Passagen. Er erzählt darin von seiner Jugend in der Arbeiterklasse Bergens, vom Boxtraining, der innigen Beziehung zu Vater und Mutter, der ersten Liebe und den Schlägereien auf den Tanzbällen der reichen Wirtschaftsstudis. Espedal und Knausgard hängen beide am Ideal der traditionellen Männlichkeit. Während Espedal diese Männlichkeit in expliziten Gewalt- und Sexszenen ausbreitet, übt sich Knausgard in Selbstzerfleischung über sein Scheitern daran.

Welch weitreichende Konsequenzen sein übergriffiges Ich auf das Umfeld seiner Liebsten hat, beschreibt Knausgard in «Kämpfen» – dem letzten Band, der sich inhaltlich mit der Zeit beschäftigt, als die ersten beiden Bände publiziert wurden. Darin macht er vor allem deutlich, wie er sein Werk bewusst auf die Rezeption hin geschrieben hat. Der Skandal war Kalkül – und das ging auf: Auf eine jahrelange mediale Schlammschlacht in Norwegen folgte der literarische Weltruhm. Die Glorifizierung seines Ich, dem er diesen Erfolg verdankt, zieht in «Kämpfen» also weitere Schlaufen. Dass sich Knausgard zunehmend darin verheddert, zeigt der integrierte Essay «Der Name und die Zahl» zu Adolf Hitler und dessen Programmschrift «Mein Kampf».

Ausgehend von einem Gedicht Paul Celans, setzt sich Knausgard mit Hitler-Biografien und Hitlers Kampfschrift auseinander, stellt diese in den Kontext von Texten von Stefan Zweig, James Joyce, Franz Kafka, Peter Handke und der Bibel. 800 Seiten verteilter methodenloser Freistil durch die westliche Kulturgeschichte. Wohin will der Autor damit? Es schwant einem an Stellen wie dieser: «Hitler gestaltete Deutschland zu einem Theater um. Dieses Theater drückte einen Zusammenhang und dadurch Identität und dadurch das Wahrhaftige aus. Es ging nicht darum, etwas zu erfinden, […] es ging darum, etwas auszudrücken, das immer schon da gewesen war, das die moderne Gesellschaft jedoch verdrängt und aufgelöst hatte, und genau deshalb wurden so viele Elemente der Geschichte entnommen: Es wurde etwas wiederhergestellt.»

Knausgard beschreibt die schreckliche Faszination, die der Nationalsozialismus ausübte, als eine romantische Sehnsucht nach dem Eigentlichen, dem Wahrhaftigen hinter der Entfremdung der Moderne. Eine Sehnsucht, die den Autor mit den Nazis verbindet: «Wer würde nicht ein Teil von etwas sein wollen, das grösser ist als er selbst? Wer würde nicht fühlen wollen, dass das eigene Leben sinnvoll ist? Wer würde nicht etwas haben wollen, wofür er gern sein Leben hingibt?»

Seine Beteuerungen, wie schrecklich die Verbrechen der Nazis waren, schützen Knausgard nicht davor, den Nationalsozialismus zu mystifizieren. Er taumelt unbedarft zwischen Generalisierung und Hervorhebung des Einzelnen: Einerseits beteuert er, Hitler als Kind seiner Zeit zu betrachten, andererseits beschreibt er Hitlers und seinen eigenen Lebenskampf als Ursprung ihrer beider megalomanen Projekte. Auf diese haarsträubende Selbstspiegelung in Hitler lässt man sich als Leser nicht ein. Abgesehen davon hat jedes Schulbuch Relevanteres zum Thema zu sagen. Dass Knausgards totalitäre Prämissen dennoch in weiten Teilen des deutschen Feuilletons mit freundlichem Abnicken bedacht wurden, beunruhigt.

Für immer der Gleiche

Knausgard hat mit seiner Megalomanie buchstäblich sein nächstes Beziehungsfeld erdrückt. Ende 2016 liess sich seine Frau Linda Boström Knausgard, ebenfalls Schriftstellerin, von ihm scheiden. Nach 4624 Seiten und am Ende von «Kämpfen» gesteht Knausgard sein Scheitern und seine Schuld ein. Als Leser bleibt man mit dem Gefühl zurück, als würde man endlich, nachdem man unzählige Stunden gemeinsam verbracht hat, mit einem pausenlos redenden, hoffnungslosen Bekannten brechen – einem Freund vielleicht sogar, den man, hätte es in der eigenen Macht gelegen, längst in die Therapie begleitet hätte. Stattdessen las man nur seine Bücher, und er blieb immer der Gleiche.

«Ich wünschte wirklich, es wäre möglich, in der Literatur zu leben», schreibt Tomas Espedal in «Tagebuch» und später, wie ein Echo, in «Briefe»: «Wenn ich nicht schreibe, bin ich nichts.» Im Schreiben leben, ums Leben schreiben: Während Espedal sich selbst fast abhandenkommt, wenn er nicht schreibt, kann ihn aus der existenziellen Krise des Todes seiner Frau nur das Schreiben retten. Knausgard stattdessen schrieb sein Leben zum bekenntnisliterarischen Ausstattungsroman um. Aber warum lesen wir das? In einer Zeit der flexibilisierten Biografien gibt uns diese Literarisierung des eigenen Lebens Linearität. Als stünde alles da, von der ersten bis zur letzten Seite.

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