Nr. 38/2017 vom 21.09.2017

Hey, Otto!

Von Franziska MeisterMail an AutorIn

«Sehr geehrte Frau Meister, wir haben ein neues Stipendienprogramm», schreibt mir Dr. Mira Maier. «Jeder kann sich bewerben.» Logo kann sich jeder bewerben. Bloss kriegt nicht jeder ein Stipendium. Aber wir wollen erst mal nicht schnöden, wenn Initiative für den wissenschaftlichen Nachwuchs gezeigt wird. Mehr noch: wenn es heisst, «wir finden, dass nicht nur die Top 10 % ein Stipendium verdient haben». Wird hier endlich mal jenen unter die Arme gegriffen, die sich ein Studium finanziell nicht leisten können?

Weit gefehlt – es geht um eine «Förderung für das Mittelmass», genauer: um «08/15-Studenten», die «einfach nur stinknormal» sind, «mittelmässig» eben, «gewöhnlich», ein «Ottonormalbürger». Um an ein Stipendium zu gelangen, muss man seine Durchschnittlichkeit aber erst einmal unter Beweis stellen. Wobei durchschnittliche Noten wenig helfen, denn es werden «keine Studenten mit einem perfekten Notenschnitt» (offensichtlich meint Dr. Maier da nicht den perfekten Durchschnitt, aber seis drum) gefördert. Als wissenschaftliche Beweismittel zugelassen sind hingegen ein «Tagesablaufprotokoll», eine «Umfrage unter Kommilitonen» – ja sogar ein «Gedicht über das eigene Leben als Durchschnittsstudent». (Aber Vorsicht: Zu viel Kreativität verdirbt die Chancen!)

Ist es Zufall, dass sich das Stipendienprogramm des European Funding Guide explizit an Schweizer Studenten richtet? An Studenten aus einem Land also, in dem das Mittelmass immer wieder zum Mass erhoben wird? Überhaupt das Ausmass: Mit ihm ist es so weit nicht her – gerade mal 6500 Franken werden verteilt, auf drei Personen, als einmalige Aktion. Sie sind gesponsert vom Schweizer «Sprachaufenthaltsveranstalter» ESL und werden nicht in bar ausbezahlt, sondern in Form eines Sprachkursgutscheins. Der European Funding Guide ist übrigens eine Suchmaschine: Ihr Algorithmus gleicht das Profil von Studierenden mit jenem von Förderinstitutionen ab. Dr. Maier scheint echt zu sein – auch wenn sie auf der Website aussieht wie die einer männlichen Traumvorstellung entsprungene Visualisierung eines Bots.

Und wir Frauen sind zur Abwechslung einfach nur froh, dass wir uns nicht angesprochen fühlen müssen, weil wir es nicht sind.

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