Nr. 39/2017 vom 28.09.2017

Zwischen Marktmacht und Menstruation

Ein neues Buch ergänzt die aktualisierte Kurzbiografie von Iris von Roten mit einer etwas fahrigen Bestandesaufnahme zur Situation der Frauen heute.

Von Daniela Janser

Die Anwältin und Frauenrechtlerin Iris von Roten wurde 1955 nachts in Zürichs Strassen angehalten und auf den Polizeiposten abgeführt: Weil sie keinen Ausweis dabei hatte, verdächtigte man sie automatisch, eine Prostituierte zu sein. Als sie das Erlebnis in der NZZ publik machte, schlug ihr mehrheitlich Häme und Ablehnung entgegen. Gut sechzig Jahre später färbte das feministische Kollektiv aktivistin.ch Zürichs Brunnen rot, um – medial begleitet – auf die Tabuisierung der Menstruation und zu hoch besteuerte Hygieneprodukte hinzuweisen.

Das ist die weite Klammer, die das neue, zweiteilige Buch «Iris von Roten: Eine Frau kommt zu früh – noch immer?» aufspannt. Der biografische Abriss, in dem der Zürcher Zwischenfall nacherzählt wird, kommt von Yvonne-Denise Köchli, die bereits 1992, zwei Jahre nach von Rotens Selbstmord, eine fulminante Biografie vorgelegt hatte. Ihrer lesenswerten aktualisierten Kurzbiografie vorangestellt sind fünf Kapitel zu den Feldern Beruf, Liebe, Mutterschaft, Haushalt und Politik: Anne-Sophie Keller, die in Personalunion als Journalistin, Mitglied von aktivistin.ch und Werbeträgerin für eine Krankenversicherung tätig ist, macht sich darin Gedanken zur Situation der Frauen heute. Die thematischen Stichworte entlehnt sie aus Iris von Rotens voluminöser Streitschrift «Frauen im Laufgitter. Offene Worte zur Stellung der Frau» (1958).

Keller teilt von Rotens starke Grundüberzeugung, dass nebst der ökonomischen und politischen Gleichberechtigung zwingend eine sexuelle Gleichstellung eingefordert werden müsse. Doch leider liest sich diese erste Buchhälfte wie eine Facebook-Pinnwand oder ein zügig verfasster Blogbeitrag, in dem munter von der Masturbation über die Menstruation bis zur Mutterschaft gehüpft wird, ohne dass bei einem Thema länger verweilt würde. Substanz liefern hier vor allem die Gedanken von anderen in Form eingeschobener Interviews, etwa mit Natascha Wey, Kopräsidentin der SP-Frauen, oder der Genderforscherin Franziska Schutzbach.

Rasantes Schreibtempo

Zehn Jahre lang war die Frauenrechtspionierin Iris von Roten einst mit der Recherche und Niederschrift von «Frauen im Laufgitter» beschäftigt. Und auch wenn das eine in Anspruch und Umfang nicht direkt mit dem anderen vergleichbar ist: Gegenüber der «Berner Zeitung» erwähnt Keller stolz, dass sie insgesamt gerade mal acht Wochen Schreibarbeit investiert habe. Nur macht sich dieses rasante Schreibtempo in ihrer Hälfte des Buches auch bemerkbar. Oft wähnt man sich im sprunghaften persönlichen Notizbuch einer jungen Frau, die zwischen Statistiken zur Gleichstellung der Geschlechter, einer Umfrage mit «zwanzig jungen Frauen über die Ehe» und Lady Gagas «I’m a Free Bitch» ein paar sicher gut gemeinte rote Fäden zu spinnen versucht.

Schon 2009 analysierte die britische Philosophin Nina Power die Utopiearmut der aktuellen Frauenbewegung. Power bemängelte überdies, dass die Errungenschaften der Frau heute oft konsumzentriert (Job, Handtasche, Vibrator, Mann) und als Selbstvermarktung daherkämen. Dazu passt, dass scheinbar jeder noch so halb fertige oder beliebige Gedanke als verwertbare Ware auf den umkämpften publizistischen Marktplatz getragen wird. Auch der aufgebrezelte eigene Lebenslauf gerät zur Allzweckwaffe auf der schwierigen freien Wildbahn der befristeten Arbeitsverträge und Teilzeitprojekte. Im vorliegenden Buch fällt die Kurzbiografie der 27-jährigen Anne-Sophie Keller um einiges länger aus als diejenige der 1954 geborenen Yvonne-Denise Köchli: nicht weil sie mehr vorzuweisen hätte, sondern weil schlicht jede Kleinigkeit aufgelistet wird.

Dass sich dieser selbstdarstellerische neue Feminismus auch ohne Not vor einen reaktionären Karren spannen lässt, zeigt der Auftritt von Anne-Sophie Keller in der rechtsnationalen «Weltwoche» vor ein paar Monaten. Ihre Selbstbefragung zum eigenen Sexismus («Wenn Männer rülpsen, interessiert mich das nicht – bei Frauen befremdet es mich») fügt sich ziemlich nahtlos in die altbackene antifeministische Coverstory, die den Rahmen für Kellers Gasttext lieferte.

Keine geschützte Marke

Die Geschichtsprofessorin Caroline Arni brachte zum 50. Geburtstag von «Frauen im Laufgitter» den klugen Begriff eines «freigesetzten Feminismus» ins Spiel. Statt in vermeintlich umfassenden Universalschauen sollte die Widersprüchlichkeit unserer Gegenwart mit einer grösstmöglichen Vielfalt an feministischen Beschreibungen eingefangen werden. Oder anders gesagt: «FeministIn» ist keine geschützte Marke. Jede und jeder kann sich mit der Bezeichnung schmücken oder bewaffnen. Und das ist gut so.

Trotzdem sind die zahlreichen Interventionen, die heute im Namen des Feminismus vorgebracht werden, auch skeptisch zu hinterfragen. Gewiss muss man nicht «alles gelesen» haben, um sich öffentlich prominent zu Wort zu melden. Aber etwas mehr Substanz, Analyse und ein solides Grundwissen zur Geschichte und Gedankenwelt der feministischen Bewegung würden nicht schaden. Die notwendigerweise beschränkte persönliche Erfahrung und Wahrnehmung, ergänzt durch ein paar herbeizitierte Studien und Statistiken, sind ein schwaches Bollwerk gegen den herrschenden antifeministischen Backlash von rechts.

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