Nr. 14/2021 vom 08.04.2021

Laufgitter fürs Weib, Peniswärmer für den Herrn

Von wegen mitgemeint: Zwei Ausstellungen in Zürich beleuchten die Geschichte feministischer Kämpfe in der Schweiz.

Von Daniel HackbarthMail an AutorIn

«Eine Gefahr für die Öffentlichkeit»: Anna Sommers Triptychon «Bei Nacht auf Zürichs Strassen» (2020) zeigt die Festnahme Iris von Rotens. Foto: Strauhof Zürich

Wenn es dunkel ist, haben Frauen allein auf der Strasse nichts zu suchen. So haben es zumindest die zwei Zürcher Polizisten gesehen, die eines Nachts im Jahr 1955 Iris von Roten in der Nähe des Hauptbahnhofs anhielten. «Sie sind eine Gefahr für die Öffentlichkeit, Sie haben provoziert», beschieden sie der Juristin und Journalistin, die gerade mit dem letzten Zug aus Basel eingetroffen war und wohl mit ihrer eleganten Kleidung «provoziert» hatte. Von Roten landete auf dem Polizeiposten.

Die Feministin machte den Fall in der NZZ publik, ohne auf viel Resonanz zu stossen. Ganz anders drei Jahre später, als von Roten «Frauen im Laufgitter» veröffentlichte. Das Buch wurde zum breit diskutierten Politikum, es brachte der Autorin Berühmtheit, aber auch viel Hass ein: Selbst der Bund Schweizerischer Frauenvereine warf von Roten vor, sie sei mitschuldig daran, dass 1959 die erste Volksabstimmung zum Frauenstimmrecht verloren ging.

Dieses sollte die Schweiz erst 1971 einführen, und anlässlich des Fünfzig-Jahr-Jubiläums zeigt der Strauhof in Zürich nun eine Ausstellung, die um von Rotens feministisches Pamphlet kreist. Die Schau ist eher klein, dafür hat sich die kuratierende Theatergruppe Mass & Fieber viele Gedanken gemacht, wie ein voluminöser Text von rund 600 Seiten anschaulich präsentiert werden kann.

Frauenarbeit: Schön billig

Der Rundgang beginnt mit einem Reprint des NZZ-Artikels samt eines Triptychons der Illustratorin Anna Sommer, das die Festnahme von Rotens zeigt. Auf Leinwänden sind Schauspielerinnen zu sehen, die Passagen aus dem ersten Kapitel von «Frauen im Laufgitter» rezitieren: «Weibliche Berufstätigkeit in einer Männerwelt». Darin prangert die Autorin etwa die Unterschiede in der sozialen Wertschätzung für männliche (Arzt) und weibliche (Krankenschwester) Pflegearbeit an, was ein halbes Jahrhundert später kaum anders ist.

Herzstück der Schau ist der Raum nebenan, in dem auf vier rosafarbenen Wänden Sätze aus «Frauen im Laufgitter» zur «Haushaltsfron» oder Fragen der Sexualität stehen. Neben den Zitaten prangen feministische Plakate («Women: Like men, only cheaper») und Comicstrips, deren Sprechblasen wiederum mit Zitaten von Rotens gefüllt sind. Dort begegnet man etwa ihren Überlegungen zur sozialen Stigmatisierung der Menstruation oder ihrer Idee für eine ausschliesslich von Männern finanzierte Mutterschaftsversicherung: Immerhin wurden alle Männer geboren, also warum dafür nicht mal etwas zurückzahlen?

Die Gedankenwelt der Autorin lässt sich so zwar nicht systematisch erschliessen, aber die Collage vermittelt einen Eindruck von Stil und Interessen. In der Mitte des Raums ist das Originalmanuskript von «Frauen im Laufgitter» ausgestellt. Im zweiten Teil der Schau im ersten Stock ist zudem ein erst 2020 entdeckter Manuskriptteil zu sehen, in dem es um Mode und Geschlecht geht. Auch OriginalleserInnenbriefe werden gezeigt: Als «Schöpferin eines Pionierwerkes» werde sie in die Geschichte eingehen, pries ein 72-jähriger männlicher Fan die Autorin.

Am Anfang knallt es

Iris von Roten kommt auch in der «Frauen.Rechte»-Ausstellung im Zürcher Landesmuseum vor, wenn auch nur beiläufig – immerhin will die Schau ihren Gegenstand «von der Aufklärung bis in die Gegenwart» beleuchten. Der Rundgang beginnt mit Pipilotti Rists ikonischem Video «Ever Is Over All» von 1997: Eine Frau tänzelt ein Trottoir entlang, eine grosse Blume in der Hand. Diese erweist sich allerdings als Knüppel, mit dem die Frau Fensterscheiben parkierter Autos einschlägt, dazu ertönt ein meditativer Singsang.

Der Auftakt verheisst Subversives, was in den von der Decke hängenden Bannern mit feministischen Parolen fortgesponnen wird – und auch in einzelnen Exponaten wie dem Peniswärmer für Männer, den die Zürcher Künstlerin Doris Stauffer in den siebziger Jahren gestrickt hat. Ansonsten gibt es viel zu lesen – was nun nicht allzu sinnlich ist, aber einen guten historischen Überblick vermittelt. So wird im Teil zur Aufklärung dargestellt, dass die Forderung nach Menschenrechten nicht so universell war, wie man denken könnte: Frauen waren in der Regel nicht mitgemeint, wogegen etwa die französische Revolutionärin Olympe de Gouges anschrieb. Nicht weit davon entfernt hängt die Schweizerische Bundesverfassung, in der es heisst, dass «alle Schweizer» vor dem Gesetz gleich seien. Das Bundesgericht stellte in einem Urteil 1887 klar, dass hier die maskuline Form ebenfalls nicht generisch zu verstehen sei.

Kämpferisch stimmt der abschliessende Teil, der den neueren Frauenbewegungen auf der Strasse gewidmet ist. Der Rundgang endet mit Aufnahmen vom Frauenstreik 2019, auch ein «Pussyhat» wird gezeigt – die pinke Mütze, die zum Symbol der aufflammenden Proteste während der Präsidentschaft Donald Trumps wurde. Die feministische Bewegung mag inzwischen zwar im Museum gelandet sein, aber auch hier bleibt sie ganz schön lebendig.

«Iris von Roten – Frauen im Laufgitter»: Zürich, Strauhof. Bis 30. Mai 2021.

«Frauen.Rechte. Von der Aufklärung bis in die Gegenwart»: Zürich, Landesmuseum. Bis 18. Juli 2021.

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