Nr. 39/2017 vom 28.09.2017

Vor dem Wetter auf der Flucht

Der «Atlas der Umweltmigration» zeichnet dramatische Folgen des Klimawandels und weniger dramatische wetterbedingte Bevölkerungsbewegungen nach: Von der Landflucht in Ghana bis zu US-amerikanischen SeniorInnen, die es in den «Sunshine State» Florida zieht.

Von Daniel Hackbarth

Über mangelnden politischen Rückhalt in der Politik können sich die LeugnerInnen des Klimawandels nicht beklagen – mit Donald Trump sitzt ein Mann im Weissen Haus in Washington, der die Warnungen vor der Erderwärmung für einen «hoax» hält, einen Schwindel also. Anfang Juni erst hat der US-Präsident den Austritt der Vereinigten Staaten aus dem Klimaabkommen von Paris erklärt.

Vermutlich würde Trump in Sachen Umweltpolitik selbst dann nicht anders denken, wenn er schon einmal den Norden Ghanas bereist hätte. Dabei hat vor allem diese Region des afrikanischen Landes einen beispiellosen Temperaturanstieg erlebt: Gab es dort 1960 noch 36 Tage mit extremer Hitze, so hatte sich diese Zahl bereits im Jahr 2003, als 84 extrem heisse Tage gezählt wurden, mehr als verdoppelt. Mit schwerwiegenden Konsequenzen: So macht die lange Trockenzeit die landwirtschaftliche Kultivierung des Bodens deutlich schwieriger, was zur Abwanderung der Bevölkerung in Städte führt. Hier, am Rand der Sahelzone, sind die gewaltigen Folgen des Klimawandels sichtbar.

Kein neues Phänomen

Derartige Beispiele finden sich im «Atlas der Umweltmigration» zuhauf. Die drei AutorInnen Dina Ionesco, Daria Mokhnacheva und François Gemenne, die zur Problematik forschen, führen im Band vor Augen, dass der Klimawandel bereits jetzt vor allem in den sogenannten Entwicklungsländern das Leben zahlreicher Menschen einschneidend verändert hat. Der Fokus des Atlanten liegt dabei auf Wanderungsbewegungen, die durch die Veränderung der Wetterverhältnisse verursacht werden – kurz: Umweltmigration.

Prinzipiell ist diese kein neues Phänomen, Klimaveränderungen haben die Menschen seit jeher zur Migration gezwungen, auch wenn der gegenwärtige globale Temperaturanstieg dieses Problem gewaltig verschärfen dürfte. Doch schon in den dreissiger Jahren förderten zahllose Staubstürme in den USA die Bodenerosion und verringerten so die landwirtschaftlich nutzbare Fläche; viele FarmerInnen aus Oklahoma, Texas und Arkansas mussten ihre Betriebe aufgeben und nach Westen weiterziehen. Mit rund 2,5 Millionen MigrantInnen war die sogenannte «Dust Bowl Migration» die bedeutendste Wanderungsbewegung in der US-Geschichte.

Wer migriert überhaupt – und warum?

In den politischen wie akademischen Diskussionen fristete das Phänomen der Umweltmigration trotzdem lange ein Schattendasein. Klimaflüchtlinge sind bis heute nicht durch die Genfer Flüchtlingskonvention anerkannt. Stattdessen dominiert ein binäres Verständnis von Migration: Demnach gibt es Menschen, die entweder aus politischen Gründen zur Wanderung gezwungen sind oder eben aus wirtschaftlichen Motiven. Die Debatten anlässlich der «Flüchtlingskrise» 2015 machten deutlich, wie stark diese Schablonen nach wie vor wirken – obwohl «eine solche Unterscheidung der Realität der Migrationsdynamik, in der politische, wirtschaftliche und Umweltfaktoren verwoben sind, nicht standhält», wie die AutorInnen betonen.

Allerdings ist auch der Begriff «Umweltmigration» unscharf; eine juristische oder international anerkannte Definition gibt es nicht, weswegen häufig auf die Begriffsbestimmung der Internationalen Organisation für Migration (IOM) zurückgegriffen wird. Dieser zufolge sind UmweltmigrantInnen «Personen oder Personengruppen, die aufgrund plötzlicher oder fortschreitender deutlicher Veränderung der ihr Leben beeinflussenden Umwelt- und Lebensbedingungen gezwungen sind oder sich veranlasst sehen, ihr Zuhause zu verlassen, sei es zeitweise oder permanent, und die sich innerhalb ihres Heimatlandes oder über dessen Grenzen hinaus bewegen».

Abgesehen von der technischen Ausdrucksweise ist diese Definition sehr weit gefasst, sodass kurioserweise damit auch das Phänomen, dass in den USA jedes Jahr viele RentnerInnen in den «Sunshine State» Florida ziehen, um dort bei angenehmen Temperaturen ihren Lebensabend zu verbringen, als Umweltmigration gilt. Zweifellos gibt es dramatischere Fälle als sonnenhungrige SeniorInnen – etwa Wanderungsbewegungen infolge geophysikalischer Katastrophen, also Erdbeben, Tsunamis oder Vulkanausbrüchen, die allein 2008 fast 16 Millionen Menschen zur Flucht zwangen.

Problematische Prognosen

Die exakten quantitativen Dimensionen sind dabei nur schwer zu beziffern. Schätzungen gehen davon aus, dass seit 2008 im Durchschnitt 26,4 Millionen Menschen infolge von Umwelt- und Klimaveränderungen vertrieben wurden. Vor allem Prognosen sind jedoch schwierig. Die immer wieder kolportierte Zahl von den bis zum Jahr 2050 zu erwartenden 200 Millionen MigrantInnen ist unseriös, allein schon weil solche Vorhersagen die Multikausalität von Migration ausblenden, da ja auch etwa politische Entscheidungen ausschlaggebend dafür sind, wie sich die kommenden Jahrzehnte entwickeln werden.

Insgesamt bietet der Atlas nicht nur eine Fülle von Informationen, sondern auch schön gestaltete Karten; die meisten der zur Illustration verwendeten Fotos sind überaus sehenswert. Weniger geglückt sind dagegen die Infografiken, die mitunter derart mit Datenmaterial vollgepackt sind, dass sie für den Leser, die Leserin nur mit Mühe zu entschlüsseln sind. Dasselbe gilt für den akademischen Jargon der AutorInnen, die im Überfluss Begriffe wie «Vulnerabilität» oder «Bewältigungsstrategien» gebrauchen.

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