Nr. 40/2017 vom 05.10.2017

Fort nach Banja Luka

Eine Korrektorin aus St. Gallen berichtet über die Sparschlinge der NZZ-Regionalmedien, die sich immer enger zuzieht.

Von Barbara Guth

Déjà-vu. Letztes Jahr neun Entlassungen in der Druckvorstufe. Argument der NZZ-Geschäftsleitung: Einbruch des Werbemarkts, Einsparungen. Konsequenz: Auslagerung der Bearbeitung der Inserate und Todesanzeigen nach Deutschland sowie Automatisierung eines Teils der Bildbearbeitung. Vorletzte Woche: gleiche Begründung. Wiederum neun Entlassungen. Diesmal in den Korrektoraten der NZZ-Regionalmedien in St. Gallen und Luzern. Die Regionalteile sollen nach Deutschland ausgelagert werden, heisst es.

Solche Einsparungen schmerzen. Loyalität von unten nach oben wird erwartet – das Umgekehrte: entschwunden. Ein Teamkollege wird nach vierzig Jahren beim «St. Galler Tagblatt» knapp zwei Jahre vor seiner Pensionierung entlassen. Er war immer bereit, Mehrarbeit zu leisten, in einem sich in letzter Zeit sowieso stetig reduzierenden Team, in dem nach Pensionierungen respektive Kündigungen die Stellen nicht wiederbesetzt wurden. Solche Schicksale schmerzen.

Später heisst es, dass die Regionalteile in Bosnien korrigiert werden. Die deutsche Firma mit Zweigstelle in Banja Luka sucht noch Mitarbeitende: Laut Stelleninserat «möchten wir ein internationales Team aus Germanisten bzw. Muttersprachlern in Bosnien, Peru und gegebenenfalls in Indien aufbauen». «Off the job» darf auch gearbeitet werden, wohl zu ortsüblichen Löhnen, damit der «Zwischenhandel» über Deutschland rentiert.

Wenn Maria plötzlich zu Marie wird

Diese Auslagerung spricht unseren Teams jegliche Sprachkompetenz ab. Auch das schmerzt. Für die Arbeit als Korrektorin reicht es nicht, geradeaus Deutsch lesen oder den Nominativ vom Akkusativ unterscheiden zu können. Es genügt auch nicht zu wissen, dass ein Satz in der Regel mindestens aus Subjekt, Prädikat und Objekt besteht. Oder ein paar Helvetismen auswendig zu lernen. Das wäre, wie wenn Giorgio Contini als Trainer des FC St. Gallen zu Real Madrid wechselte. Oder jemand in den Ferien drei Sätze Italienisch spricht und glaubt, als ÜbersetzerIn tätig sein zu können. Korrigieren und das Wissen um sprachliche Feinheiten gehen über den Duden hinaus.

Konzentriertes Korrigieren über mehrere Stunden ist höchst anspruchsvoll. Nebst Schreibfehlern, Grammatik, Interpunktion und korrekten Trennungen beachten wir einheitliche Schreibweisen, etwa «Cup-Spiel» und «Cupspiel» oder wenn Maria plötzlich zu Marie wird. Wir checken den Textlauf visuell, vermeiden einsilbige Abtrennungen. Manchmal stimmen Daten nicht, wurde falsch gerechnet, fehlen Zwischentitel. Dann geht der Text retour an die Redaktion. Ebenso, wenn Bezüge falsch oder Wiederholungen drin sind.

Natürlich ist schnell mal etwas überlesen, das Gehirn greift korrigierend ein, liest automatisch richtig. Das passiert. Je nach Zeitdruck.

Das heisst auch: Wenn wir von zehn Fehlern in einem 2000-Zeichen-Artikel neun korrigiert haben, haben wir zwar zu neunzig Prozent gut gearbeitet, ist jedoch der zehnte Fehler von Bedeutung, haben wir Pech. Und es passieren Fehler. Zum einen, weil die JournalistInnen am Rumrennen sind. Zum anderen, weil Deadlines existieren, die von Korrektorat und Layout einzuhalten sind. Eines zieht das andere nach sich. Zudem gibt es einen Unterschied zwischen «normalem» Tagesgeschäft und Zu-korrigieren-zu-Haben im Akkord. Letzteres bedeutet Druck im Sinne von möglichst fehlerfreier Bewältigung des Artikelstroms innert nützlicher Zeit. Wie auch immer: Fehler bleiben am Korrektorat hängen.

Nächstes Jahr am selben Punkt?

Der Einbruch des Werbemarkts in den Printmedien wird fortschreiten. Wünschenswert wären nun kreativ-innovative Ideen, um dies abzufedern beziehungsweise die eigenen regionalen und lokalen Medien zu stärken. Ebenso bräuchte es weitsichtiges Querdenken, das über Strategien hinausgeht, die in der sich schnell wandelnden digitalen Welt mit den entsprechend wechselnden Bedürfnissen der Kundschaft rasch wieder passé sind. Sonst stehen wir nächstes Jahr wieder am gleichen Punkt.

Wir werden jetzt aber nicht täubele, werden wieder Arbeitszeiten umstellen, uns den Umständen anpassen, unsere Arbeit weiter möglichst gut machen. Auch wenn es sein kann, dass nächstes Jahr allenfalls wir selber vor der Entlassung stehen.

Mitunterzeichnende aus dem Korrektorat St. Gallen, NZZ Media Services AG: Ruth Hochreutener, Sandra Wyss, Edith Keim, Ulla Fässler.

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