Nr. 27/2020 vom 02.07.2020

Fehlermehldung!

Das professionelle Korrektorat fällt bei vielen Medienkonzernen mehr und mehr der Sparwut zum Opfer. Besonders eifrig geht dabei die TX Group vor.

Von Karin HoffstenMail an AutorIn

In manchen Branchen können Fehler tödlich sein, wie in der Medizin oder im Flugverkehr. Im Journalismus führen inhaltliche Fehler schlimmstenfalls zu Korrigenda, Entschuldigungen oder Gerichtsverfahren, während sprachliche Fehler meist bloss ärgerlich und manchmal sogar komisch sind, indem sie dem Geschriebenen neuen Sinn verleihen. Zu Tode kommt niemand.

Fehler passieren immer – wie man damit umgeht, macht den Unterschied. Doch die Entschlossenheit, den LeserInnen ein sprachlich gepflegtes Produkt zu verkaufen, bröckelt auch bei den sogenannten Qualitätsmedien. Bei Tamedia, dem für die «Bezahlmedien» zuständigen Teil der TX Group, gelten seit dem 1.  Juli neue Produktionsabläufe. Schon seit einiger Zeit erscheinen viele Texte zuerst online, werden dafür einmal korrekturgelesen und später in die gedruckte Zeitung abgefüllt. Ein zweites Mal gelesen, im Fachjargon «revidiert», werden nun bei den Printzeitungen nur noch die Titelseiten. Alles, was nur gedruckt erscheint, wie LeserInnenbriefe, Kurz- und Agenturmeldungen oder Veranstaltungshinweise, durchläuft gar keine Korrektur mehr. Das kann dann zu einem Titel führen, wie er am Montag auf der Kehrseite des «Tages-Anzeigers» erschien: «Unbekannte erschiessen Mann bei Gedenken an getöteter Schwarzer.»

Es ändere sich ja gar nicht viel, sagt dazu Nicole Bänninger, Mediensprecherin bei Tamedia, denn im Print kämen ohnehin hauptsächlich Texte, die auch online erscheinen, also bereits korrigiert worden seien.

Sparen heisst jetzt «schärfen»

Letzte Woche kündigte die NZZ-Mediengruppe an, zwecks «Strategieschärfung im Zeichen der Transformation» in den nächsten Jahren zehn Prozent oder dreizehn Millionen Franken einsparen zu wollen; und die TX Group versprach am Montag, «die Effizienz durch Standardisierung und Automatisierung zu steigern», indem man bis 2023 die Kosten um zwanzig Prozent oder zwanzig Millionen Franken reduziere.

Ausreichend besetzte Korrektorate waren bis vor einigen Jahren selbstverständlicher Bestandteil jedes seriösen Medienbetriebs. Im Rahmen neoliberaler Sparübungen werden sie nun entweder in Länder mit niedrigerem Lohnniveau ausgelagert, wie schon vor Jahren bei der NZZ, oder bis zur Auflösung minimiert.

Ein ehemaliger Mitarbeiter des «Bunds» erinnert sich, dass Pietro Supino, Verleger und Verwaltungsratspräsident der TX Group, schon 2017 im Rahmen eines «Qualitätsmonitorings» in einer Redaktionssitzung sinngemäss äusserte: KorrektorInnen brauche es nicht, JournalistInnen müssten selber fehlerfrei schreiben können. Dafür würden sie schliesslich gut bezahlt.

Das zeugt von einem originellen Berufsverständnis. KorrektorInnen haben eine hoch qualifizierte Ausbildung und sind nicht nur fürs Ausmerzen von Tippfehlern wie «Fruchbehälter» und «Trännenbrünneli» oder die korrekte Kommasetzung zuständig, wie sie zum Beispiel hier versäumt wurde: Da «schillert noch das alte, Logo, das so schnell nicht ausgewechselt» wurde – logo, gäll?! KorrektorInnen bemerken auch die Redundanzen in «Abstands- und Distanzregeln» und überprüfen politische und geografische Besonderheiten ebenso wie die Schreibweise ungewohnter Namen. Sie denken mit und fragen nach. Aber nur, wenn sie genügend Zeit haben. (Alle Beispiele aus dem «Tages-Anzeiger».)

Es wird leer auf der Galeere

Im Korrektorat des «Tages-Anzeigers» hätten vor zwanzig Jahren noch 42 Personen gearbeitet, erzählt ein ehemaliger Mitarbeiter, vom einstigen Arbeitsplatz spricht er heute als «Galeere». Es sei immer mehr in immer kürzerer Zeit verlangt worden. Heute hat sich die Anzahl Mitarbeitender halbiert, wie viele Stellenprozente diese sich teilen, war nicht herauszufinden.

Eigentlich kanns ja beim «Tages-Anzeiger» nicht mehr schlimmer werden. Mit dessen Output an Irrtümern liesse sich unsere Rubrik «WOZ News» auf der letzten Seite locker allein füllen. Um uns die Arbeit dort wirklich zu erleichtern, müssten die Fehler allerdings witziger werden.

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