Nr. 41/2017 vom 12.10.2017

Aus den Augen, aus dem Sinn

Von Daniela Janser

Am 5. Oktober gab die Zürcher Staatsanwaltschaft bekannt, dass das Verfahren gegen den ehemaligen Sonderschullehrer der Nation, Jürg Jegge, eingestellt werden solle, weil die Missbrauchsvorwürfe gegen ihn verjährt seien. Am selben Tag zeigte das Schweizer Fernsehen den Dokfilm «Das System Jegge. Missbrauch im Schatten der Reformpädagogik». Die SRF-Journalistin Karin Bauer befragt darin – im Gegensatz zur Staatsanwaltschaft – auch Mitarbeiter und Aufsichtsinstanzen der Stiftung Märtplatz im Zürcher Unterland.

Ob es auch an diesem letzten Wirkungsort Jegges, wo Lehrlinge in Schwierigkeiten eine zweite Ausbildungschance erhalten, zu Übergriffen gekommen ist, müsste genauer untersucht werden. Sie wären unter Umständen noch nicht verjährt. Ein ehemaliges Missbrauchsopfer, das von Bauer etwas gar plakativ vor einem Berg leerer Bierdosen befragt wird, macht entsprechende Aussagen. Was der Dokfilm ausserdem aufzeigt: An der Stiftung Märtplatz wurden ehemalige Missbrauchsopfer wie Markus Zangger als Lehrer eingestellt. Zangger hat dieses Frühjahr mit dem Buch «Jürg Jegges dunkle Seite» die sexuellen Übergriffe publik gemacht.

Missbrauchte ehemalige Schüler als abhängige und unqualifizierte Lehrer, aber auch Behördenvertreter und einstige Lehrerkollegen, die sich bis heute ahnungslos geben, obwohl sie schon damals wussten, dass Jegge Schüler zu sich nach Hause und in die Ferien mitnahm: All das nährt Karin Bauers starke These von einem geschlossenen System, das in aller Öffentlichkeit reibungslos funktionierte. Bestsellerautor Jegge war jahrelang auch ein Medienstar, der mit seinen Schülern prominent im Fernsehen auftrat.

Die hässlichste Dimension dieses perversen Systems kommt im gut recherchierten SRF-Dokfilm indes nur beiläufig zur Sprache: Man war schlicht froh, dass jemand sich dieser «schwierigen» Schüler und Lehrlinge annahm. Waren sie erst einmal in einer von Jegges Kleinklassen untergebracht, schloss man offenbar erleichtert die Tür und schaute nicht mehr hin, obwohl es viele Anzeichen gab, dass da etwas nicht stimmte: Hauptsache, die Störenfriede waren versorgt.

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