Nr. 42/2017 vom 19.10.2017

Weinstein weg, alles gut?

Die plötzliche Einigkeit und Entrüstung über Harvey Weinsteins sexuelle Übergriffe verdeckt ein grundsätzlicheres Problem.

Von Daniela Janser

Nach jahrzehntelanger Stille kam fast über Nacht eine immer lauter werdende Empörung. Am Sonntagmorgen schickte auch noch die BBC eine ihrer raren Push-Meldungen in die Welt hinaus: Harvey Weinstein sei von der Oscar-Akademie ausgeschlossen worden, wurde vermeldet. Zuvor hatte der erfolgreiche Hollywoodprozent, der als einer der meistverdankten Menschen in der Geschichte der Oscar-Verleihungen gilt, schon seinen Chefposten bei der Produktionsfirma Weinstein Company räumen müssen.

Anfang Oktober waren Weinstein in der «New York Times» und im «New Yorker» in wasserdicht recherchierten Geschichten zahlreiche sexuelle Übergriffe vorgeworfen worden. Schauspielerinnen erzählten, wie er sie mithilfe von AssistentInnen in Hotelzimmer oder dunkle Winkel gelockt und mannigfach sexuell bedrängt hatte. Auch Vergewaltigungsvorwürfe stehen im Raum. Bis heute kommen weitere Fälle hinzu. Weinsteins Druckmittel war stets seine Macht als Filmproduzent, der fast nach Belieben Karrieren befördern oder abwürgen konnte.

Im Windschatten all der erpressten und attackierten Frauen, die nun endlich medial Gehör finden, hatten plötzlich auch viele andere ein Statement parat: MitarbeiterInnen von Weinstein, Schauspieler, Regisseure. Sie überschlugen sich regelrecht in Beteuerungen, nichts gewusst zu haben, publizierten entsetzte Empörungs- und Anklageschreiben und solidarisierten sich zum Teil auch mit den Frauen.

Machtgefüge aus Alphamännern

Nach mehreren Tagen im Strom dieser Empörungsäusserungen kann man sich eines Verdachts kaum erwehren: Die Effizienz, mit der Weinstein nun verurteilt wird, steht in einem direkten, aber umgekehrt proportionalen Verhältnis zum Schweigen und zur feigen Tatenlosigkeit zuvor. Einmal mehr hätte man schon viel früher wissen können, was da vor sich ging hinter einer vielgestaltigen Mauer des Schweigens.

Nachdem die Geschehnisse endlich publik gemacht worden waren, hiess es auf einmal, Weinsteins Übergriffe seien eines der am schlechtesten gehüteten Geheimnisse Hollywoods gewesen. Frauen hatten sich untereinander jahrelang gewarnt vor Weinstein, bloss wollte ihnen niemand zuhören. Doch nun konnte man plötzlich davon profitieren, lautstark das zu denunzieren, worüber man zuvor eisern und einträglich geschwiegen hatte.

Im aufbrausenden Sturm der Entrüstung ist aus Weinstein, der sich gern jovial grinsend mit «seinen» Stars ablichten liess, jäh das Monster Weinstein geworden. Dieses Monster wird jetzt mit einer Heftigkeit denunziert, die ahnen lässt, dass es um mehr geht als um einen einzelnen Sextäter. An ihm soll ein gründliches Exempel statuiert werden, er wird nun quasi stellvertretend verdammt und verjagt. Stellvertretend für ein viel grösseres, strukturell sexistisches und übergriffiges System, das ins Visier genommen werden müsste: ein weit über Hollywood hinauswucherndes Gefüge aus Alphamännern, die ihre Macht gezielt einsetzen, um Sex zu erpressen. Teil des Problems ist auch, dass weiterhin mehrheitlich Männer an den Schaltstellen der Macht sitzen, was ein solidarisches Schweigen unter Kollegen befördert.

In «Sexsucht»-Behandlung

Das Beschweigen setzt auch bereits wieder ein. Wenn die französische Schauspielerin Léa Seydoux in ihrem Statement zu Weinsteins Übergriff betont, dass sie gleich von mehreren Regisseuren ähnliche Geschichten erzählen könnte, scheint das keine weiteren Folgen für die relativ unschwer identifizierbaren Herren zu haben. Immerhin gibt es nun im Netz eine weltweite «Me too»-Aktion, in der Frauen erlebte Übergriffe auflisten. Dazu kommen einzelne kluge, weil nachhakende Artikel, etwa der von Julian Dörr in der «Süddeutschen Zeitung». Seine These: «Wer Missbrauch verhindern will, darf Feminismus nicht belächeln.»

Und Weinstein selbst? Es heisst, er habe sich in eine Klinik irgendwo in Europa einliefern lassen, um seine «Sexsucht» behandeln zu lassen. Echtes Schuldbewusstsein und Reue sähen anders aus. Und er wäre nicht der Erste in den puritanischen USA, der sich mit einem Aufenthalt in einer teuren Reha von allen Sünden reinwaschen möchte, um dann als strahlender Geläuterter erneut ins Rampenlicht zu drängen.

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