Nr. 41/2017 vom 12.10.2017

Ein Blick in den Hort des Grauens

Atemlose Monologe: In «Schildkrötensoldat», dem neuen Roman von Melinda Nadj Abonji, erzählt ein junger Mann in poetischer Sprache von der Brutalität des Krieges.

Von Silvia Süess

Entwickelt einen magisch-verstörenden Sog: Melinda Nadj Abonji. Foto: Gaëtan Bally

Blumen wachsen aus dem blutenden Kopf des Jungen, nachdem er wie ein Mehlsack vom Motorrad des Vaters gefallen ist. Das sei der Anfang vom Ende gewesen, ist der Vater überzeugt, an dem Tag sei Zoltán oder Zoli, wie er ihn nennt, blöd geworden «wie eine Kanone».

Seither schiessen dem Jungen die Wörter nur so aus dem Mund. Er trägt seine Gedanken auf der Zunge, redet ungefiltert und doch unglaublich präzise und poetisch. Sein Umfeld weiss das jedoch nicht zu schätzen – im Gegenteil: Mit seinen atemlosen Monologen verärgert er es nur.

«Ein Stumpfer, ein Gehorcher»

Zoli ist der Protagonist und einer von zwei Ich-ErzählerInnen in Melinda Nadj Abonjis neuem Roman «Schildkrötensoldat». Wie ihr letzter Roman «Tauben fliegen auf», mit dem die in Zürich lebende Autorin 2010 sowohl den Schweizer wie auch den Deutschen Buchpreis gewonnen hat, spielt auch ihr neues Buch zu einem grossen Teil in der Vojvodina, der nördlichsten Provinz Serbiens. Und wie in ihrem letzten Roman erzählt Nadj Abonji vom Krieg und davon, wie sich dieser unauslöschbar in die Menschen einprägt und deren Biografien umschreibt.

Zoli ist, während wir ihn reden hören, bereits gestorben. Keine 22 Jahre alt ist er, als er 1992, während in Jugoslawien der Krieg tobt, ums Leben kommt – zu Hause. Vermutlich bei einem epileptischen Anfall beim Essen erstickt. Seine in der Schweiz lebende Cousine Anna – oder Hanna, wie Zoli sie nennt – nimmt den Tod zum Anlass, zurück in ihre alte Heimat zu reisen. Sie möchte wissen, wann Zolis Sterben begonnen hat.

Abwechselnd erzählt Nadj Abonji die Kapitel aus Annas und aus Zolis Sicht. Während sie für Anna eine eher nüchterne, klare Erzählsprache gewählt hat, entwickelt Zolis malerische Sprache einen magischen Sog und ist unglaublich verstörend. Denn Zolis kurzes Leben war geprägt von Gewalt – zu Hause, bei der Arbeit und schliesslich im Militär, in das ihn seine Eltern gegen seinen Willen schicken: «Du wirst jetzt Soldat, sagte mein Vater ohne Kittel im Pyjama mit nackten Füssen und Dreck unter den Nägeln / aber es ist doch Krieg, habe ich – ich habe es gesagt – ach was, du kommst in die Kaserne, die trainieren dich fit! und du wirst ein richtiger Mann, sagte meine Mutter mit flötender Stimme, ein richtiger Mann und ein Held, wie ihn die Lieder besingen, ja!» Doch Zoli wird weder zum richtigen Mann noch zum Helden, sondern «ein Stumpfer, ein Gehorcher, ein Stiefelidiot ist aus mir geworden».

Was in der Kaserne mit Zoli gemacht wird, davon handelt ein grosser Teil von Nadj Abonjis Roman. Mit Zolis Augen blicken wir in die menschengemachte Hölle, wo ihn die anderen Soldaten demütigen und seine Vorgesetzten ihn quälen. Es ist ein Hort des Grauens, wo Menschen zu kriegstauglichen, gefühllosen Mördermaschinen geformt werden. Bis zuletzt hofft Zoli, dass seine Eltern ihn abholen. Doch sie kommen nicht, denn auch davon handelt «Schildkrötensoldat»: vom Verrat der Eltern an ihren Kindern – ein Thema, mit dem sich Nadj Abonji in ihrem Debütroman «Im Schaufenster im Frühling» (2004) auseinandergesetzt hat.

In einem Interview mit der WOZ sagte Melinda Nadj Abonji vor ein paar Jahren: «Mich interessiert immer die Sprache, die Frage, wie das Erzählte sprachlich ausgestaltet wird.» Auch ihr Protagonist liebt die Sprache und ist fast schon besessen von einzelnen Wörtern. Seine Leidenschaft gilt – neben dem Hegen seines Gartens – denn auch dem Kreuzworträtsellösen. Er nimmt die Wörter auseinander, reflektiert über ihre exakte Bedeutung, und als seine Eltern fluchen und schimpfen, kriecht er auf dem Boden umher, um die schlechten Wörter aufzuheben.

Doch im Militär verstummt er endgültig: «Ich lege meinen Kopf auf den Tisch, kritzle weiter, beisse mir auf die Lippen, damit nichts, aber auch gar nichts über meine Lippen kommt, kein Schrei, kein Lied, nichts, ganz bestimmt ist aber alles in mir enthalten, für immer.»

Zwischenhalt in Wien

Sieben Jahre mussten wir auf Melinda Nadj Abonjis neues Buch warten. Während dieser Zeit hat sie Texte veröffentlicht, ist als Performerin aufgetreten, hat sich für die Wiederveröffentlichung der Bücher der Schweizer Autorin Mariella Mehr eingesetzt und für den Nationalrat auf der Liste «Kunst und Politik» kandidiert. Und seit Jahren engagiert sie sich für das Recht von entrechteten geflüchteten Menschen in der Schweiz (siehe WOZ Nr. 38/2017).

«Der Mensch ist eben nur ein Tier und auch die Führer sind nur Tiere, wenn auch mit Spezialbegabung», lässt Ödön von Horváth den im Krieg verletzten Soldaten in «Ein Kind unserer Zeit» sagen. Dieses 1938 erschienene Buch findet Anna auf der Reise von Zürich in die Vojvodina zu Zoli während eines unfreiwilligen Zwischenhalts in Wien. Wie Zoli beschreibt von Horváths Soldat in lyrischer Sprache, doch sehr realistisch die Brutalität des Krieges. Und wie der Soldat ist auch Zoli, heute, achtzig Jahre später, ein Kind unserer Zeit.

Buchvernissage: Freitag, 27. Oktober 2017, 20 Uhr, im «Kosmos» in Zürich. www.kosmos.ch

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