Nr. 41/2017 vom 12.10.2017

«Schrecklich hinterlistige Biester»

Von Tier und Mensch: In seinem neuen Buch, «Gewalt und Mitgefühl», gibt Robert Sapolsky einen Überblick über die Biologie des menschlichen Verhaltens.

Von Matthias Martin Becker

Robert Sapolsky begann seine Karriere als Fan. Die strenggläubige jüdische Familie hielt den Jungen von den gefährlichen und sündigen Strassen Brooklyns fern; er verbrachte die Nachmittage stattdessen in seinem Zimmer und las. Er las über Affen, am liebsten über Gorillas, und zwar alles, was er erreichen konnte. «Ich war der typische menschenfeindliche minderjährige Intellektuelle», verriet er später; heute würden wir ihn wohl einen Nerd nennen.

Mit vierzehn Jahren schrieb Sapolsky Fanbriefe an AffenforscherInnen und studierte einschlägige wissenschaftliche Publikationen. Mit 21 Jahren ging er nach Ostafrika, wo er jahrzehntelang eine wilde Pavianhorde beobachtete.

Das innere Tier entdecken

Besonders interessierte sich Sapolsky für Gewalt, Hierarchie und ihre körperlichen Entsprechungen in Kreislauf und Stoffwechsel. Seine Forschungsergebnisse haben die Primatologie und Endokrinologie (Hormonkunde) verändert. Der enge Zusammenhang zwischen Rangordnung und Stress, die bedeutende Rolle der Hormone der Nebennierenrinde (unter anderem Androgene und Cortisol), das Zusammenspiel von psychischer Belastung, Hirnstoffwechsel und Immunreaktion, all diese Erkenntnisse gehen auch auf ihn zurück. Von der adoleszenten Faszination zur wissenschaftlichen Meisterschaft – diese Geschichte mag Eltern beruhigen, deren Kinder sich obsessiv mit entlegenen Phänomenen beschäftigen, anstatt an die frische Luft zu gehen: Wozu es gut ist, zeigt sich vielleicht später. «Das wird Sie jetzt wahrscheinlich schockieren», erklärte Sapolsky einmal lakonisch in einem Interview, «eigentlich kann ich Paviane gar nicht leiden. Schrecklich hinterlistige, zwanghafte Biester!»

Sein vor kurzem erschienenes Buch «Gewalt und Mitgefühl» umfasst den Inhalt einer Einführungsvorlesung in die Verhaltensbiologie. Umfangreiche Anhänge vermitteln weitere Grundlagen zu Neurologie, Proteinen und Endokrinologie. Sapolsky erklärt und ordnet ein, verteilt Lob und manchmal auch milden Tadel an seine FachkollegInnen, so wie es einer wissenschaftlichen Koryphäe gebührt. Dieses Buch verschafft Orientierung, denn Sapolsky besitzt das Talent, Sachverhalte so einfach zu erklären, dass deutlich wird, wie vielschichtig und verwickelt sie in Wirklichkeit sind.

Wenn Tier und Mensch einander ansehen, geschieht Merkwürdiges. Sie sehen einen Verwandten. Beide erkennen im anderen eine fühlende Seele und gleichzeitig ein nahrhaftes Abendessen – oder eine tödliche Gefahr. Seit sich die Menschen die Erde untertan gemacht haben und in ihrem Alltag weder nützlichen noch gefährlichen Tieren mehr begegnen, neigen sie dazu, den anderen Geschöpfen alle möglichen Motive und Fähigkeiten zu unterstellen. «Anthropomorphisierung» lautet der Fachbegriff. Die Neigung umfasst das Verniedlichen und Verharmlosen sowie das Dämonisieren, das Motiv des treuen Gefährten ebenso wie das der reissenden, bösartigen Bestie.

Zwischen den Stühlen

Die Anthropomorphisierung der Tiere hat aber eine Entsprechung, die weniger bekannt ist und selten angesprochen wird: die Zoomorphisierung des Menschen. Sie speist sich aus unserer Lust daran, sozusagen das innere Tier zu entdecken. Angeblich steckt es da noch unter der Oberfläche oder, wie früher oft formuliert wurde, unter dem dünnen Firnis der Zivilisation. Um was sonst handelt es sich, wenn populärwissenschaftliche Bücher mit riesiger Auflage beispielsweise Geschlechterunterschiede (darunter auch nur vermeintliche Unterschiede) burschikos mit Instinkt, Hormon und Evolution erklären? Gesellschaftskritische WissenschaftlerInnen fokussieren dagegen ganz auf die Kultur, etwa die Rolle der Sprache für die Geschlechterunterschiede. Sie lehnen biologische Erklärungen als politische oder gesellschaftliche Sachverhalte rundweg ab.

Mit seiner reflektierten Haltung sitzt Sapolsky genau zwischen den Stühlen, das heisst: in der Mitte zwischen einem sozialen Konstruktivismus, der keinerlei Interesse für die biologischen Dynamiken des menschlichen Verhaltens aufbringt, und einer reduktionistischen Hormon- und Hirnlehre, die einen Oxytocinblutspiegel oder ein Aktivierungsmuster von Hirnarealen für die Ursache eines menschlichen Verhaltens hält. «Wir müssen erkennen», erklärt er in seinem neuen Buch, «inwiefern wir die menschliche Physiologie – obwohl sie der anderer Tierarten gleicht – auf neue Weise verwenden. Wir aktivieren die klassische Physiologie der Vigilanz, während wir einen Horrorfilm anschauen.» Anders gesagt: Auch das besonders Menschliche beruht auf dem Tierischen.

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