Nr. 45/2012 vom 08.11.2012

Wenn die Hirne verschieden leuchten

Auch die Naturwissenschaften liefern Argumente für den Feminismus: Die Neurowissenschaftlerin und Psychologin Cordelia Fine hat Material gesammelt, das dem Biologismus der VereinfacherInnen widerspricht.

Von Bettina Dyttrich

Feministinnen und andere kritische Geister machen meist einen grossen Bogen um Hirnforschung. Kein Wunder – sie denken dabei an Bücher wie «Das weibliche Gehirn» der US-Psychiaterin Louann Brizendine, die eine einfache Botschaft verkünden: Die Gehirne von Frauen und Männern sind total verschieden, und das ist von Natur aus so festgelegt!

Auch die Kindergärtnerin von Cordelia Fines Sohn las ein Buch, das behauptete, das Gehirn eines Knaben sei «nicht in der Lage, eine Verbindung zwischen Gefühl und Sprache herzustellen». Damit war sie allerdings an die Falsche geraten: Fine ist selbst Neurowissenschaftlerin und Psychologin. Das Buch der Kindergärtnerin war ihr ein Anstoss, ein Gegenbuch zu schreiben. Feministinnen und andere kritische Geister sollten es lesen. Denn es liefert viele Argumente gegen VereinfacherInnen wie Brizendine (die notabene in Fachkreisen sehr umstritten sind, siehe WOZ Nr. 4/09).

Bezüglich Hirnforschung ist vor allem eines wichtig: Es ist sehr vieles unklar. Bildgebende Verfahren müssen in populärwissenschaftlichen Darstellungen oft als Beweis herhalten (weibliche und männliche Gehirne leuchten verschieden!), aber es ist unklar, ob sie überhaupt aussagekräftig sind. Die Unterschiede zwischen Männer- und Frauenhirn haben viel damit zu tun, dass Männerköpfe grösser sind, aber was verschieden aussieht und funktioniert, kann auch zu den gleichen Resultaten führen. Bei manchen Tieren ist das so.

Zwei Dollar pro richtige Antwort

Und die Hormone? Fine leugnet nicht, dass sie wirken. Allerdings auf beide Seiten: «Unsere Hormone reagieren auf das Leben, das wir führen, was die unzulässige Trennwand zwischen innerer Biologie und äusseren Lebensumständen zum Einsturz bringt.» Das macht den tiefen Graben zwischen «Natur» und «Kultur» und zwischen Natur- und Geisteswissenschaften, an den wir uns so sehr gewöhnt haben, absurd. Lebewesen funktionieren nicht nach dieser Trennung. Fine zitiert die Neurophysiologin Ruth Bleier, die schon 1984 betonte: «Die Biologie definiert Möglichkeiten, aber sie zementiert sie nicht; sie ist nie unerheblich, aber sie ist auch nicht allein ausschlaggebend.» Das gilt nicht nur für Menschen: Bei Makaken, einer Affenart, nehmen die Männchen je nach Population ihre Vaterrolle stark oder überhaupt nicht wahr. Kulturelle Unterschiede also, auch bei Tieren.

«Die Geschlechterlüge» beschränkt sich nicht auf die Hirnforschung, sondern geht auch auf viele andere empirische Forschungen ein. Studien zum Verhalten in Prüfungssituationen zeigen, wie fliessend die Wahrnehmung der eigenen Geschlechtsidentität ist. In einem Test über die eigene Empathiefähigkeit schnitten, wie viele erwarten würden, die Frauen besser ab. Der Geschlechterunterschied verschwand jedoch, als allen Testpersonen pro richtige Antwort zwei US-Dollar versprochen wurden …

Oft spielt in Testsituationen die sogenannte Stereotypbedrohung eine Rolle: Wenn Frauen vor einer Mathematikprüfung ein Werbespot gezeigt wird, der Frauen als doof darstellt, sinkt ihre Leistung. Das Gleiche gilt, wenn vor dem Test behauptet wird, in diesem Gebiet seien Frauen generell schwächer. Angst engt das Denken ein, Klischees machen Leute dümmer, als sie sind.

Cordelia Fine beschäftigt sich auch mit den Hindernissen, an die Frauen im Beruf heute noch stossen – oft wird das gleiche Verhalten bei einem Mann positiv, bei einer Frau negativ bewertet –, und natürlich mit Kindererziehung: Die Frustration von Eltern, die ihre Kinder genderneutral zu erziehen versuchen, sei «zu einer gern vorgebrachten Lachnummer geworden». Tatsächlich resignieren viele Eltern, wenn die Tochter trotz allem interessanten Spielzeug nur auf Prinzessin Lillifee abfährt und der Sohn trotz einfühlsamem Papa zum Rüpel wird: Es sind wohl doch die Gene.

Das rosa Pony in Schwarz

Doch so einfach lässt sich die Autorin nicht abspeisen. Sie zeigt, dass auch viele Eltern, die sich «neutral» verhalten wollen, ihren Kindern Stereotype vorleben. Und vor allem: Eltern erziehen ihre Kinder nicht allein. Die ganze Welt ist «gegendert», fast jeder Gegenstand, jede Handlung ist weiblich oder männlich konnotiert, und «mit unermüdlicher Neugier testen Kinder Hypothesen», während sie versuchen, die Welt zu verstehen. Auch dazu gibt es amüsante Untersuchungen: «My Little Pony», ein klassischer rosa Mädchentraum, wurde schwarz angemalt, bekam eine kurze Mähne und spitze Zähne. «Sowohl Jungen als auch Mädchen stuften das veränderte Pony als Jungenspielzeug ein, und die meisten Jungen waren sehr daran interessiert, eines zu bekommen.»

Cordelia Fine glaubt daran, dass sich die Geschlechterrollen «immer weiter auflösen» lassen. Doch der reine Wille wird nicht reichen: Die ökonomischen Machtverhältnisse, die Stereotype immer wieder herstellen, geraten der Autorin gegen den Schluss etwas aus dem Blick. Oft scheint es ihr vor allem darum zu gehen, dass Frauen möglichst viele Männerdomänen erobern, ohne zu fragen, ob diese Domänen überhaupt einen Sinn haben. Wirklich fragwürdige Männerwelten wie das Militär kommen nicht vor.

Und einmal verhaut sich die Autorin leider völlig: im Kapitel, in dem es um das Adrenogenitale Syndrom (AGS) geht. AGS führt bei Menschen mit weiblichem Chromosomensatz zu einer Vermännlichung der äusseren Geschlechtsorgane – der argentinische Film «XXY» aus dem Jahr 2007 handelt davon. Völlig unkritisch schreibt Fine: «Das Kind wird in der Folge kontinuierlich mit Hormonen behandelt, einige Zeit später nimmt man einen chirurgischen Eingriff vor, um die Form der Genitalien dem Geschlecht anzupassen, und das Kind wird als Mädchen aufgezogen. Das bietet der Forschung die Möglichkeit, die Auswirkungen hoher Testosteronwerte im Uterus zu untersuchen (…).»

Das tut weh. Nicht nur stellt die Autorin Operationen ohne Einwilligung des Kindes, gegen die es zu Recht Proteste gibt, als Selbstverständlichkeit dar – das Einzige, was sie interessiert, ist offenbar, was die Betroffenen der Forschung bieten können. Und AGS-Menschen sind nicht einfach «Mädchen mit virilisierten Genitalien»: Warum soll jetzt auf einmal das Geschlecht der Chromosomen das Einzige sein, was zählt? Sehr schade, dieser Ausrutscher in einem an sich wichtigen und lesenswerten Buch.

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