Nr. 42/2017 vom 19.10.2017

«Sion 2026»: Im Riesenslalom am Stimmvolk vorbei

Über zwanzig Milliarden Franken kosteten die Olympischen Winterspiele von Sotschi. Abgesehen von autoritären Staaten reisst sich niemand mehr um die Spiele – mit Ausnahme des erweiterten Wallis.

Von Etrit Hasler

Man könnte sagen: Sie sind einfach unbeugbar, diese WalliserInnen. Oder aber: Sie lernen es nie. Bereits zum vierten Mal seit 1976 will der urchige Bergkanton das vierjährliche Treffen der selbsterklärten AmateursportlerInnen, die Olympischen Spiele, nach Sion und in die Umgebung bringen. Dabei ist die Geschichte des letzten Scheiterns noch nicht verarbeitet: Bis heute erzählt Adolf Ogi auf Anfrage davon, wie er von Juan Antonio Samaranch, dem damaligen Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees (IOK), in letzter Minute verraten worden sei, obwohl ihm dieser «die Spiele versprochen» gehabt habe.

Dass das Ehrenwort des ehemaligen Sportministers der spanischen Militärdiktatur nicht gerade aus olympischem Gold geschmiedet war, hätte man sich vorher denken können. Und dass sich Ogi bei der damaligen Kandidatur ausgerechnet auf die Unterstützung des damaligen Fifa-Präsidenten Sepp Blatter verliess, darf mit gutem Gewissen als naiv bezeichnet werden. Denn für Blatter wie für das IOK gilt: Sie wollen Geld verdienen. Und das ist mit Sport in der Schweiz, ausser als Firmensitz, nicht ganz so einfach.

Olympische Spiele kosten Unsummen. Und entgegen allen Versicherungen des IOK im Rahmen seiner Agenda 2020, dass Spiele transparent und nachhaltig organisiert werden können und sich vom Gigantismus wegbewegen sollen, bleibt der Grossteil dieser Kosten jeweils an den Austragungsnationen hängen: Jede Durchführung der Winterspiele in den letzten zwanzig Jahren kostete den Austragungsort über zwei Milliarden US-Dollar. Turin, das sich 2006 gegen Sion durchsetzte, gar vier. Und Putins Propagandaspiele in Sotschi kosteten unglaubliche 21,89 Milliarden, wie eine Studie der Universität Oxford aufzeigte. Wobei übrigens die Folgekosten der Instandhaltung einer überdimensionierten Infrastruktur über Jahrzehnte noch nicht einberechnet sind.

Kein Wunder, bevorzugt das IOK «unkomplizierte», sprich straff hierarchische oder gar diktatorische Regimes als Partnernationen für das «Zusammenführen der Athleten der Welt zu einem grossen Fest des Sports, den Olympischen Spielen», wie es in der Charta des IOK heisst. Allein bei der Vergabe der Winterspiele 2022 scheiterten fünf Kandidaturen an der mangelnden Unterstützung der Politik oder durch Volksentscheide: München, Stockholm, Krakau, Oslo und nicht zuletzt die erfolgreich von einer Basisbewegung bekämpfte Kandidatur in Graubünden kamen nicht zustande – übrig blieben Kasachstan und China.

Und für 2026 sieht es nicht besser aus: Anfang dieses Jahres sprach sich der Kanton Graubünden – angeführt notabene von den Gemeinden, in denen die Spiele hätten stattfinden sollen – erneut an der Urne gegen eine Kandidatur aus. Und am Wochenende lehnte die Tiroler Bevölkerung eine Kandidatur Innsbrucks mit gut 53 Prozent der Stimmen ab.

Doch in Sion soll alles anders werden: Die Kandidatur für 2026, lanciert übrigens vom Präsidenten des Fussballvereins FC Sion, Christian Constantin, der sich in der Zwischenzeit aufgrund seiner Prügelaffäre aus dem Komitee zurückziehen musste, verteilt sich auf insgesamt vier Kantone, wodurch deren Beiträge so klein gehalten werden könnten, dass sie unter der Grenze für das obligatorische Referendum hindurchschlüpfen würden. Ein cleverer Trick, aber nicht sehr demokratisch gedacht.

Die Hauptkosten von knapp einer Milliarde Franken soll der Bund tragen. Doch auch dort gab es Widerstand gegen das Projekt: VBS-Chef Guy Parmelin (SVP) hat das Dossier erst im zweiten Anlauf durch den Bundesrat gebracht. Insbesondere sei die Frage aufgetaucht, inwiefern sich der Bund gegen Folgekosten absichern könne. Zu Recht: Die letzten sechs Winterspiele kosteten im Schnitt 123 Prozent mehr, als dafür budgetiert worden war. Auf die Schweizer Kandidatur hochgerechnet wären das dann noch einmal rund zwei Milliarden Franken. An der Pressekonferenz meinte Parmelin, dass dies noch abzuklären sei. Dass er auch noch im Bundesrat sein und die Verantwortung übernehmen wird, wenn sich 2026 dann herausstellen sollte, dass das leere Beschwichtigungen waren, darf bezweifelt werden.

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