Nr. 35/2017 vom 31.08.2017

Die anderen nicken, sie hält den Kopf gerade

Im Krieg und in den Ferien: Die britische Sängerin Nadine Shah hat mit «Holiday Destination» ein packendes Album zu den Konflikten der Zeit eingespielt.

Von Florian Keller

Sängerin Nadine Shah: «‹Immigrant› ist zum Fluchwort geworden – wir müssen es zurückerobern.» Foto: Anna Victoria Best

Klingt so die Angst? Oder ist das schon Trotz, der die Angst vertreiben will? Das Schlagzeug gehetzt, der Bass hart angeschlagen, irgendwie panisch. Und darüber diese stolze dunkle Stimme, die den Horden, die sich überall erheben, entgegentritt: «You say ‹Out the way! Out the way! Out!›». Die Parolen der nationalistischen Rechten, zurück an den Absender.

Im beklemmenden Video zu «Out the Way» sehen wir weisses Landvolk, wie es Spalier steht in schwarzer Nacht. Sie tragen Kleider wie aus dem Heimatmuseum, die Frauen mit weissen Hauben, und dann nicken sie zum Rhythmus im flackernden Licht des Stroboskops, aber Headbangen ist das nicht, was die machen. Schon eher das beharrliche Nicken derer, die sich ihrer angestammten Stellung versichern wollen angesichts des Fremden in ihrer Mitte. In ihrer Mitte, da steht sie, und sie hält den geschundenen Kopf gerade: durchdringender Blick aus schwarzen Augen, gebrochene Nase, das Blut über der Lippe schon halb eingetrocknet.

Sie, das ist die britische Sängerin Nadine Shah, 31 Jahre alt, aufgewachsen in einem Küstenkaff nördlich von Sunderland. Die abgedunkelte Stimmung, die gebieterische Wärme in ihrer Stimme: Das kennt man schon von ihr, spätestens seit ihrem zweiten Album «Fast Food» (2015), das ihr immer wieder Vergleiche mit Siouxsie and the Banshees einbrachte. Sie liess einem aber auch fast keine Wahl. Melodieführung, Stimmfarbe, gediegen verhallte Gothic-Kulisse: Der Titelsong gleich zum Auftakt klang tatsächlich wie eine einzige Verneigung vor der Schamanin des britischen Postpunk.

Schroff, ruppig, getrieben

Dieses ganze Dark-Wave-Mobiliar hat Nadine Shah jetzt nicht weggeräumt, aber in den zehn Songs auf ihrem neuen Album «Holiday Destination» wirkt vieles schroff, ruppig, getrieben. Wer periodisch ein bisschen Erlösung in einem erhebenden Refrain will, sucht besser woanders. Und für all jene, die unbedingt eine weitere Vergleichsgrösse nötig haben, könnte man ergänzen: Nadine Shah hat ihr Spektrum in Richtung von PJ Harvey erweitert. Musikalisch karger also, aber drängender, weil näher an den Konflikten der Zeit. Shah macht das gleich zu Beginn klar, mit dem fiebrigen Geklöppel und den nervösen Gitarren in «Place Like This», einem struppigen Funk über Entwurzelung und verlorene Heimat. Und am Ende des Songs hören wir eine kleine Demo mit der einschlägigen Parole: «Refugees are welcome here.»

Ja, «Holiday Destination», wie die beiden Vorgänger von Ben Hillier produziert, ist ein sogenannt politisches Album, und zwar eines, das sich auch unmissverständlich als solches annonciert. Das Cover zeigt ein zertrümmertes Haus im Gazastreifen, in einem der klaffenden Einschlaglöcher posiert ein Junge. Und über dem Foto der Albumtitel: «Holiday Destination». Ferienziel Kriegsruine? Es ist ein Cover wie aus dem Crashkurs für Text-Bild-Ironie.

Die Gitarren schlagen Alarm

In der Musik selber verfährt Nadine Shah nicht annähernd so plakativ, auch wenn im Titelsong zu Beginn die Gitarren Alarm schlagen. Wir sind auf einer Ferieninsel am Meer, Shah singt von Toten im Wasser und vom Stau am Land. Die Gegensätze, die hier aufeinanderprallen, hat sie der Wirklichkeit entnommen, die ihr aus dem Fernsehen entgegenschlug: ein Bericht über Feriengäste auf Kos, die sich vor laufender Kamera über das Flüchtlingselend beschweren, das ihnen hier den wohlverdienten Urlaub vermiest habe. Irgendwie könne sie das sogar halbwegs nachvollziehen, sagte Nadine Shah in einem Interview für das Musikmagazin «The Quietus»: «Du arbeitest richtig hart das ganze Jahr und reist dann irgendwohin, um zu entspannen, und dann musst du all diese furchtbaren Dinge mit ansehen. Klar, wahrscheinlich verdirbt einem das die Ferien. Was mich aber wirklich schockierte, war der totale Mangel an Mitgefühl bei diesen Feriengästen, die das auch noch freudig vor der Kamera mitteilten.»

Ihre Fassungslosigkeit darüber hat Nadine Shah mit «Holiday Destination» in ein gleichförmig treibendes, von Störgeräuschen durchwehtes Mantra gefasst: «How are you going to sleep tonight?» Wie könnt ihr bloss schlafen heute Nacht? Ihre Stimme ist das einzig Tröstliche an diesem Song, der immer dieselben Runden dreht, und kein befreiender Refrain weit und breit. Ansonsten singt sie auf dem Album weniger über diesen oder jenen Beziehungsstatus, dafür öffnet sie auch mal den Blick für Perspektiven, die nicht ihre eigenen sind. Etwa die einer Mutter in einem Kriegsgebiet, die sich von ihrem flüchtenden Kind verabschiedet («Mother Fighter»).

Zurück, aber wohin, bitte?

Wovon sie aber in «Out the Way» singt, das weiss sie selber ganz genau. Als Tochter eines Einwanderers aus Pakistan und einer Mutter mit norwegischen Wurzeln sah sich Nadine Shah schon öfter rassistischen Anwürfen ausgesetzt. «‹Immigrant› ist zum Fluchwort geworden», sagt sie. «Wir müssen es zurückerobern. Es ist kein Schimpfwort, es ist nichts, wofür man sich schämen müsste.» Seit dem Brexit sei es nicht gerade seltener geworden, dass sie jemand auf offener Strasse irgendwohin zurückschicken will, wo sie gar nicht herkommt.

«Where would you have me go?», fragt sie nun rhetorisch in «Out the Way». Und wenn am Ende des Songs dann das Saxofon zu einem wahnsinnigen Solo ansetzt, das eigentlich gar keines ist, nur ein verstörend monotones Stakkato aus gebellten Tönen, brutal und verzweifelt, dann weiss man: Es ist nicht die Angst, die so klingt, und auch nicht der Trotz. Sondern der Irrsinn im Jahr 2017.

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