Nr. 43/2017 vom 26.10.2017

Wo auch die Langsamen Platz haben

Der Kanton Bern will sparen, auch bei der Bildung. Die einzige Schweizer Biogartenbauschule soll kein Geld mehr bekommen. «Dann müssen wir schliessen», sagt die Schulleiterin.

Von Bettina Dyttrich (Text) und Ursula Häne (Foto)

PraktikerInnen für den ökologischen Umbau: Der Gartenbauschule Hünibach droht das Aus, obwohl der Kanton eine Biooffensive gestartet hat.

Die Sorge um die Eidechsen. Sie ist etwas, was Fabian Zurflüh in Hünibach beeindruckt. «Wir drehen immer die Giesskannen um, bevor wir sie füllen. Damit die Eidechsen nicht ertrinken. Und wir fördern Insekten und Vögel mit Insektenhotels und Nistkästen.»

Zurflüh ist im ersten Lehrjahr zum Staudengärtner an der Gartenbauschule Hünibach (GSH) am Thunersee. Davor hat er bereits Polymechaniker gelernt, «aber ich wollte etwas Geerdeteres machen». Über seinen Lehrmeister weiss er nur Gutes zu sagen, und das Konzept der Schule überzeugt ihn: «Anbaumethoden, die die Natur pflegen und fördern – das ist die Zukunft.» Nur die vielen MitschülerInnen lenken ihn manchmal ab. «Ich wohne hier im Internat. Manchmal nehme ich mir vor, am Abend zu lernen, lande aber doch mit Kollegen am See.»

BiogärtnerInnen gibt es nicht

Die Gartenbauschule Hünibach ist in der Schweiz einzigartig. Sie ist die einzige Schule für Biogartenbau und funktioniert als Lehrwerkstatt: Die rund fünfzig Auszubildenden arbeiten nicht in Firmen, sondern in der Schule. «Im Gegensatz zur Privatwirtschaft geht es bei uns nicht darum, möglichst schnell und möglichst viel zu arbeiten», sagt Schulleiterin Marianna Serena. «Unsere Ausbildner haben eine pädagogische Ausbildung oder sind auf dem Weg dazu.» Etwa ein Drittel der Lernenden habe mit psychischen Belastungen zu kämpfen oder auch einfach Mühe mit Pünktlichkeit, Disziplin und Tempo. «Sie brauchen eine engere Begleitung. Aber das Ziel ist auch bei ihnen das Eidgenössische Fähigkeitszeugnis.» Bewusst unterrichtet man in Hünibach stärkere und schwächere Lernende gemeinsam. «Die Praxis gleicht vieles aus. Manche, die in der Schule knapp mitkommen, sind bei der Arbeit sehr geschickt.»

Bald könnte es vorbei sein mit dieser besonderen Institution. Denn der Kanton Bern will 185 Millionen Franken jährlich sparen. Darum hat der Regierungsrat das «Entlastungspaket 2018» geschnürt (vgl. «Kahlschlag querbeet» im Anschluss an diesen Text). Eine der über 150 Massnahmen betrifft die GSH: Die zwei Millionen, die der Kanton der Gartenbauschule jährlich zahlt, sollen gestrichen werden. Das ist die Hälfte des Schulbudgets; die andere Hälfte erwirtschaftet sie selbst. «Wir können unser Budget nicht einfach halbieren», sagt Serena. «Wir müssten schliessen.»

Die Gartenbauschule liegt im schmalen Agglomerationsstreifen am Nordufer des Thunersees. Ein Kran verdeckt die grandiose Aussicht auf Eiger, Mönch und Jungfrau. Im Eingangsbereich tragen junge Leute Töpfe herum, giessen, karren Erde heran. Dazwischen wählen KundInnen Pflanzen aus: Die Gartenbauschule ist auch ein Fachgeschäft, das über tausend verschiedene Pflanzen anbietet und einen Bioladen mit eigenem Gemüse betreibt. Die GSH wurde 1934 als Gartenbauausbildungsstätte für Frauen gegründet. Die Leiterinnen setzten von Anfang an auf die biodynamischen, von Rudolf Steiner geprägten Methoden. Heute gehört die Schule einer Stiftung. Seit den neunziger Jahren steht sie auch Männern offen.

Das Berufsverzeichnis des Staatssekretariats für Bildung sieht im Gartenbau keine Bioausbildung vor – im Gegensatz zur Landwirtschaft, wo es offiziell den «Landwirt mit Schwerpunkt Biolandbau» gibt. Darum ist das Zusatzzertifikat Biolandbau, das in Hünibach zur Grundbildung gehört, nicht offiziell anerkannt. Das sei stossend, sagt Serena: «Der Staat soll anerkennen, dass es auch ausgebildete Biogärtner braucht. Die Kunden sind sensibler geworden, sie wollen heute auch lokal und ökologisch produzierte Stauden und Zierpflanzen. Für unsere Stauden kommen die Kunden von weither – wir könnten viel mehr produzieren, wenn wir mehr Platz hätten.» Den Schwerpunkt Biolandbau bei den GärtnerInnen im Berufsverzeichnis zu verankern, ist Serenas Ziel. «Wenn wir überleben, werden wir das vorantreiben. Der Kanton Bern hat in der Landwirtschaft eine Biooffensive gestartet, und gleichzeitig will er die einzige Biogartenbauschule schliessen?»

Zu teuer?

In Hünibach werden beide Biorichtungen gelehrt: die biologisch-organische, die die Grundlage für das Knospe-Label ist, und die biodynamische. «Manche können damit nichts anfangen. Andere kommen gerade deshalb zu uns», sagt Serena. Auch Fabian Zurflüh hat die Begeisterung für das Biodynamische gepackt, seit er bei einem Bauern eine Stunde lang eines der anthroposophischen Präparate gerührt hat. «Das hat mich richtig geflasht. Das ist Meditation!»

Er habe viele Träume, sagt Zurflüh: mehr über Nützlinge lernen, ein Permakulturprojekt aufbauen, sich in Naturheilkunde weiterbilden. Vorerst büffelt er 780 Pflanzennamen, deutsch und lateinisch. Sein Kollege Simeon Röthlisberger muss als angehender Zierpflanzengärtner nur 420 lernen – er kann sich vorstellen, Umweltingenieur zu werden. An Hünibach stört ihn vor allem eines: Im Winter gebe es zu wenig zu tun. Beide wirken hoch motiviert, angehende Praktiker, wie sie die Wirtschaft braucht, wenn sie den ökologischen Umbau schaffen soll.

Wie kann Regierungsrat und Erziehungsdirektor Bernhard Pulver als Grüner das Aus der GSH verantworten? Er finde die Streichung des kantonalen Beitrags überhaupt nicht gut, sagt Pulver: «Nach dreizehn Sparpaketen gibt es aber kaum mehr Sparmassnahmen, hinter denen ich mit Überzeugung stehen kann.» Als einziger Deutschschweizer Kanton biete Bern noch eine Vollzeitgärtnerausbildung an. «Es stellt sich die Frage, ob sich unser eher finanzschwacher Kanton dies auch in Zukunft leisten kann und will.» Hünibach sei teuer: «Pro Lernenden zahlen wir hier rund dreimal so hohe Beiträge wie in der dualen Gärtnerausbildung.»

Marianna Serena kontert: «Natürlich sind wir teurer – in einer normalen Lehre bezahlt der Staat nur einen Schultag in der Woche, bei uns finanziert er die Löhne der Ausbildner mit. Aber dafür schaffen bei uns viele den Lehrabschluss, die in der Privatwirtschaft keine Chance hätten.»

Inzwischen haben über 20 000 Personen eine Petition zur Rettung der GSH unterschrieben, darunter auch SVP-Mitglieder wie der Thuner Stadtpräsident Raphael Lanz und die Grossrätin Sabina Geissbühler-Strupler. Ende November wird der Grossrat über die Gartenbauschule entscheiden – und über viele weitere fragwürdige Sparmassnahmen.

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