Nr. 43/2017 vom 26.10.2017

Überschuss des Absurden

Von Florian Keller

Ist das noch Kunst oder schon Barbarei? Das ist die Frage in der grossen, verstörenden Schlüsselszene von «The Square», dem diesjährigen Gewinner der Goldenen Palme. Da wildert ein Performancekünstler als entfesselter Affenmensch durch ein Galadinner, er japst und faucht und brüllt die feine Gesellschaft an wie ein Tier. Wie lange ist dieser Rücksturz ins Animalische als grenzwertiger Kunstgenuss zu tolerieren, wann schlägt das distinguierte Unbehagen in Entsetzen um?

Es sind grosse Fragen, mit denen der schwedische Regisseur Ruben Östlund hier in der liberalen Seele stochern will. Er kann das, er hat das zuletzt in «Turist» gezeigt, wo er mitten in den Skiferien das männliche Selbstverständnis eines hippen Familienvaters implodieren liess. Jetzt wechselt Östlund vom Wintersport in den Kunstbetrieb, aber wieder nimmt er einen schönen Mann in seiner ganzen Selbstgenügsamkeit auseinander.

Hier ist es Christian (Claes Bang), Chefkurator eines grossen Kunstmuseums in Stockholm. Als ihm bei einem – auch sehr performativen – Trickdiebstahl das Smartphone geklaut wird, lässt er sich einen hanebüchenen Plan aufschwatzen, um es zurückzuholen. Dann will eine Journalistin (Elisabeth Moss) scheinbar an sein Sperma, und die Marketingboys im Museum bringen ihn mit einem zynischen Internetvideo in Bedrängnis. Bald wächst ihm alles über den Kopf. Aber als er sich mal für etwas entschuldigen will, tut er das auch nur für die Kamera – und doziert dabei bald selbstgerecht von den gesellschaftlichen Strukturen, die er für sein Tun verantwortlich machen kann.

Östlund zeigt das mit der ihm eigenen Akribie: ausgedehnte, perfekt abgezirkelte Szenen, die oft einen Überschuss des Absurden transportieren. Aber die Gags über moderne Kunst sind etwas dünn; was in «Turist» kompakt war, tendiert hier ins Längliche. Die Kritik an der liberalen Scheinheiligkeit bleibt wohlfeil, weil bloss mit dem Finger auf den Heuchler gezeigt wird: Seht den Kurator, der die Kunst gerne als symbolischen Freiplatz für jene Menschlichkeit feiert, vor der er in seinem gut gepolsterten Alltag selbst nicht bestehen kann.

Ab 26. Oktober 2017 im Kino.

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