Nr. 43/2017 vom 26.10.2017

Der Milliardär

Ruedi Widmer über den Reiz der reichen Politiker

Von Ruedi Widmer

Ich habe Angst, Angst, meinen ohnehin miesen Job zu verlieren, Angst vor den Leuten auf der Strasse. Ich lebe in einer Demokratie und kann mitsprechen. Ich habe einen Wahlzettel vor mir.

Am nächsten steht mir der Milliardär. Der versteht etwas von dem, was ich zu wenig habe: Geld. Und ich biete ihm etwas, was er schmerzlich vermisst: den Chic der Strasse. Denn wenn der Milliardär unterwegs ist, sieht er die Welt durchs abgetönte Glas im Fond des Audi A8. Sie besteht aus Leitplanken, Beton, Hochhausskylines, Firmenlogos. Selten aus Menschen. Das ist schade, denn der Milliardär schaute schon an der Hand seines Kindermädchens neidisch auf die Kinder, die sich schmutzig machen durften, denen niemand dauernd schaute und die das Leben in überfüllten Zügen genossen. Oder auf jene, die eine Lehre als Handwerker machen durften und nicht ins Eliteinternat mussten.

Die Flüchtlinge nehmen sich diese Freiheit einfach, ohne zu fragen, ohne zu zahlen. Sie sind das Lumpenproletariat von heute. Dem geht aber ab, was den Milliardär einst beim Lumpenproletariat anheimelte, das er in der Kirche traf: das Schweizerdeutsche, das Blonde, das Gebückte, das ehrliche Ärmliche, der ehrliche Hunger, der unterwürfige Gruss auf der Strasse. Und natürlich die Abgabe des Zehnten.

Ich habe den Milliardär gewählt. Weil er weiss, wie die Wirtschaft läuft, nicht wie die Banker im Tram, denen es nur ums Geld geht. Weil er den Kampf gegen die Elite führt. Natürlich, er übertreibt sicher auch mal, aber ich spüre es im Urin: Seine Lügen sind ehrlicher als die Lügen der Elite.

Der Milliardär wird mir einen besseren Arbeitsplatz verschaffen, da bin ich ganz sicher, denn er hat es im Wahlkampf versprochen. Er wird nicht allen einen Arbeitsplatz geben, er ist ja nicht sozialistisch, sondern er wird mir einen geben, und vielleicht noch ein paar anderen Männern, die ihn so fest gewählt haben wie ich.

Was mir auch gefällt: Er spricht grob. Das ist sympathisch bei einem, der so gescheit ist und der sogar an der Universität war. Man kann da auch sinnvolle Sachen studieren, nicht nur Gender und Soziales. Ich kann nicht verstehen, wie man gegen den Milliardär sein kann. Klar, wenn man zur Elite gehört, dann ist es verständlich. Aber die wenigsten von uns gehören dazu. All die Büezer, die haben nichts von Gleichstellung, Wirtschaftswachstum, Wissensaustausch, Banken, Kultur, Boni, Frauenförderung, Sozialstaat, Abzockerei, der SRG, der EU, dem Bundesrat und solchem Zeug.

Der Milliardär weiss natürlich, wie er mich packen kann, das merke ich schon. Er macht mich wichtig, indem er diejenigen um mich herum abwertet. Zum Beispiel die Ausländer und Frauen. Er sagt: «Die müssen sich integrieren.» Das finde ich auch, denn ich habe mich integriert in die sauertöpfische, misstrauische Welt um mich herum. Es geht mir auf den Keks, wenn Frauen lachen. Ich habe immer das Gefühl, sie würden über mich lachen. Oder die Ausländer, die so fröhlich tun. Die all die teure Infrastruktur der Schweiz gebaut haben, die ich jetzt mit meinen Steuern berappen muss.

Der Milliardär ist eigentlich wie ich, nur eben gescheiter und reicher, weil er eine Firma hat. Aber er kann es mit mir. Und ich kann es mit ihm.

Der Milliardär hat vielleicht auch nicht so viel Selbstvertrauen wie ich. Also schon, wegen dem Geld. Aber das Geld ist ein Schutz. Ich habe keinen Schutz. Der Milliardär gibt ihn mir. Mit seiner Partei.

Der Milliardär braucht mich sogar noch mehr als ich ihn. Seine Partei ist schliesslich dafür da, seine Macht abzusichern. Sie ist nicht dafür da, mir mehr Macht zu geben. Ich will auch keine Macht, ich will mich hingeben.

Natürlich ist das Verführung, ein Spiel. Man kann das auch geniessen, wenn man die Sache durchschaut. Das ist wie die Liebe.

Aufgezeichnet von Ruedi Widmer, einem Cartoonisten aus Winterthur.

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